Junior Boys »Big Black Coat« / Review

Big Black Coat (das Album wie der gleichnamige Song) entfalten in der Tat wärmende Wirkung.

Jeremy Greenspan scheint Synästhetiker zu sein. Die Percussion, die im Titeltrack des neuen Junior-Boys-Albums zu hören ist, klang für ihn wie das Gewebe eines Wintermantels, erklärt Greenspan. Eines dicken, schwarzen Wintermantels, den er just an dem Tag kaufte, als besagtes Stück entstand. Und nun soll die gesamte Platte die winterliche Stimmung in seiner postindustriellen Heimatstadt Hamilton, Ontario in Kanada einfangen.

Um den synästhetischen Faden weiterzuspinnen: Big Black Coat (das Album ebenso wie der gleichnamige Song) entfalten in der Tat wärmende Wirkung. Das ist kein ganz überraschender Effekt, schließlich stehen Junior Boys seit Anbeginn, also seit den späten Neunzigerjahren, vor allem aber, seit Matt Didemus mit Greenspan zusammenarbeitet, für ausgesprochen soften Electro-Dance-Pop, der sich mit direkten Clubmusikbezügen davor schützt, gar zu heimelig und kuschelig zu werden. It’s All True, das Vorgängeralbum der Boys erschien 2011, in der Zwischenzeit haben Greenspan und Didemus mit ihren Produzententätigkeiten für Caribou beziehungsweise Daphni oder Jessy Lanza einiges dafür getan, dass ihr Trademark-Sound auf vielen Tanzflächen und in Gehörgängen präsent bleibt.

Sogar Stücktitel wie »C’mon Baby« fühlen sich anti-machomäßig an.

Big Black Coat knüpft an bereits Geschaffenes an. Mit dem Opener »You Say That« ist man schon nach wenigen Sekunden wieder drin im unaggressiven, androgynen Junior-Boys-Universum, in dem sich sogar Sätze und Stücktitel wie »C’mon Baby« nachdenklich und anti-machomäßig anfühlen. Greenspan und Didemus begnügen sich glücklicherweise nicht mit dem Aufwärmen (ha!) bewährter Rezepte. Die Beats auf Big Black Coat sind überwiegend für den Dancefloor gemacht, mit Techno- und R’n’B-Reminiszenzen, elastisch, gern in big spaces sich öffnend – natürlich erinnert das an Caribous »Can’t Do Without You«, aber hey, man gehört schließlich zur selben Familie. Toll ist die euphorische, hibbelig klicker-klackernde, und dabei sehr funky Coverversion von Bobby Caldwells »What You Won’t Do For Love«; »Over It« ist eine eindeutige Hommage an Achtzigerjahre-Adult-Pop à la Hall & Oates, unterlegt mit einem energischen »She’s A Maniac«-Beat. Es gibt aber auch Tracks wie »No One’s Business«: sparsam arrangiert, große Hallräume, verhaltene Industrial- und Dub-Elemente. Damit bekommt man eine sehr greifbare Vision vom kalten, leeren Ort namens Nowheresville, den Greenspan zeigen will. Der große schwarze Mantel wärmt, tröstet einen dort, und beim Tanzen darf er einfach in die Ecke gepfeffert werden. Selten schien ein Albumtitel plausibler.

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