Jon Hopkins

»Intelligent Dance Music« ist eine schlimme Rubrik. Nur wer Tanz als Inbegriff von Vernunft-Stand-by und drohender Verblödung betrachtet, sieht sich veranlasst, ihm ein relativierendes »intelligent« voranzustellen. Gleichwohl kann die Kategorie insofern erkenntnisleitend sein, als einige der ihr Zugeordneten selbst eine Kluft zwischen Tanz und Intelligenz verinnerlicht zu haben scheinen. Der britische Klanglandschaftsarchitekt Hopkins, der bereits mit Ambient-Doyen Brian Eno zusammenarbeitete und für die Schmuserocklangweiler von Coldplay produzierte, scheint auf den ersten Blick von einem solchen Riss zwischen Gefühl und Ratio durchzogen zu sein. Das zeigt sich auf seinem dritten Downtempo-Electronica-Album nicht nur an synthetischen neunziger-Jahre-Flächen, die durch unnötige Prisen aus dem Dissonanzstreuer verkompliziert und mit einem pseudobös-spröden Soundgewand bekleidet werden. Das äußert sich vor allem in Gestalt einer mit lieblichem Klavieranschlag, sanften Streichern und ruralem Gebimmel in Szene gesetzten Romantik mit schlechtem Gewissen, deren Zug in Richtung Wohlklang und Introversion immer wieder mit widerborstigen Taktvertracktheiten und rhythmischen Interessantismen gebremst, ja kaschiert wird. Wenn man nicht weiß, dass sich manche Sperrigkeit der ersten Albumhälfte aus dem Umstand erklärt, dass ihre Tracks als Score für eine Tanzproduktion des Avantgarde-Choreographen Wayne McGregor komponiert wurden, könnte man glauben, das klassisch ausgebildete ehemalige Klavierwunderkind habe Angst vor Kitschverdächtigungen oder Brigitte-Hörtipp-Erwähnungen und lasse die Zugbrücke seines wildromantisch pochenden Herzens daher nur so verschämt herunter. Geschieht es doch, dann allerdings vollständig wie im Stück »Colour Eye«, an dessen Ende ein kräftiger Landregen stimmungsvoll niedergeht, den auch Schwulstfreunde wie Mike Oldfield oder Craig Armstrong freudig begrüßt hätten. Auch bei der elegischen Streichereröffnung des Albums und ganz unironisch von Vogelgezwitscher begleiteten Nachdenklichkeitsetüden auf dem Klavier à la Erik Satie und Roger Eno (»Autumn Hill«) verbirgt Hopkins seine Mitgliedschaft im Bund der Empfindsamen nicht. Mitunter hat man gar Angst vor einer Renaissance des Buckelwalgesangs.

    Man mag innovativ finden, wie hier eine Tradition des Pastoralen mit deepen Bässen und trippig-verschachtelten Beats konterkariert wird. In guten Momenten klingt das wie ein durch die Beatgerüstbauer von Massive Attack unterstützter Brian Eno, in nicht so guten wie die mystisch angewaberte Klangtapete zu einer ZDF-Infotainment-Sendung über das versunkene Atlantis.

    Einen Höhepunkt bildet »Light Through The Veins«, ein schwereloser Track, der zehn Minuten lang sein so simples wie zwingendes melodisches Kleinstpattern variiert – eine stete Steigerung ohne Kulmination. Flirrender kriegt das nur der neoimpressionistische Schuhstarrer Ulrich Schnauss hin. Man möchte sich dazu auf Sommerwiesen in Zeitlupe Bälle zuwerfen oder überbelichteten Traumwesen Locken aus dem Gesicht streichen.

LABEL: Domino Recording Co

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 01.05.2009

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