John Maus „Screen Memories“ / Review

Zwischen erhabenem Ernst und infamer Schäbigkeit: Nach sechs Jahren kehrt John Maus mit Screen Memories zurück.

Der „hysterische Körper“ (Selbstbeschreibung John Maus) zuckt wieder und liebt seine Symptome wie sich selbst. Sechs Jahre hatte Maus kein richtiges Album veröffentlicht, wichtiger war erst mal der Doktorabschluss in politischer Philosophie. Nun Screen Memories – der Titel seines Comebacks mag den Nostalgieverdacht schüren. Aber bekanntlich optimiert Maus seine Erinnerungsmaterialien nicht zu griffigen Klangsignaturen. Die Popgeschichte dient ihm vielmehr als Plateau für tausend Exzesse. Referenzpunkte wie Joy Division, Bauhaus, Sisters Of Mercy, EBM oder Giorgio Moroder werden auch diesmal aufgerufen, zugleich aber in einer Logik der Überstürzung hysterisiert. Eine eingängige Bassline mag den Hörer in Sicherheit wiegen, doch spätestens wenn Maus’ Bariton uns auf die Pelle rückt, gefriert das ironische Hipsterschmunzeln, und die Retro-Erkennungszeichen verlieren ihre behagliche Identität. „Listen, the People are missing!“, adressiert uns Maus in einem der vielen frostigen Momente auf Screen Memories.

Die Popgeschichte als Plateau für tausend Exzesse.

In seinem Buch über Maus bezeichnete der Wire-Autor Adam Harper dessen Lo-Fi-Pop als Ausdruck einer perfect imperfection, die zur Essenz von Pop vordringe, indem sie gängige Standards unterbiete. Tatsächlich erstaunt auf Screen Memories einmal mehr, wie Maus zwischen erhabenem Ernst und infamer Schäbigkeit hin- und herhastet. Barocke Kirchenmusik und obsoleter 80s-Trash sind für Maus gleichberechtigte Verkündungsformen jener Wahrheit in der Musik, um die es ihm nach eigenen Worten geht. Immer wieder dräut es zwischen den Zeilen schicksalhaft. Im Opener „The Combine“ lassen kathedralische Fanfaren und ein verwackelter Beat ahnen, dass stranger things auf uns zukommen. „Teenage Witch“ hingegen ist ein Maus-typisches Mantra, wie man es etwa von dem Hit „Right For Gays“ kennt. Gerade ob seiner karikaturesken Schlichtheit gibt es Rätsel auf.

Maus’ Arbeitsweise ist verpeilt und gewissenhaft zugleich. Er treibt die Idiome des Pop an ihre Grenzen, hat trotz aller Waghalsigkeit aber immer irgendwie alles unter Kontrolle. Seine „mystische Ironie“ (Harper) klingt auf Screen Memories noch affektierter und spirituell-abgedrehter, wozu Reverb, nervige Hochfrequenzen und erratisch gesetzte Kontrapunkte beitragen. Doch immer wenn diese Passionsspiele allzu verwegen werden, kommt ein catchy Popmoment. Auf Screen Memories ist das zum Beispiel der Song „Find Out“: eine sanfte Punkrock-Nummer mit monochromer Wire-Gitarre. Selbst hier noch bedrängt uns Maus mit seiner liebenswürdigen Übergriffigkeit: „Find out, you dirty fucker! / They say everything is fine now / They’re wrong“. In einer Zeit, in der jeder ungestört bleiben will, kommt dieser Angriff auf die Komfortzone gerade richtig.

Diese Review ist wie viele andere Plattenbesprechungen in der Printausgabe SPEX No. 377 zu lesen. Das Heft ist versandkostenfrei hier bestellbar.

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