John Dear Mowing Club

Melle de Boer ist am besten, wenn er mit sympathischer Zerknautscht-, ja bisweilen auch Getreten-und-in-die-nasskalte-Nacht-Gejagtheit schwerenöterische Verliererlieder über die Liebe singt. Dann jault und weint er herzzerreißend daher, ohne doch in die fragwürdige Nähe eines Tom-Waits-Karaoke-Wettbewerbes zu geraten. Garniert werden die Balladen von gut abgehangenen, aber etwas verschnarchten und an Radneuerfindung komplett desinteressierten Rock’n’Roll-Stücken. Deren Gesangsvortrag hält perfekt die Mitte zwischen Wastedness und Lässigkeit und wird mitunter mit dylanisierender Mundharmonika verziert.

    Wenn die holländische Band auf ihrem zweiten Album ein Alleinstellungsmerkmal besitzt, dann liegt dieses im jeden Gesanglehrer in den Wahnsinn treibenden angekauzten Nichtgesang des für seine – bandnamenstiftende – Rasenmäherobsession berüchtigten Malers und Dichters de Boer. Dieses Greinen, dass an fast keiner Stelle stört, weil es nie gewollt weird daherkommt, erinnert mitunter an den nasalen Tenorgesang Neil Youngs. Überhaupt setzen John Dear Mowing Club hörbar auf amerikanische Wahlverwandte. Die haben mal Präriestaub auf den Stiefeln und klingen ein andermal nach New Yorker Noise-Boheme: So erinnert »Bare Hands« mit seinem stoischen perkussiven Klopfen und dem gezähmten Krach des Gitarrenfeedbacks an The Velvet Underground. Dabei ignoriert der Mann, der mit seiner Band regelmäßig die Konzerte des befreundeten manisch-depressiven amerikanischen Songwriters Daniel Johnston begleitet, souverän die letzten drei Jahrzehnte Musikgeschichte.

    Atmosphärische Loserballaden wie »Broken TV«, »Right Here« und »Reading A Book« bilden die Glanzpunkte des Albums. Es sind poetisch dichte, berührende Songs für letzte Zigaretten, letzte Schnäpse und letzte Küsse. Gern werden sie mit verstimmtem Zweifingerklavier, Flohmarktglockenspiel und in desperatem Vibrato dahinschwummernden Gitarren instrumentiert. Wie bei großen Romantikern üblich, eilt das im Ich sprechende lyrische Figurenpersonal de Boers mit Riesenschritten zumindest auf ein handfestes Alkoholproblem, wenn nicht gleich abruptere Untergänge zu.

    Wie gesagt: Originalitätsanstecknadeln gibt es hier nicht zu verteilen, aber das Sich-Verlieben wird ja auch nicht dadurch unaufregend, dass es einem schon einmal passiert ist.

LABEL: Hazelwood Vinyl Plastics

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 26.09.2008

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