Joe Barbieri

So weit ist es schon gekommen: Man verbindet mit Musik aus Italien einen geschmacklos gebundenen Strauß an ästhetischen Scheußlichkeiten, von Eros Ramazzotti, Nino de Angelo und Zucchero bis hin zu Andrea Bocelli.
    Dabei weiß man ja eigentlich nur zu genau, dass es neben etablierten Künstlern wie Adriano Celentano und Paolo Conte an aufregenden italienischen Musikern wie dem melancholischen mailändischen Cantautore Roberto Sironi keineswegs mangelt. Bisher aber müssen meist noch immer die verschlungenen Pfade des Direktimportes oder des Italienurlauber-um-Mitbringsel-Bittens beschritten werden, will man den Zugang zu ihnen finden. Da ist es unterstützenswert, dass das Label Le Pop Musik, das sich bereits um die Popularisierung der Protagonisten und interessanten Nebendarsteller der sogenannten Nouvelle Scène Française in Deutschland verdient gemacht hat, nun auch das hervorragende vierte Album des 33-jährigen Neapolitaners Joe Barbieri hierzulande veröffentlicht. »In Parole Povere« besticht zunächst durch das Raffinement seiner edlen, doch nie überteuert oder geschmäcklerisch klingenden Arrangements: Kontrabass, dezent eingesetzte Streicher, Klavier, Flöten, Trompeten, Akkordeon und Schlagzeugbesen bilden den kammermusikalischen Hintergrund, vor dem sich Barbieris leichter, versunkener, introvertierter, doch in jeder Silbe Weltbejahung und Lebensliebe atmender Gesang erhebt. Neben Liedermachern wie Luigi Tenco und Gino Paoli, die seit den 60er Jahren das italienische Lied von Italo-Schlager und Rock’n’Roll-Imitation befreiten, müssen auch Frühsechziger-Cooljazz, der argentinische Tango und brasilianischer Bossa Nova zu wichtigen Punkten im musikalischen Koordinatensystem des Italieners Barbieri gezählt werden. Die Wertschätzung gegenüber dem sanftstimmigen Liedermacher Caetano Veloso, der die brasilianische Pop-Musik revolutionierte, indem er Samba und Bossa Nova mit artfremden Elementen auffrischte und hybridisierte, hört man dem nuanciert produzierten Werk Barbieris an. Anders als beim frankophilen Roberto Sironi gibt es bei Barbieri durchaus eine Leiser-Dreh-Option: Wie bei Brian Enos Ambient-Music kann sich der Hörer entscheiden, ob er die Musik als Stimmungshintergrund vor anregenden Gesprächen funktionalisiert oder sich auf Barbieris Canzones konzentriert. In beiden Fällen wird er belohnt. Das liegt namentlich daran, dass die Stücke noch in ihrer Schwere leicht sind: Melancholie ja, aber mit einem sanften Lächeln. Dass Barbieris Album, wüsste man nicht von seiner Veröffentlichung im Jahre 2007 – respektive in Italien 2004 –, auch durchaus als Werk aus dem Jahr 1957 hätte durchgehen können, muss nicht zwingend zum wohlfeilen Retroismusvorwurf führen, sondern kann auch als Zeitlosigkeit interpretiert werden.
    Es bleibt nur zu wünschen, dass in Zukunft weitere solcher Qualitätsveröffentlichungen aus Italien, vor allem auch aus Neapel als dem heimlichen Epizentrum einer radioschnulzenfernen Musik, nach Deutschland dringen.

LABEL: Le Pop Musik

VERTRIEB: Groove Attack

VÖ: 20.07.2007

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