Jon Hassell/Brian Eno Fourth World Vol. 1 – Possible Musics

Hypnotisierend, betörend und diskret: Brian Enos Kollaboration mit Komponist Jon Hassell Fourth World Vol. 1 – Possible Musics ist auch 34 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen ein Aufruf zum sofortigen Aubruch in die Welt.

Brian Eno hat ein schlechtes Gewissen. Sollte er auch haben. Ende der Siebziger traf er in New York den Trompeter und Komponisten Jon Hassell. Der US-Amerikaner hatte ebenso bei Karlheinz Stockhausen studiert wie beim indischen Sänger Pandit Pran Nath und träumte von einer »Vierten Welt«, einer positiv globalisierten Gemengelage, in der Kulturen sich fortwährend miteinander vergnügen und neue wunderschöne Nachkommen zeugen sollten. Eine Feier der Differenz, von der Hassell mit seiner Musik künden wollte. Das klang gut für Eno, er tat sich mit Hassell zusammen, gemeinsam veröffentlichten die beiden 1980 Fourth World Vol. 1 – Possible Musics.

Die Platte beginnt mit dem blubbernden Sound einer Talking Drum, darauf folgen Stücke, die meist aus nicht viel mehr bestehen als einem handgeklatschten Rhythmus oder handgespielten Trommeln (Congas, indische Ghatams), dazu klingt mal eine Synthesizerfläche, vielleicht Feldaufnahmen von zirpenden Grillen und immer Hassells gehauchtes, irisierendes Future-Primitive-Trompetenspiel. Das Ergebnis, jetzt auf CD und Vinyl wiederveröffentlicht, fordert auch 34 Jahre später noch zum sofortigen Aufbruch in die Welt auf, klingt hypnotisierend, betörend und diskret, wie eine Weiterführung von Enos Ambient-Experimenten in ortlos und outernational.

»Die Idee war, das Traditionelle und Spirituelle der Dritten Welt mit der Technologie der Ersten Welt zu verschmelzen«, erinnert sich Hassell. Eno fand den Ansatz so vielversprechend, dass er ihn übernahm und ohne weitere große Beteiligung von Hassell 1981 mit David Byrne My Life In The Bush Of Ghosts einspielte, auf dem er unter anderem Tabla-Getrommel, die Stimme der Libanesin Dunya Yusin oder Koranverse singende algerische Muslime mit Postpunk-Funk zusammenbrachte. Ein von vielen als einflussreich gerühmtes Album, im März 1981 Platte des Monats in SPEX. Doch aus heutiger Sicht wirken die Samples recht grob geschnitzt, die Arrangements überladen, die Beats eher blutarm und blechern. My Life In The Bush Of Ghosts scheint als Idee inzwischen wichtiger denn als existierende Musikaufnahme.

Im Gegensatz dazu ist Fourth World Vol. 1 (zusammen mit seinen nicht minder schillernden Vorgängern Vernal Equinox und Earthquake Island, die Hassell 1977 und 1978 mehr oder weniger im Alleingang komponiert und produziert hatte, sowie dem etwas widerspenstigeren Nachfolger Dream Theory In Malaya – Fourth World Volume Two) weitaus besser gealtert. Zum Rerelease hat Brian Eno nun ein Vorwort unter der Überschrift »The debt I owe to Jon Hassell« beigesteuert, das 2007 zuerst im britischen Guardian erschienen war. Sein Name prangte ohnehin eher aus Marketinggründen auf dem Cover – eigentlich war es vor allem Hassells Platte.

Der strebte eine universale Ritualmusik an, improvisiert, ohne im Jazz zu landen, in der Kulturelemente gleichberechtigt miteinander sprechen – und weder willkürlich aufeinanderknallen wie bei »afrokeltisch« oder »Balkan-Dub« noch als Weltmusik-Ornamente banalisiert wurden wie bei den einschlägigen Projekten von Peter Gabriel oder Paul Simon. Musik, deren Bausteine heute die »Klassik« der Welt bilden könnten, hätte Europa mit seiner »Klassik« nicht die Welt vor einigen hundert Jahren kolonialisiert. Musik, wieder oder immer noch höchst relevant für all diejenigen, die gelangweilt sind von der westlich zentrierten US-UK-Rock’n’Roll-Dominanz in der Popkultur. Es sind schließlich noch so viele andere Musiken möglich da draußen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.