Julia Holter & Faust beim Le Guess Who? Festival in Utrecht

Le Guess Who?, Tag eins: Julia Holter und die Krautrockweltenbummler Faust (minus Jochen Irmler) stellen verschiedene Schönheits- und Würdestadien ihrer Musik vor.

Es gibt Schlagzeuger und Schlagzeuger. Der Schlagzeuger von Julia Holter zum Beispiel veranstaltet ein ganz schönes Rumgetue, ständig ist bei ihm irgendwas am Rascheln, Zischeln und Knistern. Er sorgt für die jazzbesige Begleitung zu Holters schwerelosen Keyboardkompositionen, hat aber letztlich nicht viel dramaturgisch Bedeutsames zu ihnen beizutragen. Der Schlagzeuger der Krautrockveteranen Faust hingegen, Werner »Zappi« Diermaier, hat den Dreh raus. Er haut mehr oder weniger ununterbrochen auf die gleichen zwei Stellen seiner Toms ein, gut 60 Minuten lang, und hält damit einen Laden zusammen, der immer wieder auseinanderzufallen droht.

Holter und Faust gehören zu den Hauptattraktionen am ersten Abend des Le-Guess-Who?-Festivals im holländischen Utrecht. Die Songwriterin aus Los Angeles spielt mit ihrer dreiköpfigen Band in der 975 Jahre alten Janskerk, neben Holter und dem bereits erwähnten Schlagzeuger arbeiten sich noch ein Kontrabassist und eine Multiinstrumentalistin (Viola, Vocals, Laptop) an ihren Geräten ab.

Vordergründig klingt das sehr zerbrechlich, tatsächlich beruht es aber auf einer Könnerschaft aller Beteiligten, die an diesem Abend etwas zu höflich ausgespielt wird. Es ist ein braves Konzert mit braven Ansagen und bravem Applaus, das Kenner von Holters jüngster Platte Have You In My Wilderness nur einmal auf dem falschen Fuß erwischt. Zum Einstieg spielt die Künstlerin das Karen-Dalton-Cover »My Love, My Love«, fast stillstehend und beinahe ohne Begleitung. Ein Highlight ihrer Performance, das dem Publikum gleich am Anfang den Atem nimmt (und auch die Bierdosenbar in der Kirche dazu zwingt, vorübergehend den Dienst und das knackende Dosenöffnen einzustellen).

Faust treten später im Bauch des zwei Jahre alten Tivoli Vredenburg auf, einer unübersichtlichen Aneinanderreihung und Übereinanderschichtung von Konzertsälen, Sitzecken, Getränkeständen, Rolltreppen und sonstigen Kulturverwertungsmöglichkeiten. Die Lage bei Faust ist ebenso unübersichtlich: Schon seit Jahren gibt es zwei Versionen der Band, an diesem Abend wird sie angeführt von den Gründungsmitgliedern Jean-Hervé Péron und besagtem Zappi Diermaier. Sie werden begleitet von zwei weiteren Knöpfchendrehern, als besondere Attraktion sitzen in der Mitte der Bühne drei Frauen und stricken, was der Veranstaltung einen Hauch Knitting-Factory-Atmosphäre verleiht.

Faust nehmen dem Grote Zaal des Tivoli Vredenburg mit seinen roten Polstersitzen und der edlen Holzverkleidung mit angenehmer Verpeilung die Würde. Die schlechte Nachricht ist, dass Zappi Diermaier seine Trommelschlägel nach einer guten Stunde stoischer Fellbeklopfung schon wieder wegpackt – also noch bevor die magischen holländischen Trüffel beim Großteil des Le-Guess-Who?-Publikums so richtig zu wirken beginnen.

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