Kamasi Washington – Epos ohne Verstand / Deutschland-Konzerte angekündigt

Foto: Mike Park

Kamasi Washington hat mit seinem Debütalbum The Epic einen Jazz-Meilenstein vorgelegt. Nun hat er die Daten für seine Welttournee bekanntgegeben, die ihn auf fünf Stationen auch nach Deutschland führt. Ein Mann mit Saxophon, der den Pop-Kosmos derart aufmischt? Das ist mindestens eine genauere Betrachtung wert.

Ein 32-köpfiges Orchester? Ein Chor mit 20 Sängern? Zwei Schlagzeuger und zwei Bassisten? Drei Stunden Spielzeit? Man kann nicht sagen, dass Kamasi Washington auf seinem ersten Album The Epic kleckern würde. Bei ihm geht es zur Sache, in die Höhe und vor allem in die Breite. Der Komponist und Saxofonist stammt aus Los Angeles, genauer gesagt aus South Central, und hat schon seit seinem zweiten Lebensjahr mit Musik zu tun. Es ist aber nicht allein der frühe Karrierestart, der seinen Werdegang ungewöhnlich macht: »Wenn du aus South Central kommst«, sagt Washington, »erwarten die Leute von dir, dass du die ganze Zeit im Gefängnis sitzt. Nicht, dass du klassische Musik magst.«

Washington lernte zunächst Klarinette, fand sein Instrument aber erst, als er mit zwölf Jahren zum ersten Mal ein Saxofon in die Hand nahm. Acht bis zehn Stunden übte er fortan täglich. Seine Mutter fürchtete, ihr Sohn leide unter Depressionen, weil er seine Freunde nicht mehr besuchte. Dabei sagt Washington: »Es ist es ein unglaubliches Gefühl, sich durch Musik ausdrücken zu können. Als würde man sich von allen Enttäuschungen und Problemen befreien und eine Verbindung mit etwas Größerem eingehen. Ich wollte einfach nichts anderes mehr tun.«

Washingtons Entschlossenheit zahlte sich aus. Sie brachte ihn mit Musikern wie Snoop Dogg, Gerald Wilson und Flying Lotus zusammen, auf dessen Alben Cosmogramma und You’re Dead! sein Saxofon zu hören ist. Die Zusammenarbeit reicht so weit, dass The Epic nun auf FlyLos Label Brainfeeder erscheint, das Jazz sonst eher als Ausgangspunkt für elektronische Welterkundungen versteht. Die Dreifachplatte erzählt einerseits von Washingtons Selbstfindung als Künstler: Ihm geht es darum, nicht bloß seinen Verstand, sondern seine ganze Persönlichkeit auszudrücken. Seine Musik steckt denn auch voller Soul, manchmal verneigt sie sich Richtung Stevie Wonder. Andererseits ist das Mammutalbum ein Dokument der langjährigen Freundschaft mit hochtalentierten Musikern, die Washington seit seiner Kindheit kennt. Den Schlagzeuger Ronald Bruner lernte er mit drei Jahren kennen, ebenso dessen Bruder Stephen, besser bekannt als Thundercat. »Die geschriebene Musik ist Ausdruck dessen, wer ich bin«, sagt Washington. »Ihre Darbietung aber ist Ausdruck meiner selbst und aller anderen, die sich mit mir im Raum befinden.«

Für Washington hat The Epic zudem eine spirituelle Dimension, die über seine Persönlichkeit hinausgeht. »Die Musik«, sagt er, »steht in Verbindung mit einem anderen Reich. Von dort kommt sie eigentlich her. Sie kommt aus uns heraus, doch sie kommt nicht zwangsläufig von uns selbst. Wir formen und gestalten sie lediglich, bis sie zu uns passt.« Wie Washington selbst bekennt, ist er all over the place, ein ewig rastloser Geist. Kein Wunder also, dass sein Jazz, der vom Bombastisch-Orchestralen bis zum konzentrierten Bandsound alle möglichen Erscheinungsformen annimmt, sich nicht auf herkömmliche Plattenformate beschränkt. Ist der Verstand erst mal ausgehebelt, gibt es eben eine Menge zu sagen.

Dieses Feature ist in der Printausgabe SPEX N° 361 erschienen, die versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden kann.

SPEX präsentiert Kamasi Washington live
06.11. Hamburg – Grünspan
08.11. Mannheim – Enjoy Jazz Festival
17.11. Köln – Club Bahnhof Ehrenfeld
18.11. München – Unterfahrt
22.11. Berlin – Neue Heimat

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