Karies „Alice“ / Review

Cover: Karies „Alice“

Die Stuttgarter Band Karies beweist auf ihrem aktuellen Album aufs Neue, dass ihre Musik mindestens ebenso ansteckend wie ihr Name klingt. Anders als auf den zwei stoischen wie düsteren Vorgängern schafft Alice das aber mit breiteren Sounds und poetischen Texten. Karies beweist Mut zur Farbe.    

Erster Gedanke: Wim Wenders’ Film Alice in den Städten von 1974. Irgendwie passend zu den bisher eher schwarzweiß oder zumindest blass gehaltenen Covern, Musikclips und Ähnlichem der Gruppe Karies. Zweiter Gedanke: Der Song „Alice“ der kargen, post-punkigen Version der frühen Sisters Of Mercy von 1983, lange bevor deren Andrew Eldritch den opernhaften Meat-Loaf-Bombast entdeckte und seltsam wurde. Der Drumcomputer der Sisters hieß Dr. Avalanche. Karies sind in ihren Songs ebenso eine Maschine, die einen mit- oder sogar aufsaugt. Dritter Gedanke: bunte Bomberjacken als Zeichen für Unübersichtlichkeit? Oder für das Älter-geworden-Sein? Ausdrücklich mit Fragezeichen. Iggy Pop, auch alt, sagt ja, Berlin vor der Wende sei faszinierend schwarzweiß gewesen und erst danach bunt geworden. Bunt bedeutet dabei weniger langweilig als vielmehr nicht mehr so fokussiert aufs Dagegensein.

Es ist Herbst. In Jeder Hinsicht.

Vierter Gedanke: Kontextgestrüpp weg, nochmal zuhören, fallen lassen in Musik und Texte. Feststellen und fühlen, dass bei Karies eine eisige Sonne eingezogen ist, die über das glitzernde Eis strahlt. „Holly steht allein im Wald / (…) Watching you, watching me“, heißt es im Opener „Holly“. Aufgepasst, das Historiengestrüpp kehrt zurück: Die leichten Überschläge im Gesang lassen Karies ein wenig mehr in Richtung nichteinverstandener Seite der ehemals Neuen Deutschen Welle klingen, à la The Wirtschaftswunder, Der moderne Man oder Hans-A-Plast. Doch Obacht: Diese waren zwar quietschfidel, gleichzeitig keinesfalls immer nur lustig.

Alice verdichtet sich auf „1987“, das einerseits Trip-Hop-industriell schleppend stampft und augenzwinkernd swingt – und stellenweise gar einen Vocoder anklingen lässt. Geht eigentlich gar nicht. Geht hier bei Karies aber absolut und mitreißend. Punkspießer werden das nicht mögen. Ich beginne es zu lieben. Vorläufig letzter Gedanke: Es ist Herbst. In jeder Hinsicht.

Diese Albumkritik wird auch in SPEX No. 383 erscheinen. Das Heft ist ab dem 25. Oktober versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

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