Jolly Goods: (falsche) Schauer, Blut und Pop

Tanja Pippi (l.) und Angy Lord   FOTO: Stefanie Walk & Jolly Goods

Die Jolly Goods arbeiten endlich wieder an einem neuen Album und spielen heute beim Down By The River Festival in Berlin. SPEX.de hat sie vorher noch im Interview um ein Update gebeten.

Als Jolly Goods wenden sich Tanja Pippi und Angy Lord gegen Normdruck und sexistische Grenzziehungen unter dem Deckmantel von Scham und Ekel. Ihre libertären Botschaften, die auch das Spiel mit der Genderperformanz beinhalten, kleiden sie mal in krachend-scharfes, mal psychedelisches Rockgewand; zuletzt auf ihrem zweiten Album Walrus, dessen Veröffentlichung mittlerweile schon drei Jahre zurückliegt. Heute spielen sie beim Down By The River Festival im Berliner ://about blank nebst Zentralheizung of Death des Todes, Jakob Dobers, Schnipo Schranke und vielen anderen interessanten Acts. Dabei wird das Schlagzeug-Gitarre/Keyboard-Duo auch einige neue Songs aus seinem bald aufzunehmenden dritten Album präsentieren. Ein Gespräch mit Jolly Goods über die laufenden Arbeiten und vorangegangene Projekte wie etwa ihr Beitrag zu einem lesbischen feministischen Horrorhaus. (weiter nach dem Video)

Angy Lord, Tanja Pippi, womit haben sich die Jolly Goods zuletzt beschäftigt?
Angy Lord: Neben dem Musikmachen befinden wir uns gerade beide in institutionellen akademischen Rahmen.
Tanja Pippi: Ich hatte vor einigen Tagen meine Abschlussprüfung an der Kunstuni. Es lief ganz gut, auch wenn einige ältere Herrschaften dort meine queer-feministischen Arbeiten etwas abtun und lieber ihre selbst gewählten Lebensmodelle bestätigt sehen wollen. Die sehen dann ungern, was ich mache.

Zwei Elemente, auf die Sie dabei immer wieder zurückkommen, auch in der Inszenierung der Band, sind Periodenblut und Tampons. Darf man sagen, die beiden sind mittlerweile zu einer Art Erkennungszeichen Ihrer Kunst geworden?
TP: Nein, das würde ich nicht behaupten. Auch viele andere Künstlerinnen haben sie schließlich benutzt. Ich persönlich habe mich sehr mit Perioden beschäftigt, weil ich gerade auch an der Uni merkte, dass das noch immer ein Thema ist. Ein Oberprüfungsleitertyp ist zum Beispiel bei meiner Period Party-Ausstellung direkt aus dem Raum gegangen, weil es ihm zu eklig war. Aber was bitte ist an süß mit rotem Faden bestickten Kissen eklig? Außerdem hieß es, feministische Künstlerinnen in den 70ern hätten bereits dazu gearbeitet. Deshalb könnte man jetzt mit dem »nervigen« Thema ja aufhören, wenn es jemand schon einmal gemacht hat.

Periodenblut als vermeintliches Schauermittel taucht auch im neuesten Jolly Goods-Song »Feverdream« auf, den sie als Soundtrack für Killjoys Kastle: A Lesbian Feminist Haunted House der Künstlerin Allyson Mitchell in Toronto aufgenommen haben. Wie kam es dazu?
TP: 2012 waren wir als Teil von Peaches Does Herself mit Peaches in New York und Toronto. Damals haben wir das »Freight Train«-Video (auf Coney Island) gedreht. 2013 hat uns Allyson Mitchell, die wir durch Peaches kennen lernten, eingeladen. Über Skype besprachen wir zusammen mit ihr unseren Beitrag zum Killjoys Kastle.

Sie sind dann sogar in diesem Haus aufgetreten und haben dort das Video zum Song gedreht. 
AL: Allyson Mitchell hatte uns vorher Collagen und Skizzen gezeigt und den Weg durch das Labyrinth erklärt in dem unser Soundpiece abgespielt wurde.
TP: Das Konzept basiert auf den Hell Houses, die in Nordamerika durch christliche Kirchen initiiert werden. Den Besucher_Innen werden durch Schauspielerei vermeintliche Sünden vorgespielt. Da tanzen Jugendliche zu lautem Techno und einer kippt um, weil er betrunken ist, oder – ganz schlimm – ein Pfarrer sitzt am Krankenbett eines Mannes und sagt: »Du warst homosexuell. AIDS ist die Strafe Gottes.« Allyson Mitchell drehte das um. Sie spielte mit Klischees, die es über Lesben und Feministinnen gibt. Es gab etwa Performerinnen, die mit Spiegeln ihre Vaginen betrachteten, aus denen dann Schlangen und Plastikaugen herauskamen. Oder eben dieses Labyrinth, in dem unser Song gespielt wurde und in dem wir auch manchmal die Leute persönlich erschreckten. Diese Ängste sollten vorgeführt werden. (weiter nach dem Video)

Ist »Feverdream« das einzige neue Lied, das sie zuletzt geschaffen haben?
TP: Nein, wir sind gerade am Schreiben neuer Songs für ein Album. Der Plan ist, die neue Platte sehr bald und allein in unserem Proberaum aufzunehmen. Mal schauen, ob wir dann nochmals ins Studio gehen, aber wir wollen diesmal einfach mehr Zeit haben, um die Songs so hinzubekommen, wie wir sie haben wollen. Bei den vorherigen Aufnahmen hatten wir immer nur vier bis fünf Studiotage und dann gab es immer noch einige Stellen, die wir gerne verändert hätten.

Sie sagten, Sie wollen dieses Mal das Album selbst produzieren.
AL: Genau.
TP: Wir wollen uns erstmal im Keller ein- und die Welt auszuschließen, um das Gefühl von früher wieder zu erzeugen. Damit man alles so realisieren kann, wie es im Kopf war. Bei Walrus waren wir nur sehr kurz mit unseren Stücken alleine.
AL: Das war aber kein Problem, sondern im Gegenteil sehr lehrreich.
TP: Jedenfalls wollen wir alles immer anders als beim vorherigen Mal machen. Damals haben wir mit zwei Leuten gearbeitet (Anm. Hans Unstern und Dirk von Lowtzow als Produzenten). Nun eben mit keinem.
AL: Und beim nächsten Mal dann zehn Monate lang mit einem großen Orchester, welches wir uns nach der dritten Platte bestimmten leisten können. (lacht)

Können Sie schon sagen, inwiefern sich die Stücke von Walrus und Her.barium unterscheiden?
TP: Wir probieren gerade mit Midi-Sounds herum. Für ein paar Songs haben wir ein paar Trompeten- und Geigensongs geschrieben, die uns sehr beglücken und die noch von Musiker_Innen richtig eingespielt werden sollen. Die neuen Sachen sind viel poppiger, voller und ausgereifter. Wir haben gerade etwa neun bis zehn Songs, alle länger als 2:50. Mir fällt auf, dass es einige Songs gibt, die viel happier klingen, als der alte Kram, aber … Es ist schwer, über die Themen zu reden. Hauptsächlich geht es um Gefühlswelten und ich versuche immer, die Texte nicht zu klar machen.

Und wie stark sind Sie diesmal am Schreibprozess beteiligt, Angy?
AL: Ich habe ein paar der Instrumentenparts geschrieben. Es gibt außerdem einen Song von mir, den wir gut finden. Er ist eher düster und geht in die Richtung unseres Songs »Failure« oder auch meines Soloprojektes. Wir sind uns aber noch nicht sicher, ob er zum neuen Jolly Goods Album passt.

Würden Sie sonst noch gerne etwas sagen?
TP: Wir fanden es übrigens bei Walrus sehr schade, dass im Prinzip nur das Missy Magazine auch darüber geschrieben hat, wogegen wir eigentlich kämpfen. Uns ist es sehr wichtig, dass wir nicht gefällig sind. Auch in unserem ersten SPEX-Artikel (in SPEX N°312) wurde das unterschlagen, stattdessen ging es im Prinzip nur um unser Aussehen und meine Stimme würde angeblich »nach erwachsenem Sex« klingen.

Für das Down By The River Festival gibt es noch bis 22 Uhr Karten an der Tages- bzw. Abendkasse. Der Beginn ist bereits um 14 Uhr. Nachfolgend das komplette Programm mit Zeiten:

Laute Bühne (://about blank-Garten)
14:00 DC Schneider
15:30 Yoyoyo Acapulco
17:15 Schnipo Schranke
19:00 The Sacred Travelers
21:00 Skiing
22:00 DJ Joe le Taxi

Gebüschbühne (://about blank-Garten)
14:45 Rozi Plain & Jamie Harrison
16:15 Jakob Dobers
18:00 Heidi Alexander (ex The Sandwitches)
19:45 Charlie Megira & the Bet She’an Valley Hillbillies

Krasse Bühne (://about blank-Indoor)
16:30 Jolly Goods
18:45 Zentralheizung of Death des Todes
20:00 ZA!