Justice, der analoge Weg

Mit einem Remix wurde das Pariser Produzentenduo Justice, bestehend aus Gaspard Augé und Xavie de Rosnay, innerhalb kürzester Zeit weltbekannt. Ihre 2003 erstmals veröffentlichte Interpretation des Simian-Stücks »Never Be Alone« fand zwei Jahre später den Werg in nahzu jeden Club und »dröhnte irgendwann sogar im Hafen von Stralsund aus tiefergelegten Opel-Cabrios« (Jan Kedves, Spex #309). Weitere Remixes für Britney Spears, N.E.R.D., Death From Above 1979 und Soulwax festigten ihren Ruf als Genreübergreifende Genies, mit ihrem Album »« konzentrierten sich die beiden Franzosen erstmals ganz auf die eigene Vielschichtigkeit: Filter House findet man darauf ebenso wie noisig-verzerrte Beats, Spät-Siebziger Disco-Sound genau wie Hommagen an cinéastische Meilensteine. Ihren Ruf als »Über-Live-Act« haben allerdings andere zu verantworten. Ein Gespräch über ihre Jugend in Paris, die Produktion des Albums und das Phänomen Youtube als career-builder.

JusticeDarf ich zu Beginn fragen, wie alt ihr seid?
    Gaspard Augé: Ich bin jetzt 27, Xavier ist 24 Jahre alt.

Ich frage deshalb, weil mich das ganze Gewese um den neuen Electro aus Frankreich natürlich auch schwer an Daft Punk erinnerte, die ziemlich genau vor zehn Jahren mit »Homework« die Welt veränderten. Wie hat sich Paris damals für euch als Teenager angefühlt? Ich behaupte mal, dass ihr damals keine Clubgänger wart …
    Gaspard: Wir hatten Anfangs kaum einen Bezug dazu. Wir kamen auch erst mit Daft Punk in Berührung, als sie schon diese übermenschliche Dimension erreicht hatten …

 … Als sie Popstars waren …
    Gaspard: … als sie kein Elektronik-Act mehr waren. Das war auch die Zeit, als wir The Prodigy oder Basement Jaxx entdeckten: Eigentlich als war da schon alles vorbei.
    Xavier de Rosnay: Ich ging damals eigentlich kaum aus. Ich war immer mal wieder auf Konzerten, aber die Club-Kultur habe ich auch erst mit Justice erlebt. Klar mochte ich damals elektronische Musik, aber eben eher die zugänglichere. Und Clubbing war damals auch nicht meines.

Also der klassische Rock-Gitarren-Mixtape-Proberaum-abhängen-Hintergrund?
    Xavier: Ich glaube ich komme eher vom Video-Game. Als ich zwischen vierzehn und siebzehn Jahre alt war, ging ich kaum aus. Ich hing damals eher zuhause rum, zockte Video-Spiele, ging den Mädels aus dem Weg und sowas … Ich war ziemlich nerdy.

Was war denn dann eure Initiation Richtung Elektronik?
    Gaspard: Eigentlich habe ich keine Antwort darauf. Komischerweise gehen wir heute auch nicht öfter weg als damals, es hat sich lediglich etwas verlagert. Vielleicht war es auch eher der Zufall, der uns in diese Richtung trieb. Wir mochten Elektro-Pop ganz gerne und waren auch auf der Suche nach einer Möglichkeit, auf etwas einfachere Art und Weise Musik zu produzieren. Wir hatten damals nicht einmal einen Computer, nur ein paar alte Sequenzer, und damit bauten wir dann den Remix für Simians »Never Be Alone«. Es war ›the analoge way‹.
    Xavier: (lacht) Und damit haben wir auch noch Erfolg gehabt! Das war gerade mal der zweite Track überhaupt, dazu noch der erste den wir mit elektronischem Equipment produziert haben.

Das muss doch völlig verrückt gewesen sein, beim ersten Anlauf einen Hit zu landen.
    Xavier: Nunja, es hat ja schon eine Weile gedauert. Damals haben wir auch nahezu nichts verkauft, verglichen mit anderen ›French Touch‹-Sachen der damaligen Zeit. Der erste Release war gerade mal in einer Auflage von 1.000 Stück erschienen …
    Gaspard: Non, non, non. 4.000 waren das!
    Xavier: Ernsthaft? Egal, ich glaube, das ganze Ding begann damals erst als wir im September 2004 bei Gigolo Records gesigned wurden.

JusticeIch hatte auch gar nicht die Verkaufszahlen im Hinterkopf, mehr den Gedanken, dass ihr mit »Never Be Alone« / »We Are Your Friends« ja einen Instant-Hit hattet, der auch Jahre später in nahezu jedem Club gespielt wurde. Der weniger kommerziell ausgerichtet, aber absolut funktional war. Und auch nach der langen Zeit hat er sich nicht wirklich erschöpft.
    Gaspard: Dabei hatten wir gar keinen Hit geplant. Es war ja ein Remix, den wir nur aus Spaß gemacht haben, nicht weil wir damit beauftragt wurden.
    Xavier: ›Hit-Produktionen‹ sind ja auch nahezu unmöglich. Das gelingt ja nur den wenigsten, gerade im Hiphop: Dr. Dre oder Pharrell Williams, die einfach wissen welchen Spin sie einer Produktion geben müssen. Eminem hatte mal sechs oder sieben Singles aus einem Album. Das haben wir einfach nicht drauf. Es geht uns auch nicht um die Revolution von Dance-Musik. Wir erarbeiten Popsongs eher zufällig; beeindruckend wird es nur dann, wenn man weiß was man tun muss, um einen Hit zu schreiben. Wenn wir an Justice-Stücken arbeiten, beispielsweise »New Jack«, dann gehen wir von einer kleinen Idee aus. Für diesen Track wollten wir an French Touch-Musik anknüpfen, an diese Spät-Achtziger Filter-Disco. Die erste Minute sollte deshalb sehr klassisch, sehr typisch klingen, danach aber zerstört werden. Unsere Tracks nehmen normalerweise eine eher unvorhersehbare Wendung …

Das erinnert mich an »Stress«, das ja einen sehr monoton programmierten, flirrenden Auf-und-ab-Sound aus Streicher-Arrangements fährt und bei dem erst nach der ersten Minute der Beat reinkickt. Das Stück entfaltet sich ja eigentlich erst im letzten Drittel so richtig.
    Gaspard: Damals in den siebziger Jahren gab es recht viele Typen, die Disco-Versionen klassischer Musik gemacht haben. Die haben sich große Musikstücke rausgepickt und drumherum Disco-Elemente arrangiert. Etwas ähnlich war es bei »Stress« auch. Also die Zusammenführung von Disco und klassischer Musik einerseits. Andererseits sollte aber auch ein stark verzerrtes Element rein, für das wir dann den Anfangspart gewählt haben. Kennst Du die Melodie aus »Jaws«? Genau das!

Oh, daran hätte ich jetzt nicht gedacht. Aber bei »Genesis« musste ich an »Kampfstern Galactica« oder den »Imperial March« denken.
    Xavier: Ja, das war auch so ein Ding. Wie gesagt, wir arbeiten uns sehr stark an Ideen ab, weniger experimentell. Zielloses Knöpfchendrücken ist nicht so unser Ding.

Lasst uns doch über Eure Live-Shows sprechen: Seid ihr normalerweise mit Vinyl oder mit dem Computer unterwegs?
    Xavier: Nein, wir arbeiten meistens ausschließlich mit Vinyls.

Das ist ja insofern interessant, weil man damit in seinen Mitteln ja sehr beschränkt ist. Ihr spielt ja meistens nicht nur Einzeltermine sondern seid gleich zwei oder drei Wochen lang in der Welt unterwegs. Das heißt, Eure Sets klingen meistens ähnlich, entsprechen eher dem Rock-Konzert-Konzept.
    Xavier: Ich glaube dass uns das ziemlich gut tut, nicht zuviele Ausweichmöglichkeiten zu haben.

Darf ich fragen, wieviele Platten ihr mitnehmt?
    Xavier: Ich glaube so 150 Tracks …

Das würde eine Behauptung stärken, dass Justice-Sets ganz bestimmte Erwartungen seitens der Gäste begleiten. Ich hatte bei Eurem ersten Set in Berlin den Eindruck, viele Besucher erwarteten das gleiche Ding, das sie auf Youtube sahen: Die Release-Party der »Waters of Nazareth«-EP. Eine Kopie eines Live-Sets also, die Übertragung eines Events in die digitale Welt und wieder zurück in den Club …
    Xavier: Das mit Youtube ist wirklich eine Katastrophe und ein Segen zugleich. Da gehen zuerst einmal die Überraschungen verloren, die man sich vielleicht mal ausgedacht hat: Das mit dem Kreuz, die Presslufthupe, Gäste und so weiter. Dann heißt es direkt: ›Mensch, ihr macht immer das gleiche Ding, lasst Euch mal was Neues einfallen‹. Und dabei haben sie nur ein Video im Netz angeschaut. Das führt dann dazu, dass wir unsere Tasche immer wieder anders packen müssen, was wiederum gut für beide Seiten ist: Die Leute hören andere Tracks und wir zwingen uns dazu, das Set alle eineinhalb Minuten in eine neue Richtung zu bewegen.

Also ist der mediale Spread für Euch doch recht hilfreich? Oder schürt ein Video auf Youtube nicht doch falsche Erwartungen?
    Xavier: Nunja. Wir spielen zwar viele gute Shows, aber natürlich haben wir auch mal schlechte Sets. Richtig gut ist es aber dann, später ein Video dieses Abends im Netz zu sehen in dem die Leute trotzdem steil gehen. Die nehmen quasi den Schwung von Youtube mit und wollen den Abend nicht verloren geben, gehen zu einer Justice-Show um zu feiern. Das ist für Künstler ja eigentlich nicht so leicht, hohe Erwartungen zu erfüllen. Richtig super ist es da ja natürlich, wenn man machen kann, was man will, die Gäste einen aber dennoch mögen. Let’s get this party started, right.!


Das erste Justice-Album »« ist bereits erschienen (Ed Banger Records / Warner Music), Spex präsentiert die drei Justice-Termine vom 12. bis 14. September.

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