Joanna Newsom – Wir wissen nichts

Fotos: Astrid Salomon

Auf dem neuen Album von Joanna Newsom geht es um Raum, Zeit und Krieg, die Bestechlichkeit von Worten, Ideen und Erinnerungen sowie Vögel, die nach oben fallen – um nicht weniger als die Weltformel also. Einsam zieht die Komponistin, Sängerin, Harfenistin, Pianistin und (jetzt neu) Fachfrau für 13 verschiedene Synthesizer ihre Kreise, ein echtes Original, das bisher alle Eingemeindungsversuche des Popbetriebs zurückschlagen konnte. Als nächstes sind die Naturgesetze dran.

Die Aufdröselung der Weltformel geschieht in 3081,5 Worten. Die Künstlerin verteilt sie auf die Ozymandias-Gedichte von Percy Bysshe Shelley und Horace Smith, das Van-Gogh-Gemälde »Wiese«, unter dem erst nach 200 Jahren ein übermaltes Frauenporträt entdeckt wurde, auf einige Siedlungen amerikanischer Ureinwohner vom Stamm der Lenni Lenape, die dort unter der Erde liegen, wo sich heute das Greenwich Village befindet, und auf John Purroy Mitchel, den »boy mayor of New York«, der im Alter von 38 Jahren abgewählt wurde, zur Air Force ging und vom Himmel fiel. Um jetzt mal nur Beispiele aus einem Song zu nennen, dem zweiten auf Divers, dem vierten Album von Joanna Newsom, der Harfenistin aus Nevada City, Kalifornien.

Der Song heißt »Sapokanikan«, er wurde vorab veröffentlicht und ist zugleich das Herzstück von Divers. Hier laufen die meisten der Gedanken zusammen, die sich Newsom in den letzten vier Jahren gemacht hat, Gedanken über Vermächtnisse, die dort entstehen, wo früher andere standen, über Geschichte, die ältere Geschichte überschreibt, und die einzig logische Schlussfolgerung, dass wir gar nichts wissen und gar nichts schaffen können, zumindest nichts, was von Dauer ist. Es liegt auf der Hand, dass Newsom diesen Umstand als Herausforderung betrachtet hat. Ihre Überlegungen auf Divers suchen nach Lücken im System, nach einer Art von Weltformel, mit der man Raum, Zeit und Vergänglichkeit vielleicht ein Schnippchen schlagen kann. Es ist auch keine Übertreibung, dass sie dabei ganz schön am Rad gedreht hat.

Während der Aufnahmen von Divers befehligte Newsom drei Dutzend Produzenten, Toningenieure, Arrangeure, Mixer und Mitmusiker sowie obendrein das Sinfonieorchester von Prag. Sie selbst spielt 16 Instrumente und singt in einer hochgestochenen, aber auch gestochen scharfen Sprache, die es mit Wortschatz, Erfindungsreichtum und Rhythmusgefühl vieler gestörter Starliteraten aufnehmen kann. An einem der elf Songs auf Divers schrieb Newsom angeblich ein ganzes Jahr. Nun endet der Riemen nach 52 Minuten, schön postpostmodern, in der Mitte des letzten Wortes.

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Es ist schwer zu sagen, wie wir hier gelandet sind, aber fest steht immerhin, wo es losging. Joanna Newsom ist vor 33 Jahren in Nevada City geboren, einem ehemaligen Goldgräberdorf in den Bergen hinter Sacramento, wo heute gut 3000 Menschen leben, teilweise in hippiekommunenähnlichen Zuständen. Ihr Vater ist Arzt, ihre Mutter ist Ärztin. Sie hat eine jüngere Schwester, die als Astrophysikerin arbeitet und vor neun Jahren in Newsoms Song »Emily« verewigt wurde, außerdem einen älteren Bruder, der auf zwei Divers-Stücken Gitarre und Schlagzeug spielt. Newsom sprach, las und dichtete früh. Im Haus ihrer Eltern ging man streng und respektvoll mit Sprache um, es gab vermutlich ein paar wirklich hitzige Scrabble-Abende. »Wann immer ich auf ein neues Wort stieß«, erinnert sich Newsom, »hielten meine Eltern mich dazu an, seine Bedeutung nachzuschlagen. Und wenn ich heute mit meiner Mutter essen gehe, verbessert sie immer noch jeden Grammatikfehler, den ich mache.«

Als Vierjährige begann Newsom zu quengeln: Sie wollte unbedingt Harfenunterricht nehmen. Nur wenig später ackerte sie sich mit mitwachsenden Leihinstrumenten an keltischer und klassischer Technik ab. Im frühen Teenageralter stieg sie zu westafrikanischer und venezolanischer Polyrhythmik auf, schließlich erspielte sie sich einen Studienplatz in Komposition und Creative Writing am Mills College in Oakland. Klappte aber nicht: Newsom verzweifelte an den melodiefeindlichen Vorlieben der Lehrenden und Studierenden, außerdem hatte sie Heimweh und nicht das Gefühl, mit ihren eigenen Liedern Hilfe zu brauchen.

The Milk-Eyed Mender ist strenggenommen eine Unverschämtheit. Das Debütalbum von Joanna Newsom, 2004 auf Drag City veröffentlicht, besteht bis auf zwei Ausnahmen aus Harfenliedern, über die Newsom ihre Stimme in alle Richtungen gleichzeitig entwischen lässt. Dem Instrument, das damals zu den uncoolsten der Welt gehörte, trotzte sie mit Pausen, Verzögerungen und aufgelösten Akkorden eine erstaunliche Knackigkeit ab. Die New York Times verglich ihre Fähigkeiten originell mit Eddie Van Halen. Dazu textete Newsom wie eine Battle-Rapperin in Willy Wonkas Schokoladenfabrik: vieldeutig, surreal, albern, angeberisch, aus dem Nichts auf den Punkt. So etwas hatte es nie zuvor gegeben.

»Mein erstes Album ist in einem Semivakuum entstanden«, sagt Newsom heute. »Von der damaligen Popkultur bekam ich wenig mit, und eigentlich hörte ich auch sonst nicht viel Musik.« Gleichzeitig wiegelt sie ab: »Was ich tue, ist dennoch Teil eines Kontinuums. Ich spiele ein Instrument, das schon andere vor mir gespielt haben, und ich gehöre zu einer ganz bestimmten Schule mit einer ganz bestimmten Herangehensweise.« Newsom meint damit die Schule von Marcel Grandjany, einem französischstämmigen Komponisten und Musiklehrer, der in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts zur Anerkennung der Harfe als Soloinstrument beitrug. Im schwanzwedeligen Feld der Konservatorien tat sich der Mann mit den spachtelförmigen Fingern als Gegner des virtuosen Selbstzwecks hervor. Wer heute nach Grandjanys Regeln lehrt, bildet Musiker aus, keine Harfentiere.

Newsom ist beides, ließ die Herrschaft über ihr Instrument auf späteren Alben aber nicht mehr ganz so aggressiv raushängen. 2006 und 2010 veröffentlichte sie Ys, das Album mit den langen Songs, und Have One On Me, das Album mit den vielen Songs. Orchestrale Arrangements, osteuropäische Folkmusik und Westcoast-Pop erweiterten die Palette, Newsom spielte schwungvoll-angetrunken Klavier. Ihre Texte holten noch ambitionierter aus, wurden allegorischer und ernsthafter, stellten Bezüge her zwischen Astronomie, historisch verbrieften Berichten, Landschaftsmalerei und persönlichen Befindlichkeiten. Hinzu kam vor allem auf Ys eine ans Absurde grenzende Formverliebtheit. Jedes Versmaß und jeder Binnenreim saßen, jedes Wort schien sorgfältig ausgewählt. Nur wenn es gar nicht mehr anders ging, ließ sich Newsom auch mal zu einer Neuschöpfung hinreißen.

»Ich habe ein beinahe religiöses Vertrauen in Worte«, sagt Newsom. »Wenn man richtig mit ihnen umgeht, vergrößert sich ihre Macht exponentiell. Und ich glaube daran, dass es immer das eine richtige Wort gibt.« Es zu finden, dauert manchmal lange, ist aber ein weniger akademischer Vorgang, als man meinen könnte. Newsom recherchiert nicht viel, wenn ein Songtext entsteht, sie verwendet keine Nachschlagewerke. Was sie beschreibt, klingt esoterischer, wie eine Art aufnahmeempfängliches Nichtstun. »Es ist ein spiritueller Vorgang, und es hat auch mit Aberglaube zu tun, aber ich weiß: Das richtige Wort wird kommen. Es wird die richtige Anzahl von Silben haben, das richtige Silbengewicht, die richtige Betonung und den richtigen Klang. Es wird sich dort reimen, wo es sich reimen muss, und es wird die richtige Bedeutung so präzise wie möglich zum Ausdruck bringen.«

Nach den Have-One-On-Me-Konzerten, die im September 2011 abgeschlossen wurden, verliefen sich die musikalischen Spuren fürs Erste. Gleichzeitig erfuhr man mehr über Newsom als je zuvor: Sie tauchte (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge) in High-fashion-Bilderstrecken von Armani, auf roten Teppichen und beim Eishockey auf. Im Guardian teilte sie ungewöhnlich unzurückhaltend gegen Lady Gaga und Madonna aus, in Paul Thomas Andersons Inherent Vice gab sie ihr Spielfilmdebüt. Außerdem verlobte sich Newsom mit dem Komödienschauspieler und Spaßmusiker Andy Samberg, heiratete ihn und kaufte mit ihm ein kompaktes Jugendstil-Revival-Schlösschen in den Hollywood Hills, zu dessen früheren Besitzern Charlie Chaplin gehörte. Es gab also ein paar interessante Knicke im Bild der strebsamen Großkünstlerin.

Aber zurück zur Weltformel. An einem Samstag im September 2015 ist Joanna Newsom nach Berlin gekommen, um über jene Ereignisse der letzten vier Jahre zu sprechen, die nicht im vorangegangenen Absatz stehen. Ihr Dresscode ist eine Art Hippieinterpretation von business casual: Blumenbluse, Faltenrock, Herzchenkette. An der geraden, ruhigen Körperhaltung erkennt man das Leben mit der Harfe, am linken Ringfinger funkeln Ehe- und Verlobungsring. Nicht obszön groß, aber bestimmt auch nicht zu klein. Newsom redet nicht wie gedruckt, sondern ganz normal. Einmal sagt sie »fuck« und betont dann, dass Schimpfwörter auch in ihren Texten vorkommen könnten. »Nur sind sie meistens eine Abkürzung, um etwas zu sagen, ohne dass man es wirklich formulieren muss. Schimpfworte sind Alarmschläger: Sie signalisieren ein Gefühl, aber sie drücken es nicht aus.«

Halten wir fest: »Fuck« ist nicht sehr exakt, »exakt« ist aber immer noch Newsoms bevorzugte Arbeitsweise. Es gab keine nennenswerte Pause nach Have One On Me. Es hat einfach vier Jahre gedauert, bis ihr viertes Album Divers fertig war, und es dauert noch mal sechs Minuten, bis man weiß, warum das so ist. Harfe, Piano, Streicher und Bläser entfalten sich zunächst in einem typischen Newsom-Arrangement, das die zweitrangigen Instrumente wie Tupfer benutzt, nur für Sekunden zum Einsatz bringt und dann gleich wieder zurückzieht. Mit den Minuten wird der Sound voller, durch das Brummen von Minimoog und Juno-Synthie kommt ein Siebzigerjahre-Prog-Twist dazu. Zwischendurch ein jazziges Klaviersolo, Kopfstimme bis zum Anschlag, am Ende leichtes Rauschen auf der Gesangsspur. »Anecdotes« ist der Opener von Divers und noch nicht mal das Stück, an dem Newsom ein Jahr lang geschrieben haben will.

Später greift das Album nichts davon explizit auf, hält sich aber an den Ton, den der erste Song vorgibt. Das gilt natürlich auch formell: Es gibt harmonische Verbindungen zwischen den Enden der Stücke und dem Anfang des jeweils darauffolgenden, Newsom erklärt das wort- und gestenreich, wir wollen es mal nicht so genaunehmen. Die Verbindungen jedenfalls lösen sich in ganz unterschiedliche Genrerichtungen auf: als Seefahrershanty, als Klavierblues, als Musiktheater, als Art-Pop-Song, als vermutlich tanzbarer Irish-Folk. Acht der elf Stücke arrangierte Newsom mit verschiedenen Kollaborateuren, jeder von ihnen durfte nur einmal ran. »Das Songwriting«, sagt sie, »war so ein selbstbezogener, strenger Prozess, dass ich durch diese Herangehensweise eine Art Improvisationsgeist ins Studio holen wollte. Gleichzeitig hatte ich mehr Kontrolle als je zuvor. Ich blieb die Einzige, die alles von oben überblicken konnte. Es war ein bisschen wie Gott spielen.«

Newsoms erwähnter Überblick erstreckt sich auch auf die Sprache von Divers, ein abermals formverliebtes, aggressiv-poetisches Großbauprojekt aus Binnen-, End- und Schweifreimen, altmodischen Satzstellungen und Adjektiven sowie sorgfältig abgezählten Silben. Es grenzt mitunter an Selbstparodie. Allein im Song »Leaving The City« gibt es drei übereinandergelegte Reimschemata, wie Newsom einmal vorrechnet, vielleicht sogar vier, und eigentlich sind sie gar keine Reimschemata, eher semantische Muster. Jedenfalls: Die Enden der Zeilen reimen sich, und in den Zeilen reimt sich auch etwas, und es gilt, sowohl Polymetrik als auch Polyrhythmik der Zeilen zu beachten. »Aber nur im Refrain«, sagt Newsom. »Ich habe irgendwann eine Tafel aufgestellt, das alles notiert und mir kleine Symbole ausgedacht, um nicht in der Form verloren zu gehen.«

Weil Newsom weiß, wie das klingt, erzählt sie es im selbstironischen Plauderton: Eigentlich sei sie ein ziemlich planloser Mensch, ständig verliere und vergesse sie Dinge, immerzu verlaufe sie sich. »Ordnung liegt mir nur, wenn es um Musik geht«, sagt sie. Tatsächlich können Vokabular und Formtreue ihrer Texte abschreckend wirken. Man sucht nach einem Bruch in so viel Ernsthaftigkeit und Kunstfertigkeit und findet ihn nicht, höchstens mal einen insider, den man auch wieder nachschlagen muss. Newsom kennt diese Vorwürfe, versichert aber, dass das Spiel mit den Worten, ihrem Klang, ihrer Anordnung und ihren Bedeutungsebenen einer größeren Sache dient. »Formalität ist etwas Geheimnisvolles, Verlockendes«, sagt sie. »Erst mit der Form wird die Welt eines Songs lebendig. Auf mich wirkt sie einfach echter und stärker, wenn auch die vermeintlich kleinen Dinge stimmen.«

Der Witz ist nun, dass Newsom ihr quasireligiöses Vertrauen in Worte auf einem Album demonstriert, das immer wieder bei der Unzuverlässigkeit von Sprache landet. Verweise auf neben- und übereinander konkurrierende Kunstwerke, geschichtliche Fußnoten und scheinbar willkürliche Anekdoten ziehen sich durch beinahe alle Songs auf Divers, mal poetisch verklausuliert, mal als klar benannte Referenz oder musikalische Anspielung. Die Verbindungen ergeben sich erst in Newsoms Vorstellungskraft. Sie sagt: »Die historischen Momente, die ich auf dem Album erwähne, gehören zusammen, weil sie bestimmte Gefühle in mir geweckt haben. Trauer, Liebe, Zärtlichkeit. Sie führten mir vor Augen, wie Geschichte verzerrt und überarbeitet wird, bis hin zu ihrer Geheimhaltung oder Auslöschung. Einfach weil die Zeit vergeht.«

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Nun müsste die Sprache eigentlich dagegenhalten. Sie ist das Werkzeug, mit dem sich Geschichte in Stein meißeln lässt. An dieser Stelle wird es aber politisch: Schon die Frage, was in Stein gemeißelt werden soll und was man vergessen kann, ist schwierig – und noch brisanter ist die nächste Frage, wie genau das In-Stein-Meißeln aussehen könnte. Immer wieder taucht dieses Thema auf Divers auf, mit zunehmender Dringlichkeit, die Zeit läuft schließlich. Zu einer rundum zufriedenstellenden Antwort ist Newsom nicht gekommen. »Selbst wenn man etwas in Echtzeit dokumentiert und so genau wie möglich vorgeht, wird es doch sofort verfälscht und idealisiert. Wir können noch so viel Wissen und Geschichte anhäufen: Am Ende geht es immer um Perspektiven und politische Programme, um Egos und die Fantasie der Archivare.«

Newsom begegnet diesem Dilemma trotzig, mit der ganzen Gewalt ihrer Musik und Sprache. Das kann man wörtlich nehmen: Divers erschlägt einen nicht nur, es wird auch viel erschlagen darauf. Das bereits erwähnte »Anecdotes« und das vergnügte »Waltz Of The 101st Lightborne« sind explizite Kriegslieder, an anderer Stelle geht es um »vergangene, fiktive und zukünftige Science-Fiction-Kriege, die natürlich auch unsere heutigen Kriege kommentieren«, wie Newsom sagt. »Das Konzept ist ja immer das gleiche.« Die Songs greifen das nie offen-konfrontativ auf, sie sind immer zuerst hübsch und hübsch zurechtgemacht. Kleinere Sticheleien gibt es aber, allein durch die Instrumentierung, die zugleich elektrischer und elektronischer ist als je zuvor. »Rückblickend musste Divers eine gewalttätige Platte werden«, sagt Newsom. »Da hatte ich gar keine andere Wahl. Mir gefiel der Gedanke, den schönen Melodien immer wieder kurze Momente gegenüberzustellen, die erschreckend, brutal oder wütend sind. Die historischen Momente, über die ich singe, wurden genauso unter den Teppich gekehrt, mit einem Wisch der Zeit oder des Lebens.«

Fassen wir also zusammen: Joanna Newsom ist mit ziemlicher Sicherheit die beste Künstlerin der Welt. Zumindest in den Kreisen der Popkultur, denen sich SPEX verpflichtet fühlt, gibt es niemanden, der größer denkt, ambitionierter schreibt, besser spielt und singt. Das allein bedeutet natürlich überhaupt nichts. Newsoms Leistung liegt darin, dort weiter zu bohren, wo sogar sie mit ihren beträchtlichen Fähigkeiten an Grenzen stößt, selbst an so schwer fassbare wie die von Raum, Zeit und Sprache. Das Tollste an ihr ist vielleicht die Neugierde, ein Wissensdurst, der nicht streberhaft erscheint, sondern unbekümmert, beinahe kindlich. Divers ist das Album des Jahres von Stephen Hawking, und wenn man hört, wie es sich unter der selbst gewählten Last herauswindet, dann glaubt man wirklich, dass Newsom da etwas gefunden hat, ihre eigene Weltformel eben, eine, die man nur intuitiv verstehen kann. Ist das nicht geil?

Es wird natürlich auch diesmal Menschen geben, die das für prätentiösen, verkünstelten Klumpatsch halten. Fair enough. Die Harfe bleibt immer ein Instrument, das man ertragen können muss, und Newsom singt über Soldaten und Offiziere, denen sie Vogelnamen gibt wie Winternachtschwalbe und Rostnachtschwalbe. Divers ist ein ornithologisches Freudenfest, und darauf kommt halt auch nicht jeder klar. »Ich kann mich damit nicht beschäftigen«, sagt Newsom. »Wenn ich einen Song schreibe, muss ich mir vorstellen, dass ihn niemals jemand hören wird. Sonst geht die Maschine kaputt. Und die Vögel sind superwichtig. Sie schlagen mit ihren Flügeln ins Nichts, und dann fallen sie nach oben, nicht nach unten. Damit überwinden sie das, was wir bodenhaftenden Menschen für die Gesetze der Natur halten. Es ist doch gut zu wissen, dass so etwas möglich ist.«

Dieser Text ist in der Printausgabe SPEX N° 364 erschienen. Das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden.

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