Gähnende Leere

justice-civilization-video    Größenwahn und Provokation gehörten schon immer zum künstlerischen Credo von JUSTICE: Bereits zu Beginn ihre Karriere kultivierten Gaspard Augé und Xavier de Rosnay ihr Image als Rockstars unter den DJs mit Skinny Jeans, Lederjacken und verschwitzter Schmuddeligkeit. Ihre Auftritte gestalteten sie mit dem riesigen, leuchtenden Kreuz als überlebensgroße Affirmation der Idee des Clubs als postmoderner Kathedrale, an deren Altar der DJ eine Messe zelebriert, die in der Umdeutung von Justice nicht mehr der Feier der Musik, sondern der eigenen Herrlichkeit dient. Und mit dem gewalttätigen und politisch inkorrekten Video zum Song Stress (Regie: Romain Gavras) lösten sie nicht nur in Frankreich einen kalkulierten Skandal aus.

    Wer sich bereits derart offensiv mit Potenzgehabe, Blasphemie und Provo-Attitüde profiliert hat, dem bleibt nicht mehr viel übrig, um das Spektakel noch zu toppen. Justice versuchen es, indem sie in ihrem neuen Song Civilization und dem dazugehörigen Video nicht weniger als den Weltuntergang inszenieren. Der Schauplatz des computeranimierten Videos von Regisseur Edouard Salier ist postapokalyptisch und zitiert Science-Fiction-Filme wie 2001: Odyssee im Weltraum und Planet der Affen. Während bei letzterem noch die aus dem Sand ragende Freiheitsstatue als Metapher für die untergegangene menschliche Zivilisation ausreichte, müssen bei Civilization gleich eine ganze Reihe von realen und imaginären Monumenten herhalten, um zu verdeutlichen, dass es sich bei der roten Steinwüste nicht um den Mars, sondern um eine Erde der fernen Zukunft handelt. Neben einer gigantischen Atlas-Statue finden sich in dem Ensemble auch der Steinkreis von Stonehenge, der Christus von Rio de Janeiro und die Buddha-Statuen von Bamiyan in Afghanistan, die von den Taliban gesprengt wurden. Zwischen diesen steinernen Überresten hat sich mit dem nordamerikanischen Büffel ausgerechnet eine Spezies breitgemacht, die vom Menschen beinahe ausgerottet wurde. Doch die Büffel sind nicht die Herrscher dieser Welt, sondern werden zum Spielball einer höheren, außerirdischen Macht, die im Verlauf des Clips die Achse des Planeten kippt und die Herde der Tiere wortwörtlich ins Höllenfeuer treibt. Dass die ganze Situation auch nur eine Simulation sein könnte, wird durch den nächtlichen Horizont angedeutet, an dem nicht nur Sterne funkeln, sondern auch ein aufgezeichnetes Koordinatensystem. Wer hinter dem kosmischen Spiel steckt, wird in dem Clip nicht gezeigt. Die Logik der Selbstinszenierung, die Justice betreiben, lässt aber nur einen Schluss zu: Die unsichtbaren Puppenspieler sind Augé und de Rosnay höchstpersönlich.

    Bei all der geballten Metaphorik stellt sich natürlich die Frage: Was wollen Justice und Salier mit diesem Video aussagen? Mit Zivilisationkritik hat das alles jedenfalls nichts zu tun. Sowohl im Song als auch im Video geht es um die bloße Anhäufung von spektakulären akustischen und visuellen Effekten. Die Botschaft lautet: Wir tun es, weil wir es können! Dahinter aber: gähnende Leere.


VIDEO: JUSTICE – Civilization

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