Kamasi Washington – »Rassismus ist ein Teil meines Lebens« / Interview & Ticketverlosung

Foto: Claudia Rorarius

Er spielte Saxofon auf Kendrick Lamars To Pimp A Butterfly, mit The Epic gelang ihm eines der herausragenden Alben des Jahres. Aufgewachsen ist Kamasi Washington in Inglewood. Einem jener Teile von Los Angeles, in denen ein schwarzes Leben noch nie viel wert war. Anlässlich seiner bevorstehenden Livetermine ist das komplette Gespräch über strukturellen Rassismus, die Segnungen des Internet und die Kraft der Musik aus SPEX N° 366 nun auch online zu lesen. Zudem verlosen wir Tickets.

Kamasi Washington, Sie sind als schwarzer Junge in Inglewood aufgewachsen, einem sozialen Brennpunkt bei Los Angeles. Was hatten Sie für eine Kindheit?
Im Prinzip eine zweigeteilte. In der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, ist der Druck auf junge Afroamerikaner sehr hoch. Man entwickelt fast automatisch ein negatives Selbstbild und fühlt sich als minderwertiger Krimineller. Diesem Sog zu widerstehen, ist extrem schwer. Als ich noch klein war, schien dieser Weg auch für mich vorgezeichnet zu sein, dagegen konnte mein Vater gar nichts machen. Das gesamte Umfeld bestand aus Gangstern und Drogen.

Trotzdem sollte Ihr Weg ein komplett anderer werden, nicht zuletzt, weil bereits ihre Eltern Musiker waren und sie früh an die Musik heranführten.
Mit elf hatte ich das große Glück, den Jazz für mich zu entdecken. Parallel kam ich über die Schule in ein Programm, wo uns beigebracht wurde, unser negatives Selbstbild zu überdenken. Das hatte zur Folge, dass ich eine völlig andere Perspektive auf meine Umwelt entwickelte. Plötzlich wurde mir klar, dass in Inglewood gleichzeitig das kulturelle Herz von Los Angeles schlägt. Die relevantesten Künstler, Musiker und Dichter leben genau da, bei uns um die Ecke! Es gibt dort eben beides: Gewalt, Gangs und Drogen ebenso wie eine Menge großartiger Kunst. Es kommt immer auf die eigene Perspektive an.

Wie man hört, hatten Sie früher sowohl bei den Crips als auch bei den rivalisierenden Bloods Freunde. Eine durchaus ungewöhnliche Konstellation.
Aber so war es. Meine Eltern hatten sich getrennt, danach lebte mein Vater im Bloods-Gebiet in Inglewood und meine Mutter in einer Crips-Gegend in South Central Los Angeles. Ich hing also abwechselnd mit beiden ab und sagte ihnen stets: Jungs, ihr kennt euch eigentlich gar nicht, aber lasst euch von mir sagen, dass es absolut keinen Grund gibt, einander zu hassen. Alle wussten Bescheid, aber ich bekam nie Probleme.

»Es ist schlimm, sich sein ganzes Leben wie ein wandelndes Ziel zu fühlen.«

Das alles ist inzwischen über 20 Jahre her, aber geändert hat sich in diesen Gegenden praktisch nichts. Sind Sie in dieser Hinsicht enttäuscht von Barack Obamas Präsidentschaft, von der sich viele nicht zuletzt eine Verbesserung der Situation der schwarzen Unterschicht versprochen hatten?
Nun, ich bin Realist. Wir leben nicht in einer Monarchie, Obama ist nicht der König. Er kann also nicht tun, was er will. Er hat trotzdem eine Menge erreicht, das muss man ganz klar sagen. Allerdings hat er auch Fehler gemacht. Aber niemand ist perfekt. Insgesamt finde ich, angesichts der miserablen Lage, in der das Land war, als er angetreten ist, hat er seinen Job ziemlich gut gemacht. Amerika war in einem desaströsen Zustand, die Bush-Jahre haben ihren Tribut gefordert. Obama hat das Land nicht auf den Kopf gestellt, aber unser System ist auch nicht darauf angelegt, von einem einzelnen auf den Kopf gestellt zu werden.

Große Teile seiner Amtszeit war er in entscheidenden innenpolitischen Fragen nicht beschlussfähig angesichts republikanischer Mehrheiten.
So ist es. Das wirklich Schlimme daran ist die Tatsache, dass seine Gegner sich in vielen Fragen ausschließlich irrational und destruktiv verhalten haben. Sie haben ihn blockiert und Anträge scheitern lassen, einzig und allein aus strategischen Erwägungen. Ihrem Land haben sie damit keinen Dienst erwiesen. Einigermaßen kindisch, wenn Sie mich fragen.

Insbesondere in den letzten zwei Amtsjahren von Obama wurden die USA von einem vermehrten Aufkommen polizeilicher Gewalt und rassistisch motivierter Tötungen durch Polizisten erschüttert. Diese Dinge hat es immer gegeben, doch so sehr im Mittelpunkt der Wahrnehmung standen sie lange nicht. Wieder einmal wurden die USA mit der Tatsache konfrontiert, dass die Zeit der Sklaverei nie richtig aufgearbeitet wurde.
Rassistisch motivierte Polizeigewalt gegen Schwarze hat es gegeben, so lange ich denken kann. Die einzige größere gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema fand in den Sechzigern statt, angestoßen durch die damalige Bürgerrechtsbewegung. Damals hat sich einiges geändert, aber die Vorurteile und der Rassismus in den Köpfen der Menschen lassen sich nicht durch Beschlüsse ausradieren. Während das öffentliche Bild der amerikanischen Gesellschaft sich wandelte, ging unter der Oberfläche alles so weiter wie immer. Aber nun passiert etwas Besonderes: Plötzlich haben wir alle Smartphones und Digitalkameras, die wir immer bei uns tragen. Fälle wie Ferguson werden also zum ersten Mal seit vielen Jahren gut dokumentiert, womit die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit auf diese Verbrechen gerichtet wird, die lange Zeit im Verborgenen stattfanden. Das versetzt uns in die Lage, diese Dinge endlich wieder effektiv bekämpfen zu können. Diesmal hoffentlich, indem wir sie für immer hinter uns lassen – und nicht nur aus der öffentlichen Wahrnehmung verbannen.

 
Was bedeutet der strukturelle Rassismus ganz konkret für Ihr Leben als schwarzer Amerikaner?
Es ist schlimm, sich sein ganzes Leben lang wie ein wandelndes Ziel zu fühlen, ständig bedroht zu sein. Selbst ich, also mein heutiges Ich, Absolvent der University Of California, ausgebildeter Musiker … Ich habe nie in meinem Leben gegen irgendein Gesetz verstoßen, aber ich weiß und spüre, dass viele Polizisten mich automatisch als Bedrohung empfinden, nur weil ich schwarz bin. Das ist keine Art zu leben.

Es handelt sich tatsächlich um ein strukturelles Problem, das geht schon in der Schule los. Chancengleichheit ist für große Teile der afroamerikanischen Bevölkerung ein weit entfernter Traum. Es gibt nur sehr wenige Schlupflöcher.
Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen: Als ich klein war, gab es eine Maßnahme, die sich The Magnet Program nannte. Das war eine Reaktion auf die Proteste der Sechziger. Es ging darum, alle staatlichen Schulen demokratisch mit Lehrmitteln und Geld auszustatten und die begabteren Kinder auszusieben. Wenn Sie nämlich damals in einer armen schwarzen Nachbarschaft wohnten, aber dennoch smart genug waren, die entsprechenden Tests zu bestehen, hatten Sie die Chance auf eine gute Ausbildung. So ging es mir. Ich war gut in diesen Tests, also kam ich an eine Schule, an der es für alle Schüler Bücher gab. Ich hatte sogar so viele, dass ich sie gar nicht alle auf einmal tragen konnte. Mein Bruder hingegen schnitt weniger gut in den Tests ab, er musste auf eine andere Schule – und während seiner vierjährigen Highschool-Zeit hatte er nicht ein einziges Buch.

Viele Jahre später waren Sie nun an zwei Alben beteiligt, die dem Protest gegen diese Missstände eine Stimme geben: Ihr eigenes Werk The Epic und Kendrick Lamars To Pimp A Butterfly stehen in der Tradition der großen amerikanischen Protestalben Songs in The Key Of Life, There’s A Riot Going On und What’s Going On. Hatten Sie diesen Effekt im Sinn?
Ich wollte ein klares Statement darüber abgeben, wer ich bin, wo ich herkomme, was mich ausmacht. Und da gehören bei meiner Geschichte und Herkunft all diese Dinge natürlich zwangsläufig dazu. Erfahrungen mit Rassismus und Polizeigewalt sind ein Teil von mir. Allerdings, und das ist mir wichtig, stecken natürlich auch die Liebe, die Freundschaft, meine Familie, all die positiven Dinge, die ich erfahren habe, in dieser Musik.

»Erfahrungen mit Rassismus und Polizeigewalt sind ein Teil von mir.«

Die Zeit der großen Protestbewegungen ist vorbei. Haben Sie trotzdem den Eindruck, dass sich in den USA vor dem Hintergrund der Geschehnisse von Ferguson und anderswo eine ähnlich potente Bewegung bilden könnte wie in den Sechzigern?
Davon bin ich sogar überzeugt. Nach meiner Beobachtung wachen eine Menge Leute gerade auf. Es braucht ein bisschen Zeit, über Generationen haben die Leute geschlafen und sich einlullen lassen. Aber ich glaube, allein die Tatsache, dass die Informationen sich über das Internet so frei bewegen können, setzt Energie frei.

Aktuell sind zumindest keine Anzeichen für einen strukturierten Protest erkennbar, oder?
Es dauert natürlich, bis die Leute sich organisieren, bis sie Leitfiguren in dieser Frage gefunden haben. Musik empfinde ich übrigens als einen sehr wichtigen Baustein auf dem Weg dahin. Wenn Sie meine Musik hören, können Sie nicht anders als die Botschaft zu empfangen, das lässt sich gar nicht vermeiden. Da findet ein emotionaler Austausch statt. Als Bebop aufkam, hat das die Beziehungen der Menschen untereinander dergestalt verändert, dass sie automatisch gegen die repressiven gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aufbegehrt haben. Musik hat die Kraft, jahrelange mentale Verwüstung zu kurieren und die Leute aufzuwecken.

To Pimp A Butterfly und The Epic könnten diese Funktion für Ihre Generation übernehmen.
All die Vorteile an der engen Vernetzung der Welt spiegeln sich auf diesen beiden Alben: Sie beschränken sich nicht auf ein Genre, sind nicht nur Jazz oder nur HipHop. Dass nun ausgerechnet diese Alben so populär sind und sich gut verkaufen, bestätigt meine These, dass es einfach nicht stimmt, dass die Leute eher seichte Musik hören wollen und mit komplexeren Themen nichts anfangen können, wie ständig behauptet wird. All die Alben, die Sie vorhin genannt haben … Songs In The Key Of Life und Marvin Gayes Sachen hatten ebenfalls diese universelle Ansprache, ohne besonders komplex zu sein. Sie waren offen – und haben so die Herzen und Köpfe der Menschen geöffnet. Wenn der Kopf sich öffnet, beginnt man zu denken. Und das ist nie verkehrt.

Dieses Interview ist erstmals in der Printausgabe SPEX N°366 erschienen. Hier kann das Heft versandkostenfrei bestellt werden.

SPEX präsentiert Kamasi Washington live
16.08. Berlin – Astra
17.08. Hamburg – Stadtpark verlegt ins Gruenspan

SPEX verlost 1×2 Tickets für jedes der Konzerte von Kamasi Washington. Wer teilnehmen möchte, schickt einfach bis zum 14. August eine Mail mit dem Betreff »Kamasi Washington« an gewinnen@spex.de. Viel Glück!

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