Jon Hopkins – Der im Wald badet / Feature & Melt-Konzert

Aber ist der Rückzug an ein inneres oder alternativ bewaldetes stilles Örtchen wirklich die richtige Bewältigungsstrategie in Zeiten wie diesen? Wenn die Realität zunehmend überwältigend und die täglichen Nachrichten entmutigend sind – kann forest bathing da die Lösung sein? Die Landpartie als Therapie der politischen Depression? Ganz so zugespitzt funktioniert es natürlich nicht. Und zumindest musikalisch fällt es ziemlich schwer, sich Jon Hopkins als Waldschrat mit Pilzhütte vorzustellen. Singularity ist klanggewaltig und mitreißend wie sein Vorgänger. Nur die Geschichte hat sich eben geändert. Erzählte Immunity noch mit hypnotischem Techno von einer Partynacht, eröffnet Singularity nun mit erdrückenden Industrial-Klängen. Düster, grob, schwer. Konterkariert wird das bald von einem zarten Piano, das sich aus den breiten Klangflächen herausschält, gefolgt von pastoralen Chören.

Hopkins spielt mit diesen Gegensätzen, er kostet sie aus. Denn es geht ihm um das Hörerlebnis im Gesamten. Seine Alben leben von einem Track-übergreifenden Narrativ, einer in Teilen cineastischen Qualität, in der man seine Arbeit an Filmsoundtracks erkennen könnte – eine Sichtweise, die er allerdings ablehnt. Diese Form des musikalischen Narrativs habe auch seine frühen Alben geprägt, stellt er klar. Und schiebt hinterher: „Nicht dass ich zwangsläufig empfehlen würde, sich das anzuhören.“

„Musik hat diesen beruhigenden, erdenden Effekt. Es fühlt sich an, als wäre dein Kopf an tausend Orten zur gleichen Zeit.“

Stichwort: frühe Alben. Als 2013 Immunity die Kritik begeisterte, konnte Hopkins bereits auf eine lange Liste von Veröffentlichungen und Kollaborationen zurückblicken. Mit 18 spielte er in der Band von Imogen Heap. Wenige Jahre später lud ihn Brian Eno in sein Studio ein. Zum Jammen. Für seine Kollaboration mit King Creosote an Diamond Mine war er zum ersten Mal für den Mercury-Preis nominiert. Zwischendurch arbeitete er immer auch an eigenen Ideen, allerdings anfangs mit mäßigem Erfolg. Laut Hopkins lag das vor allem an mangelndem Equipment: „Ich war nie der Typ für Lo-Fi. Ich wollte immer einen üppigen, satten Klang.“ Mit einem simplen Synthesizer und Amiga 500 war da allerdings wenig zu holen. Erst mit dem Vorschuss aus seinem ersten „Mini-Plattendeal“, den er im Alter von 19 Jahren abschloss, kaufte er sich einen ordentlichen Computer. Zumindest die Einzelteile, zusammengebaut hat ihn ein Freund.

Später arbeitete Hopkins gemeinsam mit Eno als Co-Produzent und Songwriter an Coldplays Millionenseller Viva La Vida. Was einen auf den ersten Blick irritieren könnte, ergibt auf den zweiten sehr viel Sinn: Hopkins ist in vielerlei Hinsicht eine Art Klangfetischist, ein Bastler mit Hang zu großen, manchmal schillernden Klangflächen, von seinen frühen Ambient-Tracks mit viel Hall zum überbordenden Klangspektrum von Singularity. Da ist der sich bescheiden gebende Bombast einer Band wie Coldplay nicht allzu weit entfernt.

Diese Faszination für Sound begleitet Hopkins schon sein Leben lang. Als er gerade einmal vier Jahre alt war, entdeckte er die hypnotische Wirkung von Klang und Schall. Zu Besuch bei einem Freund stellte er sich an das Klavier und drückte eine Taste. „Ich weiß noch sehr genau, wie ich dort stand und einfach nur lauschte, total gebannt von diesem Klang, der sich auf- und abbaute.“ Sein Freund geriet dabei wohl etwas in Vergessenheit. Und auch heute spielen solche musikalischen Erlebnisse eine große Rolle für Hopkins. „Musik hat diese absolut großartige Wirkung auf Stimmungen, diesen beruhigenden, erdenden Effekt. Es fühlt sich an, als wäre dein Kopf an tausend Orten zur gleichen Zeit.“

Dieser Text ist erstmals in der Printausgabe SPEX No. 380 erschienen. Das Heft kann wie alle Back Issues nach wie vor versandkostenfrei online bestellt werden.

Jon Hopkins live
13.–15.07. Melt Festival – Ferropolis
Alle Infos zu Tickets und Künstlern gibt’s hier.

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