John Vanderslice

Wenn der Protestsong da anfängt, wo es dem Künstler mit einer politischen Haltung nicht mehr nur um sich selbst geht, dann befindet sich John Vanderslice genau auf der Borderline. »Emerald City« ist Vanderslices sechstes Studioalbum, der Titel verweist auf die grüne Zone in Bagdad, dem amerikanisierten Herzen des Irak. Aus der Couch-Perspektive des eigentlich passiven Beobachters, dem das Leiden der Anderen via CNN nach Hause geliefert wird, greift er zur Gitarre und wird aktiv. Beschwörend besingt und beklagt er die Irrungen und Wirrungen seines Heimatlandes nach 9/11. »We crossed on the ridge and cut their women down / I climbed up on the minaret and occupied the town« heißt es in »The Minaret«, in »White Dove« ruft er nach der Friedenstaube: »White dove, white dove / What are you thinking of?«.

    So eindeutig geht es aber nicht das ganze Album über zu. Vanderslice ist nämlich ansonsten ein Meister der Verstörung, driftet gerne ins Absurd-Makabre ab, dafür ist er seit seinem 2000er-Debüt »Mass Suicide Occult Figurine« bekannt. Mit dem Track »Bill Gates Must Die« sorgte er landesweit für Empörung. Diesmal fallen in »Kookaburra« die Chrysler Towers in Manhattan einem Terroranschlag zum Opfer. Apocalypse now! – Karlheinz Stockhausen lässt grüßen: »From dusk to dawn and dawn to dusk / The sky will fill with vaporized dust«. Oder handelt es sich hierbei um eine moderne Version von T.S. Elliots »A Waste Land«? Man weiß es nicht und soll es wohl auch nicht herausfinden. Ein Verwirrter bringt seine Verwirrung zum Ausdruck und dreht langsam selbst durch. Steckt selbst knietief in der Paranoia.

    Dabei fällt angenehm auf, dass Vanderslices Amerikakritik zu keinem Zeitpunkt auf ein vereinfachendes Bushbashing vs. Gutmenschentum hinausläuft. Dafür sind heute Leute wie Pink zuständig. Deshalb wäre es auch falsch, den 40-jährigen als das gute Gewissen des US-amerikanischen Indiepops zu bezeichnen. Mit Michael Moore hat das alles wenig zu tun. Seine Refrains wollen auch gar nicht als Slogans auf einer Demonstration gesungen werden. Dafür ist das alles viel zu privat und intim. Bleibt Couch-Perspektive. Seine momentane Wut auf Vater Staat schöpft Vanderslice übrigens aus einem never-ending Rechtsstreit um die Aufenthaltsgenehmigung für seine französische Freundin.

    Im gleichen Maß wie die Texte verstört auch die Musik. »White Dove« ist dafür beispielhaft. Der Song fängt an mit einer netten Akkordfolge auf der Akkustikgitarre. Doch die ist eigenartig verzerrt. Was man damals bei Bright Eyes »Hot Knives« auf »Cassadaga« sofort als Kunstgriff erkannt hat, wirkt hier deplaziert und surreal. Es ist wie ein Tinitus, der den schönen Track subtil zerstört, die Harmonien kaputt macht, einen nachdenken lässt. Was will der von mir? An diesem Punkt hört man auf, Vanderslices schönen Gesang als einfach nur schön wahrzunehmen, man hört ihm wirklich zu. Die Vanderslice´sche Friedensbotschaft erreicht einen. Darum geht es ihm. Und wenn er bei 02:10 seine drei Akkorde und den schweren Drumbeat so perfekt aufeinander prallen lässt, dass man am liebsten drauf headbangen würde, ist die Zeit gekommen, sich von der Couch zu erheben und rauszugehen. Nicht etwa mit Transparenten, aber mit einem veränderten Bewusstsein. So in etwa.

LABEL: Affairs Of The Heart

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 02.11.2007

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