Weil es Bier gibt – Josefine Rieks’ „Serverland“ / Literaturfeature

Dritter Pltz beim Hunter-S.-Thompson-Kostümball – Josefine Rieks Foto: Tim Bruening

Was bleibt, wenn die Digitalisierung gescheitert ist? Scham, Elektroschrott und die Deutsche Post. Josefine Rieks’ Serverland spielt in einer Gesellschaft, die ihr digitales Erbe verdrängt – bis Jugendliche versuchen, die vermeintlich goldenen Zeiten der Vernetzung wiederzubeleben.

 Eine Serverhalle inmitten der holländischen Provinz. Eine Gruppe Halbstarker versammelt sich auf einem verlassenen Google-Gelände – halb Ferienlager, halb Hippiekommune. Sie sind eine neue Generation, fasziniert von der Utopie der Vernetzung: Gleichheit, Freiheit und das selbstlose Teilen von Wissen. Das Internet ist eine verbotene, stark mystisch aufgeladene Erzählung in ihrer Welt. Sie selbst haben es nicht miterlebt.

Josefine Rieks’ Debütroman Serverland spielt in einer Zukunft, die im wahrsten Sinne des Wortes post-internet ist. Die Digitalisierung ist gescheitert, alle Server sind schon lange abgeschaltet. „Das ist eine gelähmte, eine irgendwie tote Gesellschaft“, erklärt Rieks. Mit der Vision des Internets sei auch ein Gesellschaftssystem gescheitert. Eine Situation, „vielleicht vergleichbar mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion oder mit Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Es folgt die Scham für das, woran man einmal geglaubt hat. Die Vergangenheit wird zum Tabu.

Ein düsteres Szenario, zu dem Rieks durch Schwarze Spiegel von Arno Schmidt inspiriert wurde. „Das spielt, nachdem der Kalte Krieg ausgebrochen ist, in einer Welt, die menschenleer ist. Die Hauptfigur beschreibt die Heidelandschaft, plündert Häuser oder liest Briefe aus einem Briefkasten und bewegt sich so in der Infrastruktur des Vergangenen“, fasst sie das Grundgefühl zusammen, das sie auch für Serverland schaffen wollte.

Foto: Tim Bruening

Josefine Rieks ist Jahrgang ’88, lebt in Berlin und hat mal Philosophie studiert. Mehr als diese Infos aus dem Autorenporträt sind Rieks auch beim Gespräch in einer Berliner Kneipe nicht zu entlocken. Sie bewundert Brigitte Reimann („sehr!“), liest gerade Im Westen nichts Neues und nähert sich schallplattenhörend dem Œuvre von Prefab Sprout. Das Wühlen in Plattenkisten bezeichnet sie als „analoges Youtube“. Überhaupt Youtube: ihr „Lieblings-Social-Media“, weil „Altes neben Neuem steht“ – ganz unhierarchisch.

Youtube ist dann auch das erste, worauf die Jugendlichen in Serverland stoßen. Mit Autobatterien bringt Rieks’ Protagonist Reiner einen alten Server zum Laufen, und die User, wie sich die Anhänger der Bewegung später nennen, betrachten mit Staunen, wie Robbie Williams sich die Haut von den Knochen zieht.

Reiner, Mitte zwanzig, sexuell verklemmter Computernerd und im richtigen Leben Zusteller bei der Deutschen Post, wird damit ganz unverhofft zum Begründer einer Jugendbewegung, in der er sich nie ganz wohl fühlt. Und von der er sich zunehmend distanziert, besonders als sie an Zulauf gewinnt und sich plötzlich nicht mehr unterscheiden lässt, wer noch für „die Sache“ hier ist und wer einfach nur Bier trinken will.

Möglicherweise ist Serverland am Ende auch eine sehr kluge Analyse vom Aufstieg und beginnenden Zerfall einer analogen Bewegung, die noch zur Voraussetzung hat, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Eine Subkultur, ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Subversion, wie sie in der allzeit abrufbaren Verfügbarkeit kultureller Texte im Internet vielleicht nicht mehr entstehen kann. Was wirklich schade wäre – wollten wir nicht alle mal Teil einer Jugendbewegung sein?

Diese Rezension erschien in unserer aktuellen Printausgabe SPEX No. 379, die weiterhin am Kiosk oder versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

Serverland erscheint am 22.03. im Hanser Verlag.

1 KOMMENTAR

  1. Gefällt mir sehr gut – und weitaus besser als (z.B) die dreiseitig endlose und dennoch nichtssagende Rezension von Miriam Meckels „Mein Kopf gehört mir“ bei Piper im SPIEGEL 12/2018. Als ehemaliger Science fiction-Autor und Chairman Germany von WORLD SF bin ich aber – und leider – überhaupt nicht überrascht über Riek’s „Serverland“. Das alles haben wir doch schon seit Bradbury und vor mahr als 50 Jahren (bis hin zum globalen Verbund der Köpfe) durchgekaut. Und in der Computerebene erinnert mich der Plot an das wunderbare Spiel „Portal“, das ebenfalls mit „Alles kaputt – wo ist denn noch irgendetwas“ anfängt.

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