Julie Byrne „Not Even Happiness“ / Review

Immer wieder diese herzlich umarmende, intuitive Stimme!

Manchmal muss man den Anfang suchen, wo man kein Ende findet. Bei Julie Byrne ist das umgekehrt: Am Schluss ihres zweiten Albums Not Even Happiness deckt ihr Blick in den Rückspiegel den Ursprung ihres Schaffens auf: „I have dragged my life across the country“ haucht sie da, als hätte sie Nachhilfe bei einem sanften Sommerwind genommen, der zwar keine Bäume zu entwurzeln vermag, aber doch immerhin sich selbst.

Im Laufe ihres Lebens zog Byrne von Buffalo nach Chicago nach Seattle nach New York und kam trotzdem immer wieder bei sich selbst an. Rooms With Walls And Windows hieß ihr 2014 veröffentlichtes Debüt, und die Kombination aus heimeligem Minimalismus und erhabenem Panoramafensterblick macht auch ihr neues Werk zu einem verlässlichen Sprühverband für die Seele. Stimme und Gitarre gleichberechtigt auf Augenhöhe, Geschichten auf Herzhöhe. Sie ist eine Storytellerin, die einen Refrain nur dann mitnimmt, wenn er zufällig auf dem Weg liegt. Passiert eher selten. Es geht bei Byrne viel mehr um das Aquarellieren von Atmosphäre, in zarten Naturtönen. Überhaupt: Von der Natur singt sie ausgesprochen gerne. Vom Pazifischen Nordwesten, vom „Natural Blue“ über Boulder, vom Sternenhimmel in der Wüste, von den Wildblumen in Kalifornien und in „Morning Dove“ ganz offensichtlich vom frühen Vogel. Die Natur, das mystische Wesen, das auch mal als Metapher für die Liebe herhalten darf und dann Zeilen wie „Would you ask my permission the next time you absorb me?“ verehrt bekommt.

Sie ist eine Storytellerin, die einen Refrain nur dann mitnimmt, wenn er zufällig auf dem Weg liegt. Passiert eher selten.

Auch der Albumtitel bezieht sich auf ein Naturschauspiel, dessen intensives Erleben die Künstlerin gegen nichts auf der Welt eintauschen würde – noch nicht einmal gegen Glück. Mutter Natur hat es aber auch wirklich gut mit ihr gemeint. Sie könnte Model sein, jobbt allerdings lieber als urban park ranger im Central Park. Sehr solide. Deutlich mehr als das: ihre zumeist akustischen, virtuos gezupften Klampfenkleinode mit gelegentlicher Streicher-Entourage, allen voran das hinreißende „Sleepwalker“. Und immer wieder diese herzlich umarmende, intuitive Stimme. Die Miniatur aus Meeresrauschen und Folk-Psychedelik nicht mitgerechnet, kommt Not Even Happiness zwar nur auf acht Songs, aber die sind ganz wunderbar. Von Anfang bis Ende.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.