Joanne Robertson Black Moon Days

Von beinah gewalttätiger Klarheit: Joanne Robertsons Solo-Zweitling Black Moon Days.

Die Straßen einer anonymen Stadt. Die Auslage eines 24/7-Shops flimmert im Widerschein der Pisspfützen. Und im gottverlassenen Zimmer eines council houses sitzt Joanne Robertson und blutet. Beobachtet neugierig, wie die dicke, rote Flüssigkeit auf ihr Bein tropft, ehe sie ihre Stimme erhebt und anfängt zu singen. Von Verlust, von Vergänglichkeit, von Fehlern und Einsamkeit. So stelle ich sie mir vor, die Aufnahmen zu Black Moon Days.

2008 erschien Robertsons Debüt The Lighter, seitdem beschäftigte sie sich immer wieder mal als Malerin, Kuratorin oder Produzentin. Wenn überhaupt, kennt man sie aber wohl durch ihre Kollaborationen mit Dean Blunt, auf dessen letzten drei Alben war sie als verzerrte Leihstimme zu hören, und auch im Hype-Williams-Kontext tauchte sie immer wieder auf. Wirklich wertzuschätzen lernt man ihr Wesen aber erst, wenn es nackt vor einem steht. Das zweite Album der Londonerin ist nämlich von fast gewalttätiger Klarheit gekennzeichnet und, abgesehen von zwei Ausnahmen, reduziert auf Akustikgitarre und Gesang. Eindringlich und beklemmend, unromantisch und doch empfindlich – Robertson hat die perfekte Stimme, um Sylvia-Plath-Gedichte zu vertonen. Oder den Soundtrack zu Ingeborg Bachmanns Roman Malina zu singen. In ihr steckt viel Sibylle Baier, etwas Nina Nastasia, ein wenig Mazzy Star. Aber diese Vergleiche fangen sie nicht so recht ein. Robertson besetzt ihren eigenen melancholischen Kosmos, fernab vom ausgefransten Stempel Folk. Zu durchscheinend ist die zugrunde liegende Abstraktion, zu wenig in einer bestimmten Tradition verhaftet, zu elliptisch und verätzt sind ihre lyrischen Skizzen.

Auf einem der Höhepunkte des Albums legt Dean Blunt auch Hand an: »Hi Watt« ist ein Shoegaze-artiger Trauermarsch, den man besser nur nachts hört, der sich erst kapriziös windet, um dann doch in Hoffnung zu schimmern – man denke an die My Bloody Valentine der Isn’t-Anything-Ära. Und schließlich implodiert das fiktive Zimmer, in dem Robertson sitzt, im Noise-Chaos von »Bricklin«. Es wirkt fast so, als würde jemand am Ende versuchen, zu zerstören, was in den 40 Minuten zuvor offenbart wurde. Vergebene Mühe. Zu gut ist diese Platte.

Joanne Robertson live
26.04. Berlin – Acud Macht Neu

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