K.I.Z – Rufmord sei Dank!

SPEX-Autor Marcus Staiger erinnert sich, wie er K.I.Z einst für sein wegweisendes HipHop-Label Royal Bunker unter Vertrag nahm.

Wie alle guten Sachen in meinem Leben, die ich erst mal aus Prinzip verschmähe, musste man mir auch K.I.Z regelrecht hinterhertragen. Ich fand die Band erst mal scheiße, was insofern noch nicht einmal der Wahrheit entspricht, weil ich mich an unser allererstes Aufeinandertreffen gar nicht mehr erinnern kann. K.I.Z waren hoffnungsvoll und jung, eine Band mit einigermaßen anpolitisierten Texten, und sie kamen zu mir in die Büroräume des Royal-Bunker-Studios, auf dass ich mir ihr Demo anhören sollte. Einigermaßen aufgeregt und mit hohen Erwartungen standen sie vor mir, einem freundlichen älteren Herrn in jugendlichem Gewand, der ich nicht besonders angetan war von dem, was ich da hörte. Mit ein paar warmen Worten und einigermaßen unverbindlichen Ratschlägen entließ ich die vier jungen Männer dann auch wieder.

Für mich als Plattenfirmenboss eine tägliche Übung – für eine junge Band eine kleine Katastrophe. Denn wie so oft im Leben, klaffen Wirklichkeit und Wunschvorstellung einigermaßen weit auseinander. Stellte man sich als Rapfan Royal Bunker als das Undergroundlabel schlechthin vor, musste man von der harten Realität der unbeheizten und schmuddeligen Kellerräume doch einigermaßen enttäuscht sein. Und war man sich als junger Musiker zu 100 Prozent sicher, dass man genau zum Labelprofil passen würde, weil man doch selbst Fan war und es sich in unzähligen Stunden genauestens ausgemalt hatte, wie es wohl wäre, wenn man dort einen Vertrag haben würde, dann traf einen die freundliche und nichtssagende Abweisung des Labelchefs bestimmt doppelt hart. So oder ähnlich muss das damals abgelaufen sein mit mir und K.I.Z, und fast wäre es auch dabei geblieben. Denn nach dieser Erfahrung hatten K.I.Z verständlicherweise erst mal gar keinen Bock mehr auf Royal Bunker. Sie wären wohl nie, nie wieder bei mir vorstellig geworden – solche Blöße gibt man sich kein zweites Mal.

Insofern hätte diese Begebenheit mit einem weiteren Biggest-Fail der Musikgeschichte enden können, und ich hätte mich irgendwann tatsächlich fühlen müssen wie der Mann, der seinerzeit die Beatles abgelehnt hatte – doch dann kam Rufmord. Rufi aka der Imagekiller war ebenfalls Rapper bei Royal Bunker und aufgrund seiner Märkischen-Viertel-Herkunft irgendwie mit K.I.Z befreundet. Er köderte mich auf einem Royal-Bunker-Trinkgelage damit, dass da vier Jungs seien, die alle voll die krassen Thaiboxer wären, und ich solle mir die Musik doch mal anhören. Ich wollte nicht. Ich wollte trinken. »Komm, hör doch mal rein«, nervte er. »Nein, ich habe Freizeit. Das Büro ist geschlossen«, stellte ich mich stur. »Aber du musst dir das anhören.« – »Nein.« – »Doch.« – »Nein.« – »Doch.« usw.

Schlussendlich habe ich mich so nachhaltig geweigert, dass er K.I.Z statt mir allen anderen anwesenden Royal-Bunker-Urgesteinsrappern vorspielte und erst als Fumanschu von MOR Ex MOR an mir vorbei huschte, anerkennend nickte und mir ein »Die sind echt gut« zuraunte, bequemte ich mich an den Computer, vor dem Rufi die ganze Mannschaft versammelt hatte. Was ich dann hörte, war das Beste, was ich seit Kool Savas dem Jüngeren jemals gehört hatte. »DasRapDeutschlandKettensägenMassaker / Wie, du setzt irgendwas dagegen Motherfucker? / Komm her! Du musst büßen / Allein in der Spree mit Beton an den Füßen.« Ich griff zum Telefon und tätigte den einzigen A&R-Anruf meiner Karriere. »Hallo, hier spricht Marcus Staiger von Royal Bunker, ich weiß nicht, ob Ihr mich kennt, aber ich wollte mal fragen, ob wir uns treffen können.«

Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte, und K.I.Z waren als Band so, wie Royal Bunker eigentlich immer sein wollte. Laut, pöbelig und unverschämt. Ein bisschen asozial, gleichzeitig schlau und sehr, sehr lustig. Wenn ich mir jemals eine Band hätte ausdenken müssen, dann wären es K.I.Z gewesen. Gutaussehend, charmant und geistreich. Eine Boyband – für jeden was dabei – und trotzdem straßenüberlebensfähig aufgrund von absoluter Realness und Authentizität. Eine Band wie aus dem Bilderbuch und wie gemacht für ein Label wie Royal Bunker. Sie waren die ersten, bei denen ich nicht das Gefühl hatte, die ganze Zeit pushen zu müssen, um wenigstens ein bisschen Erfolg zu haben. Bei allen anderen Künstlern musste man drücken und schieben, K.I.Z haben einfach so funktioniert. Wir haben die Medien mit den CDs bemustert. Die haben die CDs gehört und alles war klar. Es gab keine Diskussionen, ich musste niemandem erklären, wie, warum, was gemeint war, ich musste keine aufregenden Lebens- und Bandgeschichten mehr erfinden – nichts. K.I.Z waren da, und das war’s dann. Natürlich gab es Leute, die es nicht verstanden haben, aber die waren offensichtlich sehr dumm, und der Tarek-Spruch »Wenn du’s magst, bist du cool, wenn nicht, bist du ein Bastard« wurde zu unserem Leitspruch. K.I.Z starteten ihren Siegeszug und veränderten nachhaltig die Deutsche HipHop-Landschaft. Seit K.I.Z darf man erstens auch schwul sein und zweitens wieder lachen, denn schließlich sind sie auch offiziell die Erfinder von Deutschem Humor. Oder, um es mal mit ganz anderen Worten zu sagen: Die beste Band der Welt, auf dem besten Label der Welt.

Das beste Label der Welt ist nun schon seit längerem Geschichte. Die beste Band der Welt gibt es noch heute. Auf das beste Label der Welt kann die Menschheit gut und gerne verzichten, auf die beste Band hingegen nicht. In diesem Sinne: K.I.Z Für Immer. Für Immer K.I.Z! Rufmord sei Dank.

Ein umfassendes Feature zu K.I.Z ist in der Printausgabe SPEX N° 362 erschienen, diese kann hier versandkostenfrei geordert werden.

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