Justin Timberlake

Als ich euch, meinen Eltern, Freunden und Bekannten, damals vor etwa vier Jahren, diesen sympathischen jungen Mann mit den – zugegebenermaßen entliehenen – Worten vorstellte: »He’s a friend of mine. And he goes by the name: Justin«, meine Güte, war das ein Geschrei und Gezeter! Bist du jetzt komplett bescheuert? Was soll denn der Scheiß? Wilde Drohungen wurden ausgespuckt, Freundschaften gekündigt.
    Einer der schönsten dummen Sätze, an die ich mich erinnere, war zweifellos: »Wollt ihr den Trottel in der Indie-Welt beliebt machen oder was?« In der Indie-Welt? Am Ende war jedenfalls so ziemlich jeder Beteiligte auf beiden Seiten der Auseinandersetzung beleidigt. Nichtsdestotrotz erlebte dieses Magazin, vom dem wir hier natürlich eigentlich reden, eine seiner letzten großen Auseinandersetzungen über Musik überhaupt. Über die alten Damen »Mainstream« und »Underground« und die Frage (welche eine redaktionelle und nun mal leider keine den Leser betreffende ist): »Was gehört in die SPEX?«
Es war in diesem Sinne auch ein historischer Moment für die einstige »Bibel« des guten Musikgeschmacks: In diesem neuen, so unglaublich beschleunigten, digitalisierten und tausendfach vernetzten und zersplitterten Post-Pop-Zeitalter durften wir zum allerletzten Mal etwas sein (und dann leise davon Abschied nehmen): »opinion leader«. Und etwas haben: Recht.
    Für all diejenigen, die schon damals der gleichen Meinung waren, für die »Justified« immer noch als heller Stern am kargen Firmament steht,für die, denen nach »Like I Love You«, »Rock Your Body« und »Cry Me A River«, spätestens vielleicht nach »Signs« von Snoop Dogg feat. Timberlake, allmählich die Argumente ausgingen, warum es sich bei Justin Timberlake trotz erdrückender Beweislast nun ausgerechnet NICHT um einen der überlegendsten, ausgeschlafensten und in allen Disziplinen gewaschenen Typen der so genannten Popkultur des 21. Jahrhunderts handeln sollte – für euch alle also hat das Warten nun ein Ende (nebenbei, und ja, es klingt nostalgisch, aber: Wann wartet man überhaupt noch auf irgendetwas heutzutage, so wie man »früher« auf etwas GEWARTET hat?).
    Leider bekommen auch Magazine, die sich für Justin Timberlake mal haben steinigen lassen, keine Vorab-Kopien mehr, deshalb ist die Kunde, wie sich »FutureSex/LoveSounds« im Detail anhört, bei Erscheinen dieser Ausgabe schon etwas angestaubt. Trotzdem möchte ich davon erzählen. Nein, schwärmen möchte ich.
»Justin – The Art Of Pop« steht auf dem aktuellen Cover von Dazed & Confused. Ist Pop denn eine Kunst? Nicht unbedingt, aber es erleichtert dessen Herstellung ungemein, wenn man Künstler ist. Und die richtigen Zutaten kennt. Die vier Elemente des Pop, die heilige Viereinigkeit, hat JT diesmal jedenfalls schon im Titel zusammengetrommelt: Zukunft. Sex. Liebe. Sound. Die Zeit der Rechtfertigung ist vorbei. Jetzt darf gezaubert werden.
    Das erste Gebot: Du sollst nicht langweilen. Vor allem nicht dich selbst. Auch deshalb hat Justin Timberlake auf die Hilfe seines Freundes Pharrell Williams verzichtet und sich für Timbaland als Hauptproduzent entschieden. Nicht nach noch mehr smartem R’n’B-Pop stand ihm der Sinn, sondern danach, den Faden von »Cry Me A River« wieder aufzunehmen, Sachen auszuprobieren, die man so noch nicht gehört hat, weil sich schlicht keiner traut, sie auszuprobieren.
Und Lake und Land verschmelzen tatsächlich zu einem unschlagbaren Timber-Team. Sie croonen, kieksen, sprechsingen, murmeln, flüstern und schreien um die Wette, geben alleine durch den Einsatz ihrer Stimmen den einzelnen Songs eine einzigartige Rhythmik und Klangfärbung.
    Dazu lassen sie Achtziger-Synths heulen, als hätte es Techno nie gegeben, und basteln aus Old School-Referenzen und Laptop-Geklöppel Beats von Übermorgen, um das Ganze schließlich in der Königsdisziplin, dem Arrangement, zu fantastischen Pop-Tracks zu verschachteln. Man muss tatsächlich immer wieder den Index des CD-Spielers beobachten, um ihren Wegen folgen zu können. Computerspielen gleich werden verborgene Türen aufgestoßen, und plötzlich steht so ein Song in einem neuen Wunderland oder Soundgewand da und erzeugt eine feine Gänsehaut der Begeisterung. Wie in »My Love«, der sicheren zweiten Single, wo schon im vorhergehenden Song »Sexy Ladies« ein verblüffendes Interlude als Link und Brücke eingebaut wurde. Oder nimm das Acid-House-Drama-in-Slow-Motion »Summer Love«, den von Streichern umrahmten Übergang von »Lovestoned« zu »I Think That She Knows« …
    Selbst die zwei Stücke ohne Timbaland gelingen: Mit Will.I.Am (Black Eyes Peas) entstand das poppige »Damn Girl«, ein Song zwischen rohem HipHop und Las-Vegas-Revue-Nummer mit Daisy Age-Touch und Falsett-Gesang, während der von Rick Rubin mitproduzierte Ausklang des Albums, »(Another Song) All Over Again«, eine zwar konventionelle, aber doch herzzerreißende Soul-Ballade darstellt. Während »Justified« noch Michael Jackson zitiert bzw. in die Tasche gesteckt und sich vor allem vor Stevie Wonder verneigt hatte, schwingt sich Timberlake diesmal sogar auf, am Thron von Prince zu rütteln. So viel Funk, Sex, Future und Love war selten auf einer Platte.
Oops, he did it again.

LABEL: Jive / Sony BMG

VERTRIEB: Zomba / Sony BMG

VÖ: 08.09.2006

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