Justice „Woman“ / Review

Warum der Justice-Sound auch zehn Jahre später immer noch funktioniert? Das Duo transportiert dieses unbestimmt melancholische Sehnsuchtsgefühl, das den Moment jetzt schon zur verklärten Vergangenheit von morgen stilisiert.

Kaum zu glauben, dass es wirklich schon zehn Jahre her ist, dass man in der Dorfdisco zu „We Are Your Friends“ den Wodka-Energy in die Luft gestoßen und irgendwelchen längst vergessenen Schulkollegen ewige Freundschaft geschworen hat. Mit ihren fett produzierten Dancefloor-Killer-Hymnen machten Gaspard Augé und Xavier de Rosnay alias Justice 2006 erstmals Daft Punk die Alleinherrschaft auf dem French-House-Olymp streitig und das Label Ed Banger über Nacht zum Synonym für den neuen heißen Scheiß. Nach fünf Jahren weitgehender musikalischer Funkstille meldet sich das Duo nun mit Woman zurück und zeigt sich geschichtsbeflissener denn je.

Epische Motown-Chöre eröffnen die Songs mit eingängigen Melodien, verschwurbelte Electro-Sounds katapultieren die wohlige Disco-Ästhetik kurz aus der Retroschiene in die Jetztzeit, nur um dann umso verlässlicher zum Slap-Bass zurückzukehren. Die erste Singleauskopplung „Safe And Sound“ zeigt bereits wo die Reise hingeht: Wie Boney M. in ihren besten Jahren grooven sich Justice in ihrem Disco-Eklektizismus ein und holen sich für die authentischen Streicherflächen sogar das London Contemporary Orchestra ins Boot. Man kommt nicht umhin, unwillkürlich lässig mit den Schulter zu wackeln, innerlich mit den Fingern zu schnipsen und im Wechselschritt den hustle zu tanzen.

Justice erinnern an die Zeit, als man Wodka-Energy noch besser vertragen hat.

Inspiriert vom synthlastigen Achtziger-Wave-Pop klingt Morgan Phalens Falsettgesang, der auf „Pleasure“ in etwas simpler Poetik „Imagination“ auf „Destination“ reimt, fast schon nach Michael Jackson zu „Wanna Be Startin’ Somethin’“-Zeiten – wären da nicht die unverkennbaren Filter-Breaks und massive sidechain compression. Und so liefert „Alakazam!“ dann auch endlich die vertraute Druckwelle der Justice Signature-Bassdrum und drängt mit maximaler Schubkraft auf den Dancefloor. Ziel: der hedonistische Exzess.

„So many nights, so many memories“, singt Zoot Woman-Sänger Johnny Blake passend dazu auf „Stop“ und bringt auf den Punkt, warum der Justice-Sound auch zehn Jahre später immer noch funktioniert: Das Duo transportiert dieses unbestimmt melancholische Sehnsuchtsgefühl, das den Moment jetzt schon zur verklärten Vergangenheit von morgen stilisiert. Nostalgie im ursprüngliche Sinne beschreibt die Sehnsucht nach einem im Rückblick idealisierten Ort, der in Wirklichkeit so nie existiert hat. „Woman“ beschwört mit einer gewissen Zeitlosigkeit eine musikalische Ära herauf, die so nie geklungen hat. Und ein bisschen auch die Zeit, als man Wodka-Energy noch besser vertragen hat. Zumindest rückblickend betrachtet.

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