Jorja Smith „Lost & Found“ / Review

Jorja Smith stapelt auf ihrem Debüt Lost & Found Neunziger-Bausteine wie Scratches und mit Filter versehene Echofahnen auf ihrer immer kehligen, etwas kratzigen Stimme.

In den späten Neunzigern und frühen Zweitausendern trieben Produzenten wie Timbaland, The Neptunes, Rodney Jerkins oder Missy Elliott den R’n’B in das damals gerade erst richtig populär gewordene cyberspace. Sie machten aus Rhythm and Blues, in deren Namen sich schon Körperlichkeit und Erdung findet, eine entkörperlichte Computermusik, die folgerichtig „Cyber-R’n’B“ genannt wurde. Diese Musik verhandelte das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, die globale Vernetzung, die Liebe in Zeiten des Datenstroms – abstrakte, große Themen. Das vorherrschende Licht in den zugehörigen Videoclips war Neonblau, die Outfits funkelten metallisch-silbern.

Natürlich formierte sich postwendend eine Gegenbewegung, die Werte wie Authentizität und Mikropolitik gegen dieses Abdriften in die integrierten Schaltkreise setzte – und das Licht wieder auf Sepia umschaltete. Sängerinnen des damals sogenannten „Neo-Souls“ wie Jill Scott und India.Arie oder Produzenten wie Kedar Massenburg und Raphael Saadiq beschworen wieder den „wahren, echten“ Soul mit Jazz als Grundlage und schrieben schon eine Dekade vor Solange Songs über Haaridentitäten. Das klang stellenweise, neben aller Beseeltheit, allerdings auch ganz schön nach Konservatismus.

Smith zitiert ohne Umwege. Ästhetisch einwandfrei.

Kein Wunder also, dass heute, da Künstlerinnen wie Oyinda, Abra, Sevdaliza oder FKA Twigs sich wieder ins Fraktale zurückziehen und in ihrem R’n’B Raum für Unheimliches lassen, wieder Traditionalisten auf den Plan treten, die in den Effekthalden und Klangzersplitterungen dieser Ikonoklastinnen erneut Seelenlosigkeit und Entfremdung vermuten.

Eine davon ist möglicherweise die Britin Jorja Smith, die auf ihrem passend betitelten Debüt Lost & Found Neunziger-Bausteine wie Scratches und mit Filter versehene Echofahnen auf ihrer immer kehligen, etwas kratzigen Stimme stapelt – und, klar, damit die Zeit wieder ein Stück weit zurückdreht. Smith, deren Vater übrigens seinerzeit in der erfolglosen Neo-Soul-Band 2nd Naicha sang, beweist allerdings auch, dass sie sich in der eigenen Geschichte gut auskennt und sampelt in „Blue Lights“ an prominenter Stelle Dizzee Rascals „Sirens“. Der Umgang mit diesem einstmals hochbrisanten Material zeigt jedoch das Kreativitätsproblem in a nutshell: Smith zitiert ohne Umwege. Ästhetisch einwandfrei. Aber eben auch etwas langweilig.

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