Wäre Joker ein Roman, er würde auf jeder Seite Bret Easton Ellis zitieren und sich dabei auch noch edgy fühlen. Als Film ist er unreif und feige.

Der Troll gewinnt immer. Ihn zu bekämpfen, ist unmöglich, da ja alles nur ein Witz ist. Wird er ignoriert, deutet er das zum Zeichen seiner vermeintlichen Stärke um. Jede Banalität wird ihm zur Meinung, jede Meinung zur Freiheit und jede Gegenrede zur Freiheitsberaubung. Der Troll ist immer Täter, sieht sich aber als Opfer. Jeder Widerspruch gegen seine Verletzungen ist für ihn eine Aggression. Der Troll führt Präventivkriege. Immer wieder, überall. Auch im Kino. Joker ist hier. Wer die Kinokarte kauft, verliert. Wer nicht hingeht, ist der eigenen Engstirnigkeit aufgesessen. Man darf schließlich gar nichts mehr sagen. Joker spielte am ersten Wochenende in den USA über 90 Millionen US-Dollar ein. Die Trolle gewinnen immer. 

Rächer der Gegängelten: Joaquin Phoenix als Joker (Foto: Warner Bros. Entertainment Inc. / DC Comics / Niko Tavernise).

Am Anfang wird Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) im Gotham der Siebzigerjahre von ein paar Straßenjungs verprügelt. Und dann lacht er im Büro der Sozialarbeiterin. Er kann per Attest beweisen, dass er darüber keine Kontrolle hat und ihm nicht wirklich zum Lachen zumute ist. Fleck will aber trotzdem Komiker werden und versucht sich als Straßenclown und am Open Mic. Damit geht er genauso vor die Hunde wie die Welt um ihn. Ein paar Ablehnungen und schlechte Nachrichten später ist es dann endlich soweit: Fleck schminkt sich zum Joker auf und wird zum Gesicht einer politischen Abwrackbewegung. Am Ende brennt die Stadt, das Make-up fließt aus den Mundwinkeln und Bruce Waynes Eltern sind tot. Die Fanboys sind befriedigt, die BWL-WGs bekommen neue Poster und ungepflegte Männer nehmen ihre Red-Bull-Dose, quälen sich aus dem Kinosessel und gehen, vom Sicherheitspersonal beäugt, nach Hause. Endlich, endlich hat sie mal jemand verstanden. 

Regisseur Todd Phillips, der bislang Filme wie Road Trip, Old School oder die Hangover-Reihe verantwortete, erzählt nun die origin story des Urbösewichts Joker. Er habe den Komödien entsagt, so Phillips, weil man in der politischen Korrektheit ja gar nichts mehr sagen darf. Was natürlich nicht stimmt. Man darf alles sagen. Man darf Todd Phillips auch einen verweichlichten, homophoben, narzisstischen, pseudo-intellektuellen Neidhammel auf der Suche nach dem eigenen Penisneid nennen, in einer Filmkritik zum Beispiel, und all dies natürlich nur satirisch meinen. Darf man alles, man muss nur mit den Konsequenzen leben und sich fragen lassen, wofür das gut sein soll.

Es spricht ein tiefsitzender Minderwertigkeitskomplex aus Joker

In der ersten Stunde versucht sich der Film als Drama, um im letzten Akt in den Comic-Kosmos einzudringen. Phillips ist um Gravitas bemüht. Es wird sich aufgebläht, mit einem immer etwas zu lauten Cello auf der Tonspur und einer theatralischen Kameraführung, die stets erahnt, was Stil ist, es aber doch nie ganz versteht. Und es wird zitiert. Joker schmückt sich mit den Federn des patriarchalen Peinigungskinos. Taxi Driver, The King Of Comedy, Network, Fight Club. Noch etwas Hitchcock und ein wenig, ach, auch egal. Denn das Zitat ist bei Phillips nichts anderes als eine Täuschung. Anstatt mit diesen Werken in Dialog zu treten, will Joker einfach nur ihren Ruhm abgreifen. Am deutlichsten wird dies am Strukturgeber Taxi Driver.

War Travis Bickle noch ein waschechter Rassist und damit selbst Verschmutzer des versifften New York, bekommt Arthur Fleck, man will es kaum glauben, für ein paar unmotivierte Momente eine Schwarze Freundin (Zazie Beetz) an die Seite gestellt. Joker hat nicht mal den Mut zum offenen Rassismus. Man hätte es Risiko nennen können. Doch der Film, ganz anders als seine Vorbilder, konfrontiert weder sich noch sein Publikum mit der eigenen Schädlichkeit. Schließlich ist Phillips nur an einem interessiert: sich selbst. 

Der gesamte Film ist eine Verteidigung der eigenen Mittelmäßigkeit. Der Schmerz und die Opferrolle dienen als Katalysator für den großen Rundumschlag. Die Korruption der herrschenden Klasse ist ein Naturgesetz, die Talentfreiheit der Unterhaltungsindustrie wertet die eigene auf. Jokers Versuch, seiner eigenen Humorlosigkeit beizukommen, besteht nämlich nicht etwa darin, lustiger zu werden. Sondern darin, auf die Banalität der anderen Comedians hinzuweisen. Das findet in den Witzeleien von Robert De Niros müdem Late-Night-Talker über den Open-Mic-Versuch Flecks seinen Höhepunkt. Der Joker will eine Welt, in der alle im Dreck leben. Damit er dort nicht mehr allein ist. Das Rattennest als Komfortzone. Zwar tut der Film so, als ob sein Nihilismus ihm von der Realität aufgezwungen wurde. Dabei ist sein Nihilismus eine Entscheidung. Kalkuliert und entschuldigend für die eigene Nichtigkeit.

Die Kardinalsünde in dieser Welt ist die Verachtung. Der Joker wird immer und überall herabgewürdigt. Die Politik nimmt ihn nicht ernst, die Welt versteht ihn nicht, das Publikum lacht ihn aus. Womit der Film sich selbst zum Rächer der Gegängelten erklärt. Für jene, die all die komischen Worte in der Zeitung nicht mehr verstehen. Für jene, die einfach keine Freundin abbekommen, wo man doch mindestens dreimal „Hey“ in die Dating-App geschrieben hat. Es spricht ein tiefsitzender Minderwertigkeitskomplex aus Joker. Der aber ist komplett fehlgeleitet, weil der Film sich nicht mit ihm auseinandersetzt, sondern ausschließlich der Welt vorwirft.

Stattdessen dampft jede Menge Anti-Intellektualität aus seinen Poren, Deep-State-Verschwörungswut. Und, natürlich, Sexismus. Dass Joker den Bechdel-Test nicht bestehen würde, damit war zu rechnen. Doch mit welcher Bitterkeit Fleck letztlich seiner Mutter (Frances Conroy) begegnet, ist schon aus psychoanalytischer Perspektive banal und grausam gleichermaßen. Joker ist ein massiv unreifer und feiger Film. Weil Mutti ihm nicht die Kruste vom Toastbrot abschneidet, gehört sie bestraft. Logisch.

Die Aggression in Joker ist so leer und ziellos, sie kann jeder Person für die eigene Agenda dienen

Wäre Joker ein Roman, er würde auf jeder Seite Bret Easton Ellis zitieren und sich dabei auch noch edgy fühlen. Womit Phillips ein erschreckend passender Film zur Zeit gelungen ist. In Venedig gewann er den Goldenen Löwen, der Begriff „Meisterwerk“ fällt allenthalben. Superlative sind immer wichtig, um wichtig zu sein. Auffällig viele Stimmen, die für sich beanspruchen, die Wahrheit auf ihrer Seite zu haben, nehmen den Film in ihren Waffenschrank auf. Sowohl das konservative US-amerikanische Feuilleton als auch zum Beispiel Michael Moore fühlen sich vom Joker verstanden. Die Aggression in Joker ist so leer und ziellos, sie kann jeder Person für die eigene Agenda dienen. Und wer anders denkt, hat es „einfach nicht verstanden“.

Was auch die Auseinandersetzung mit Joaquin Phoenix so frustrierend macht. Gehört der Mann schließlich zu den spannenderen Gesichtern seiner Generation und hat gerade in seinen körperlichen Aktionen Momente, denen man gerne zusieht. Aber woran soll man seine Leistung messen, wenn seine Figur doch so gar keinen Resonanzrahmen in unserer Welt hat? Die Emotionen des Jokers sind allesamt abstrakt. Sein Lachen ist ein Mechanismus, sein Schmerz ist ein Befehl zum Leid. Manisch ist es, klar. Aber womit will dieses Schauspiel verglichen werden? Welche Identifikation ist möglich? 

Am Ende hilft es auch nicht, dass der Film oft etwas zu lange in seinen Jetzt-kommt-das-Genie-Momenten verweilt. Wie ein Student_innenfilm, der die eine coole Szene einmal zu oft zeigt. Kill your darlings? Nein, kill the rich schreien die Schilder des Mobs. Wenn man jede Welle reitet, wird man irgendwann schon auf Gold stoßen. Oder um es mit Paul Schrader, dem Autor von Taxi Driver, zu sagen: You can‘t compete with mediocrity.

 

Joker
Regie: Todd Phillips
Mit Joaquin Phoenix, Zazie Beetz, Robert De Niro, Frances Conroy u.a.
Startet am 10.10.