Kalab: Experimenteller Glitch aus Jaipur / Feature

Foto: Brenda Alamilla

Es ist sicherlich dem eigenen eindimensionalen Bild von Rikschas, Tuktuks und bunten Saris in sandig-heißen Gassen geschuldet, dass man vieles aus der Millionenstadt Jaipur im indischen Bundesstaat Rajasthan erwartet – den stählernen, radikalen Glitch von Kalab aber eher weniger. Infolge einer zweimonatigen Residency in Berlin brachte der Künstler sein Album Ank auf dem Gebrüder-Teichmann-Label Noland heraus. SPEX hat mit ihm gesprochen. 

Wenn Neues in der elektronischen Musik passiert, kann man fast darauf wetten, dass ein Teichmann in irgendeiner Art und Weise seine Finger im Spiel hat. Auch im Fall von Ujjwal Agarwal a.k.a. Kalab waren es die beiden Brüder, die den indischen Produzenten nach Berlin geholt haben. Die Border Movement Residency, in deren Jury die Teichmanns saßen, wird vom Goethe Institut und Ableton getragen und ermöglicht es internationalen Künstlern, zwei Monate in Berlin die Szene kennenzulernen und untereinander Kontakte zu knüpfen – für Agarwal eine bereichernde Erfahrung: „Ich war fast jeden Tag auf einem Konzert. Die Vielfalt der Performance-Kunst, die Berlin zu bieten hat, war überwältigend. Es war wirklich eine Erfahrung, die mein Leben verändert hat. Von Street Art über Noise-Konzerte bis hin zu Oper – das habe ich alles mitgenommen.”

„Seit meinem Aufenthalt in Berlin traue ich mich mehr, die Regeln konventioneller Musik zu brechen.”

Auch das Zusammenleben mit anderen Künstlern in der Residency erwies sich als Inspirationsquelle. Aus den Diskussionen über Gott, die Welt und Kunst, rauchend in lauen Sommernächten auf einem Kreuzberger Balkon, entwickelte sich nicht nur die Freundschaft mit dem mexikanischen Videokünstler Eric Erre, sondern auch eine kreative Kollaboration. „Wir haben uns sofort verstanden”, sagt Agarwal von Erre, der bei seinen Berliner Gigs die visuelle Ebene beisteuerte und auch das Video zu “4” produzierte.

Die meist in schwarz-weiß gehaltenen, immer wieder ins Unscharfe, Verpixelte abgleitenden Fahrten durch abstrakte pseudo-Architektur wirken wie eine Mischung aus 90er-Jahre-Computerspielen mit abstürzender Grafikkarte und der hypnotischen Faszination von Windows-95-Bildschirmschonern. Gebannt blickt man auf die karge, industrielle Stahlkonstruktion, während die harten, metallenen Klänge von Kalabs Komposition polyrhythmisch und häufig atonal dröhnen.

Agarwal hatte das Material für Ank schon seit einiger Zeit zum kostenlosen Download auf seiner Soundcloudseite angeboten. Aber erst seine Erlebnisse in der Berliner Szene und die Unterstützung von Andi Teichmann bewegten ihn dazu, die Tracks neu anzugehen und als Album auf Noland, dem Hauslabel der Teichmanns, zu veröffentlichen. „Ich habe zum ersten Mal eine richtige Szene und ein Publikum für elektronische Musik gesehen. Das hat mich darin bestärkt, weiter meinen eigenen Sound zu suchen. Ich traue mich mehr, die Regeln konventioneller Musik in meiner Arbeit zu brechen.”

Gebannt blickt man auf karge Stahlkonstruktionen, während die harten, metallenen Klänge von Kalabs Komposition polyrhythmisch und atonal dröhnen.

Als ihm sein Alltag als Grafikdesigner vor fünf Jahren zu monoton wurde, entdeckte Agarwal, damals noch mit Lebensmittelpunkt in Bombay, eine kleine, sich gerade erst herausbildende Szene für elektronische Musik. Das befriedigende Gefühl, selbst am Computer Tracks produzieren und seinen eigenen Sound herausarbeiten zu können, trieb ihn an, in eher experimentellere Gefilde der elektronischen Musik vorzustoßen.

In Jaipur, wo Agarwal jetzt lebt, gibt es allerdings kaum Gelegenheit für ihn, seine Musik auch live zu präsentieren. „Es gibt keine Szene für elektronische Musik in Jaipur. Nur den schlimmsten EDM in super kommerziellen Clubs.” Trotzdem will er weiterhin Tracks produzieren und damit in Clubs auftreten. Gerade arbeitet er mit seinem Freund und Kollaborateur Eric Erre an einer visuellen Show für die Live-Performance seines Albums Ank.

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