Kanye West pendelt auf Jesus Is King 27 Minuten lang zwischen Wertkonservativismus, Selbstüberschätzung und Gebets-Anleitung. Ob man’s glaubt oder nicht: Damit ist er am Zenit seiner Karriere angekommen.

Kanye West ist jetzt Christ. Richtig, born again und so. Wann genau das los ging, ist nicht ganz klar. Öffentlich wurde es allerdings erst als der Rapper damit begann, kryptische Sonntagsmessen abzuhalten, unter anderem am wohl unchristlichsten Ort der Welt, dem Coachella Festival in Kalifornien. Es folgten einige vollmundige Aussagen darüber, dass er nun seine wahre Bestimmung gefunden habe (Jesus) und fortan keine säkulare Musik mehr machen möchte. Des Weiteren darf seine Tochter North jetzt kein Make-Up mehr tragen und er soll seine Mitarbeiter_innen im Studio gebeten haben, auf Sex vor der Ehe zu verzichten, während sie mit ihm an Jesus Is King werkeln. Weil, Sie wissen schon, das macht Jesus traurig.

Kanye West 2019: Frömmigkeit, Enthaltsamkeit, Strenge und Frömmigkeit (Foto: Universal Music).

Aber nein, es soll hier gar nicht darum gehen, sich über Wests Glauben lustig zu machen. Das wäre zu billig. Und aus der Perspektive der Pop-Kritik natürlich Unsinn. Schließlich hat nicht nur schätzungsweise 80 Prozent der zeitgenössischen Musik irgendeine religiöse Querverbindung im Stammbaum, auch Leuten wie etwa Bob Dylan haben ein paar Jahre Gottesfürchtigkeit keinesfalls geschadet. 

Vielmehr ist Wests neueste Wendung ein Beweis dafür, dass man sein Schaffen im Herbst 2019 ohnehin nur noch ernsthaft betrachten kann, wenn man seine in den vergangenen Jahren übergroß gewordene Persona für einen Moment ausblendet. Donald Trump hat also dragon energy? Sklaverei ist eine Entscheidung? Mit seiner Unterstützung für Trump soll Gott höchstpersönlich die liberals getrollt haben? Alles klar, Kanye. Und jetzt zur Musik.

Denn die trat letztlich zugunsten eines Katasters von Kontroversen sträflich in den Hintergrund. Fast vergessen hatte man, dass man für ein paar Jahre mal die eigene Pop-Uhr verlässlich nach Wests Hirn stellen konnte. Egal ob The College Dropout, 808s & Heartbreak, My Beautiful Dark Twisted Fantasy oder mit Abstrichen auch Yeezus. Was der Mann aus Chicago machte, machte kurz darauf auch der Rest.

Als würde Hans Zimmer auf der Kirchenorgel jemanden verprügeln

Spätestens nach der Hälfte der 27 Minuten auf seinem neunten Album Jesus Is King wird klar, dass das so nicht mehr stimmt. Hoffentlich. Denn nach dem zugegebenermaßen mitreißenden Gospel-Intro „Every Hour” zeigt sich, dass der ehemalige Mischpult-Hexer augenscheinlich seinen Zauberstab verlegt hat. „Selah” verlässt sich auf stimmungsvolle Kirchenorgeln samt jeder Menge „Hallelujah”, biegt aber schnell in eine Richtung ab, die klingt, als hätte Hans Zimmer persönlich einen sunday service vertont. Oder präziser: Als würde Hans Zimmer auf der Kirchenorgel jemanden verprügeln. 

Das soll Überwältigung erzeugen, überwältigt aber letztlich vor allem in seiner Simplizität. Was sich übrigens auch in den Texten spiegelt: „Everybody wanted Yandhi / Then Jesus Christ did the laundry”, rappt West an einer Stelle. Okay, so kann man natürlich auch erklären, warum man ein angekündigtes Album nie veröffentlicht hat.

Darauf folgt allerdings ein Lichtblick. „Follow God” entspinnt sich um ein für West typisches Whole-Truth-Sample aus den Siebzigern, zerfließt zu reduzierten 808-Beats über weniger als zwei Minuten Spielzeit und kann einem tatsächlich glaubhaft machen, warum West zum Glauben gefunden hat: „I’m just tryna find, I’ve been lookin’ for a new way / I’m just really tryin’ not to really do the fool way”, rappt er da.

Letzteres wird allerdings gleich im nächsten Song auf die Probe gestellt. „Closed On Sunday” zupft und droht so bierernst aus den Lautsprechern, dass man Gefahr läuft, auf der Stelle zur Salzsäule zu erstarren. Es dauert einen Moment, bis West die erste Zeile haucht: „Closed on Sunday / You’re my Chick-fil-A”. Ernsthaft? Hat er da gerade seine Frau Kim Kardashian West mit einer in den USA beliebten Fast-Food-Kette verglichen? Natürlich. Denn, sie wissen schon, hehe, sonntags geht da nix, am Tag des Herrn. 

Weiter: „Hold the selfies, put the ’Gram away / Get your family, y’all hold hands and pray / When you got daughters, always keep ’em safe / Watch out for vipers, don’t let them indoctrinate”. Gut möglich, dass West es damit geschafft hat, den wertkonservativsten Lovesong aller Zeiten zu schreiben. Denn die wichtigsten Attribute sind im Verlauf der zweieinhalb Minuten: Frömmigkeit, Enthaltsamkeit, Strenge und Frömmigkeit.

Dahinter reihen sich noch ein retrospektiver Song mit Kirmes-Synthesizer und zugegeben starkem Grammy-Diss („On God”), ein Track, von dem Nicki Minaj offenbar wegen zu vieler Schimpfworte flog („Everything We Need”), eine Meditation auf Wasser, an der Johannes der Täufer seinen Spaß gehabt hätte („Water”), eine charmant schief gesungene Kirchentagshymne in spe („God Is”) sowie eine Wagenladung megalomanischer Selbstvergleiche und Ratgeber zum Beten.

West ist im Jahr 2019 eine Art Perpetuum mobile des Pop

Interessant ist daran vor allem, wie egal das ist. Nicht nur auf musikalischer Ebene. Sicher, man merkt, dass aus einem der besten Remixer der letzten Jahrzehnte zwischenzeitlich eher ein professioneller Wiederaufkocher geworden ist. Und ja, christlich beseelten Hip-Hop hat Chance The Rapper mit Coloring Book eigentlich auserzählt. Was hier allerdings vor allem deutlich wird, ist, wie egal schwache Alben für Wests persönlichen Erfolg geworden sind.

Wenn Jesus Is King überhaupt etwas ist, dann ein Zeugnis davon, welch ein genialer Selbstvermarkter West ist. Und wie sehr sich die Mechanismen der Pop-Industrie in nur wenigen Jahren geändert haben. Das Album wurde dreimal verschoben und zwischenzeitlich einmal ganz abgeblasen. West stand in den vergangenen Jahren immer wieder massiv in der Kritik, spätestens sein öffentlicher Flirt mit Präsident Trump dürfte viele langjährige Fans abgestoßen haben. Und seit The Life Of Pablo nahm die Qualität seines musikalischen Outputs verlässlich ab. Jesus Is King bestätigt das. 

Bei allen anderen Künstler_innen würde man an dieser Stelle wohl von einer Krise sprechen. Nicht bei West. Im Gegenteil, gemessen an objektiven Standards befindet sich der 42-Jährige am Zenit seines Schaffens. Laut Forbes hat er allein in den vergangenen zwölf Monaten 150 Millionen Dollar umgesetzt, auch dank eines augenscheinlich bequemen Deals mit Adidas und seines Abos auf Kontroversen, die ihm einen Platz im kollektiven Gedächtnis garantieren. Damit rechtfertigt sich auch, warum seine Plattenfirma weiterhin bereit ist, Millionen für missglückte rollouts bereitzustellen. Er hat also genau jenen Zustand erreicht, der in Zeiten von Instagram, Tiktok und allumfassender Aufmerksamkeitsökonomie sozusagen der heilige Gral der Industrie ist. Mit zweifelhaften Mitteln zwar, aber West ist im Jahr 2019 eine Art Perpetuum mobile des Pop. Und nein, damit hat Gott ausnahmsweise nichts zu tun. 

Kanye West
Jesus Is King
(Def Jam / Universal)
Erschienen am 25.10.