Jonathan Lethem Fear Of Music / David Byrne & St. Vincent Love This Giant

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Montage der Cover

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The Name Of This Band Is Talking Heads. Das ist der mit doppeltem Boden selbstreferenzielle Titel eines Live-Albums der späten Talking Heads. Der Name war Talking Heads, nicht David Byrne Band. Diese Erkenntnis bestätigen die beiden vorliegenden Veröffentlichungen, wenn auch mit unterschiedlichen Motiven.

   Jonathan Lethem erzählt vom 15-jährigen Jonathan, der 1979 in New York City eine Stimme aus dem Radio hört: »Talking Heads have a new album. It’s called Fear Of Music.« Die Stimme gehört David Byrne, dem Songwriter, Sänger und Kopf der Heads. Fear Of Music erwischt Lethem in einer Übergangsphase. Er wird vom Jungen zum Mann und erwischt auch die Talking Heads in einer Übergangsphase. Mit ihrem dritten Album wächst die Band aus dem New Yorker Clubformat heraus, »This ain ́t no Mudd Club, no CBGBs« lautet die berühmte Zeile aus »Life During Wartime«. Gleichzeitig wächst Byrne aus dem Bandformat heraus, seine Zweifel an der Kunstform Rock führen zu einer Expansion der Band, Brian Eno gibt als Produzent von Fear Of Music den fünften Talking Head, weitere werden folgen. Kurze Zeit später startet Byrne mit Eno sein erstes Projekt außerhalb der Band, My Life In The Bush Of Ghosts.

   So gesehen hat Lethem Recht, wenn er Fear Of Music als das letzte Band-Album der Talking Heads bezeichnet. Es folgt die Afro-Funkifizierung mit Remain In Light, dafür rekrutiert Byrne Bernie Worrell von Funkadelic/Parliament und Nona Hendryx als zweite Stimme. Aus einem Manhattan-Quartett wird ein von David Byrne kuratiertes Projekt mit wechselnden Programmen und Protagonisten. Aus heutiger Sicht liegt es nahe, hier den Anfang vom Ende zu sehen, das Ende der Talking Heads als Band und das Ende von David Byrne als erratisch sprechendem Kopf dieser Band. Lethem liebt Byrne und Band zu sehr, um sich so einer Verfallsgeschichte hinzugeben. All die Filme, die Bücher, Theater mit Robert Wilson, die Erschließung Brasiliens für den amerikanischen Popmarkt, die Soloplatten, das ganze Byrne-Œuvre sei ja schön und gut, so Lethem, »but baby, baby, baby, where did our fear go?« Und er will keine »fearless fear«, mit dieser Bemerkung erledigt er nebenbei die kommerziell erfolgreiche Spätphase, quasi die Band-eigene Postmoderne, für die exemplarisch der Hit steht: »We’re On The Road To Nowhere«.

   Klar kapriziert sich der Autor Lethem auf den Autor Byrne, er textet über Texte, aber er kriegt auch in einem Satz den Bogen von The Velvet Underground zu KC & The Sunshine Band, erzählt Wissenswertes über die Atemtechnik von Diana Ross und Impotenzmetaphern bei Blind Willie McTell und Randy Newman. Und er hat Soul genug, um eine O.V.Wright-Spur im sonic space der Talking Heads zu wittern. Diesen sonic space hat nicht Byrne erfunden, er ist das Resultat einer Gruppenarbeit: »You can feel the bass player’s feet on the floor«, schreibt Lethem. Bass player ist Tina Weymouth, deren Anteil am sonic space der Talking Heads hier zu kurz kommt, zumal sie mit ihrem Nebenprojekt ein paar Beiträge zum sonic space HipHop NYC geleistet hat, um die David Byrne sie beneiden müsste. Es war ihr Tom Tom Club, der den »Genius Of Love« in die Welt gesetzt hat, und mit »Wordy Rappinghood« die Mutter aller Schreibmaschinen-Sample-Hits. Der Name der Band war Talking Heads, nicht David Byrne Band. Das verliert Lethem manchmal aus dem Blick. Dann wieder erkennt er beim noch jungen Sänger der Talking Heads die kommenden Probleme des gereiften Solokünstlers David Byrne. »Once in a while, the singer’s psycho-killer-one-man-theater makes too much a cartoon …« Eine Diagnose, die man von heute aus bestätigen kann.

   Und hier kommt ein weiteres interessantes, spannendes, originelles Projekt im interessanten, spannenden, originellen Künstlerleben des interessanten, spannenden, originellen Ein-Mann-Theaters des David Byrne: diesmal eine Kollaboration mit St. Vincent, einer Musikerin, die von Alter, Sozialisation und Milieu so weit von Byrne entfernt ist, dass allein diese Kluft dafür sorgen wird, dass die Schreibknechte ordnungsgemäß jubeln werden, ob der interessanten, spannenden, originellen Konstellation. Zum NuttyProfessorOnkelhaften, das man von Byrne schon lange kennt, kommt eine Spur Böser-Onkel-trifft-naive-Nichte. Platte wie Buch bestätigen: Der Name der Band war Talking Heads.

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Video — David Byrne & St. Vincent »Who«

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Jonathan Lethem Fear Of Music 160 Seiten, Continuum Books

David Byrne & St. Vincent Love This Giant 4AD / Beggars / Indigo

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