Julian Casablancas + The Voidz Tyranny

In den USA ist Julian Casablancas‘ neues Album, Tyranny, gerade erschienen, hierzulande muss man sich noch bis Oktober gedulden. Doch das Warten lohnt.

Julian Casablancas hat sich einiges vorgenommen mit dieser Platte. Bereits die letzten Alben der Strokes strahlten einen gewissen Experimentierwillen aus, sein erstes Soloalbum ebenfalls. Aber was insbesondere auf Comedown Machine reichlich unentschlossen wirkte, führt er nun konsequenter zusammen: Tyranny ist für Casablancas’ Verhältnisse beinahe eine avantgardistische Platte mit Elementen aus Noise, Elektro, Industrial, Garage, Kraut, Punk. Alles wird gelayert, durch unzählige Filter gejagt oder Autotune-behandelt – eine bewusste Trash-Produktion. Denkt man die technischen Mittel indes weg, sind Songs wie »Crunch Punch«, »Johan Von Bronx«, das Metal-lastige »M.utually A.ssured D.estruction« oder »Where No Eagles Fly« lupenreiner Casablancas-Garagenrock und hätten auf jedem Strokes-Album erscheinen können. Im Prinzip sind die abermals perfekt gecastet wirkenden Voidz also eine Rockband.

Das einzige Problem bei diesem Album, sofern es denn eines gibt: In der Wahrnehmung vieler hechelt Casblancas seit nunmehr 13 Jahren dem Versprechen von Is This It hinterher, wenngleich die Strokes auch danach immer wieder großartige Musik veröffentlichten. Damals gelang ihnen unerwartet ein Album, das eine Dekade in der Rockmusik einleitete, die von den Urhebern anschließend in weitaus geringerem Maße gestaltet wurde, als anfangs erhofft und erwartet worden war. Der sich aus dieser Leerstelle ergebende Wille zum epischen Meisterwerk, zum Großmusikantentum lässt Casablancas’ Sound seit einigen Jahren bei aller Klasse immer auch ein bisschen angestrengt und gewollt wirken – nicht gerade ideale Attribute für einen New Yorker king of cool.

Das wird gelegentlich auch hier wieder deutlich: Ausgerechnet eine Konzeptplatte über Tyrannei von der Antike bis heute musste es mit dem Seitenprojekt The Voidz sein, kleiner hatte Casablancas es nicht. Es geht um die Macht der Konzerne, des Geldes, den alles durchdringenden Turbokapitalismus. Vermutlich angestachelt durch Kollaborationen mit allen möglichen Leuten von Daft Punk bis zu Queens Of The Stone Age hat Casablancas sein musikalisches Vokabular deutlich erweitert, mangelnde Offenheit kann man ihm nicht vorwerfen. Tyranny ist ein halluzinierender Parforceritt und mäandert bisweilen durchaus enervierend zwischen Afrobeats und Calypso, Drone-Gitarren und Disco-Falsett, Radioeinspielern und Collagen, Fragmenten und spoken word.

Einiges wirkt überfrachtet, aber dann kommt plötzlich eine epische Großtat wie »Nintendo Blood«, schält sich diese einmalig lakonische Stimme durch den Ultrabrutal-Punkrock von »Business Dog«, gelingt Casablancas mit »Human Sadness« erlesener Pop. Den Mut, so etwas überhaupt zu machen, muss man ihm ohnehin zugute halten. Auf einem anderen Label als seiner eigenen Firma Cult Records hätte er diese Musik kaum unterbringen können.

Tyranny mag in Teilen krawallig sein und die Hörer maximal fordern, am Ende wird die Geduld belohnt: Schicht um Schicht offenbart Casablancas einige seiner besten Songs seit längerer Zeit. Er ist nur einen Schritt vom Großwerk entfernt. Irgendwann wird es ihm noch gelingen.

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