Jon Hopkins – Der im Wald badet / Feature & Melt-Konzert

Als Jon Hopkins Anfang März sein Album Singularity ankündigt, ist das Internet ein bisschen on fire. Und Hopkins? Schreibt auf Twitter lakonisch: „Ich bin ein ‚Zwei Alben pro Dekade‘-Typ.“ Fünf Jahre nach dem für den Mercury-Preis nominierten Immunity ist die Welt in einem ziemlich deprimierenden Zustand. An Feiern will der englische Produzent nicht denken, lieber seinen Frieden in der Natur finden. Ist das jetzt eine valide Bewältigungsstrategie? Oder einfach eine Landpartie? Live ist Hopkins beim Melt Festival zu erleben – aus diesem Anlass kann das komplette Feature aus SPEX No. 380 nun online gelesen werden.

Es ist spät an einem Freitagabend, das Wochenende ist verlockend nah. Jon Hopkins sitzt neben einem prasselnden Kaminfeuer, während draußen feiner Nieselregen aus dem grauen Berliner Himmel tropft. Eine ganze Woche voller Interviewtermine hat der 1979 in Kingston upon Thames geborene Musiker bereits hinter sich. Zum ersten Mal absolviert er einen derartigen Marathon, wie er sagt, aber er scheint auch auf den letzten Metern noch gut aufgelegt. Hopkins spricht leise und sehr gewählt. Selbst sprachliche Missverständnisse bringen ihn nicht aus der Ruhe. Sogar wenn daraus unfreiwillig unerhörte Fragen resultieren wie: Was ist das Deprimierendste an dir? „Das musst du dir schon selbst beantworten“, sagt Hopkins und grinst vergnügt.

Dabei könnte man ein deutlich niedergeschlageneres Gegenüber erwarten. Immerhin soll Hopkins’ neues Album Singularity eine Reaktion auf die politische und gesellschaftliche Situation dieser Tage sein. 2016 war für den Londoner Produzenten das Stichjahr, das Jahr, in dem „die Dinge plötzlich einen anderen Lauf genommen haben“ und sich in der Folge ein diffuses Gefühl von Angst breitmachte. Welches Erlebnis er als besonders frustrierend erfahren habe, will Hopkins nicht beantworten. Es gebe zu viele Beispiele. Aber wir erinnern uns an den Morgen im Juni, als in seinem Heimatland Großbritannien mit dem Brexit-Votum das scheinbar Undenkbare passiert ist. Oder als im Herbst schon niemand mehr die Kraft hatte, noch mit angemessener Wut und Entsetzen auf die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten zu reagieren. „Man kann diese Eindrücke nicht von sich fern halten. Die Frage ist vielmehr: Wie reagiert man darauf?“, sagt Hopkins. Eine Option wäre, „ein unfassbar deprimierendes Album zu machen und es den Leuten noch mal so richtig reinzudrücken“. Was manche Künstler auf brillante Art und Weise beherrschten, meint Hopkins, sein Interesse sei das aber nie gewesen. Er wollte der Welt außerdem etwas Reines, Pures präsentieren. Singularity beschreibt er als einen musikalischen Reinigungsprozess, der „ziemlich intensiv und bedrückend beginnt“ und dann Stück für Stück „seine eigenen Probleme aufarbeitet“. Am Ende sind die Musik, ihr Urheber und im Idealfall auch ihre Hörerschaft mit sich selbst im Reinen. Doch wie kommt man zu diesem geläuterten Geisteszustand? Hopkins Strategie: Erst mal tief durchatmen.

„Ich war nie der Typ für Lo-Fi. Ich wollte immer einen üppigen, satten Klang.“

Mit Meditations- und Atemtechniken beschäftigt Hopkins sich seit vielen Jahren. Im Alter von 21 Jahren litt er am Chronischen Erschöpfungssyndrom. „Dagegen gibt es keine Medikamente. Du kannst dich nur ausruhen und dann langsam deine Aktivität steigern“, erklärt er. Für ihn der perfekte Zeitpunkt, um sich mit Meditation auseinanderzusetzen, einer Technik zur Stressbewältigung und Inspiration, auf die er noch heute schwört. Und die, meint Hopkins, wie eine Art Schlüssel zum Unterbewusstsein funktioniert. 2015, nach zwei intensiven Jahren auf Tour und DJ-Sets zu allen möglichen und unmöglichen Uhrzeiten war Hopkins’ Schlafrhythmus einigermaßen zerschossen. In diesem Moment entdeckte er die Transzendentale Meditation für sich und fand dadurch nicht nur Ruhe, sondern auch neue musikalische Inspiration und inneren Frieden.

Mit seiner Faszination für Meditation und Naturtherapie – Hopkins erzählt unter anderem von forest bathing beziehungsweise shinrin-yoku, einem Phänomen, das sich in Japan seit den Achtzigerjahren einiger Beliebtheit erfreut – scheint er unter Musikproduzenten und DJs jedenfalls voll im Trend zu liegen. Der wholesome lifestyle als Gegenentwurf zu Euphoriepillen, Alkohol und Wachmachern setzt sich zunehmend durch. Für Hopkins ist die Auseinandersetzung mit der Natur „der einzige Weg für Fortschritt“. Womit er allerdings keine reine Rückkehr in den Schoß von Mutter Natur meint, sondern eher eine Neufokussierung: „Je mehr wir die Komplexität der natürlichen Systeme verstehen und von ihr lernen, desto fortschrittlicher können wir leben.“ Ein Trip in den Wald könnte für diese erneuerte Bindung zwischen Mensch und Umwelt ein Anfang sein.

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