Führt Kaitlyn Aurelia Smiths New-Age-Sound ins neue Zeitalter? Wo wollen Kassel Jaeger & Jim O’Rourke hin? Seit wann hat Perfume Genius seinen Körper wieder? Drei Fragen an die drei Alben der Woche.

Es ist gar nicht so lange her, da schien sich alles zum Schlechteren zu wenden, weil sich alle dem vermeintlich Besseren zuwandten: Dank Compilations wie I Am The Center auf krediblen Labels wie Light In The Attic sowie natürlich breitenwirksam durch Yoga-Playlists und die Mood-Aufheller-Algorithmen dieser Welt wurde ausgerechnet New Age wieder in den Grenzbereich der allgemeinen Restaufmerksamkeit gehoben. Die Leute wollten wieder chillen, die Leute wollten sich wegträumen – von der Straße zurück in die Natur, aus der Stadt hinaus aufs Land oder gleich in neue Sphären. Brrrr.

Kaitlyn Aurelia Smith by Press 2020
Nix da Breakdance, das ist Buchla-Yoga – Kaitlyn Aurelia Smith (Foto: Promo).

Als Kaitlyn Aurelia Smith im Jahr 2016 mit ihrem Album EARS und einer Kollaboration mit der – per Selbstbeschreibung – Dioden-Diva Suzanne Ciani ihren Durchbruch feierte, passte sie bis ins letzte Detail ins Mindfulness-Kostüm und unterlief die Schwurbeligkeit ihrer Synthesizer-Endlos-Epen zum Glück doch mit vielen Jazz-Einschlägen und Know-How über Pop-Strukturen, soll heißen: mit einem handfesten System im Hinterkopf. Das unterscheidet Smith auch zwei Solo-Konzeptalben später – eins über das innere Kind in uns und ein anderes mit Gebrauchsmusik für Meditations- und Yoga-Sessions – weiterhin vom Gros ihrer Mitstreiter*innen.

Auch The Mosaic Transformation widmet sich dem dämlichstmöglichen Grundgedanken mit ordentlicher Formstrenge. Es geht um die Liebe zur Elektrizität. Brrrzzzzz. Mehr noch waren für die Kompositionen die Bewegungsroutinen maßgeblich, die Smith täglich durchführt. Diese seien als eine Art komplementäre „visuelle Sprache“ zur Musik zu verstehen, oder würden zumindest wie ein Mosaik holistisch ein größeres Bild abgeben, das wiederum kontinuierlichen Veränderungen ausgesetzt ist – und so weiter, und so tiefer rein in den Kaninchenbau esoterischen Hochgejazzes recht banaler künstlerischer Praxen bewegt sich die Waschzettelprosa zu den neun Stücken.

So viel penetranten Patschuli-Geruch und deplatzierte Self-Care-Ideologie dieses Album dementsprechend ausströmt, setzt The Mosaic Transformation seinen Hippie-Überbau allerdings doch sehr sympathisch um. An den Grundzutaten von Smiths Musik hat sich allemal wenig geändert: Der Buchla-Synthesizer brummt kunterbunte Spiralen in den Raum, Smith stimmt mit sich selbst einen Kanon an und hier oder dort huscht sogar ein feiner Klapperbeat zur Unterstützung herbei. Flickenteppichprinzip forever! Das geht mal anderthalb, mal fast elf Minuten lang. Wie lange genau, ist dabei auch komplett schnurz. An Smiths Musik fühlt sich schließlich alles konstant aus der Zeit gefallen an.

Und wer weiß, vielleicht lässt sich all das doch in eine Sprache übersetzen, die nicht völlig weltfremd klingt, sondern zur gerade rechten, das heißt zur schlechtestmöglichen Zeit einen Einklang von Physis und Psyche befördern will. Ein Einklang, der dringend notwendig scheint. Vielleicht hat Smith also gar keine Weltfluchtmusik geschrieben, sondern eine Anleitung zu deren graduellen Veränderung hin zu besseren Zeiten. Es mag immerhin ein Zeitalter angebrochen sein, in dem New-Age-Utopien wie ihre auf die Probe gestellt werden. Vielleicht schlägt dabei ja ein Funken über. Brrrrzzzzttttt.

Kaitlyn Aurelia Smith
The Mosaic Transformation
Ghostly International / Cargo
Erscheint am 15.05.

Kassel Jaeger & Jim O’Rourke – In Cobalt Aura Sleeps (Editions Mego)

Wie viele andere Labels fährt auch Editions Mego einen beschleunigten Kurs, um vielleicht irgendwann nach der Glättung der Wogen überhaupt noch den Kopf über Wasser halten zu können. Neben zahlreichen, weit vor physischem Release rasch über Bandcamp digital veröffentlichten Alben auf Mego und den diversen Sublabels wie Stephen O’Malleys Ideologic Organ gehört In Cobalt Aura Sleeps noch zum Nachklapp des regulären Release-Schedules. Und tatsächlich braucht es unbedingt die Zeit, an der es gerade nicht nur bei der Labelheimat mangelt. Der aktuelle GRM-Chef Kassel Jaeger (François Bonnet) und der sowieso immer hyperproduktive Leisetreter Jim O’Rourke umschleichen einander auf 40 Minuten zum bereits zweiten Mal seit ihrer ersten Kollaboration Wakes On Cerulean aus dem Jahr 2017. Das Prinzip ist einleuchtend, weil reiner Selbstzweck: Zuerst ist eine ganze Weile gar nichts zu hören, dann nur ein bisschen, kurz darauf wird’s etwas lauter, bevor dann alles wieder abflaut. Drones, Soundscapes, rhythmisches Gerüttel, Fade-Out. Einen Pokal für die Neuerfindung des Storytellings bekommen die beiden dafür nicht. Aber sie wollen sich ja sowieso vor allem durch Sound hervortun. Wo der eigentlich herkommt, ist bei Bonnet und O’Rourke genauso verschleiert wie das Ziel der beiden. Der Weg dorthin aber ist wunderbar verworren. Anders als Kaitlyn Aurelia Smith mit ihren Winkelzügen tut will dieses Album aber auch gar nicht mehr, als ein kurzes Klangbad zum Kopfreintunken anzubieten.

Perfume Genius – Set My Heart On Fire Immediately (Matador Records)

Selbst die abgedroschensten Pop-Phrasen bekommen von der Pandemie noch neues Leben eingehaucht. Das gilt umso mehr für den Nahkontakt-Pomp von Perfume Genius. Set My Heart On Fire Immediately (OMG!) heißt dessen fünftes Album, nachdem das letzte noch die allgemeine Wabbeligkeit ausgerufen hatte: Die Tage von No Shape, die Tage der Körperlosigkeit sind vorbei. „Your Body Changes Everything“ heißt stattdessen ein Song, andere „Just A Touch“ oder gleich „Whole Life“. Dazwischen geht es freilich auch um Abwesenheiten – „Without You“, „Nothing At All“ und „Leave“ –, im Zentrum aber steht das aktuell Unerreichbare: Erreichbarkeit. Besser als das Video zu „Desire“ drückt keiner dieser Songs aus, wie merkwürdig hochaktuell Mike Hadreas’ Musik plötzlich wird, wenn das scheinbar so Persönliche vor das Politische des Weltgeschehens gestellt wird. Kollektiv, Kolchose, Gruppenkuscheln: Was unter vormals normalen Umständen völlig abgegriffen wirken mag, verwandelt sich just in eine Utopie, wenn die reine Dinglichkeit wieder zum Garant für Dringlichkeit wird. Wo er seinen Körper wiedergefunden hat, ist damit nicht beantwortet, dieses Dasein aber muss nun auch verhandelt werden. Die Musik dazu ist weiterhin der simpelste Shortcut zwischen Glam-Rock-Camp, Joanna-Newsom-Opulenz und Radiohead-Pathos, Perfume Genius gewissermaßen also immer noch Xiu Xiu in ganz nett. Selbst das allerdings ist dieser Tage keine Selbstverständlichkeit.