Jo Passed – „Sorry, hier wird gerade gebaut“ / Feature & Albumvorabstream

Alternative Rockmusik mit klangmalerischem Potenzial: Das erste Album der kanadischen Band Jo Passed liefert ein Zeitbild ihrer Heimatstadt Vancouver. SPEX sprach mit der Band über weite Räume und enge Slums und streamt Their Prime in voller Länge vor dem offiziellen Releasetermin.

Joseph Hirabayashi schiebt sein Fahrrad gerade von Mount Pleasant nach Downtown Vancouver, als ihn der Skype-Anruf erreicht. Im Hintergrund immer wieder das piepsen zurücksetzender Lastwagen, Baustellenlärm. Hirabayashi erklärt das alles gut gelaunt: „Sorry, hier wird gerade gebaut. Einen Moment…“, ein Presslufthammer, „oh, a construction guy“. Er läuft seinem Terminplan ein wenig hinterher, Tour-Posts bei Facebook und Instagram wollen vorbereitet werden. „Fast zum verzweifeln“, sagt er und lacht.

Aber es gibt ja auch Grund zum Feiern. Ein Debütalbum bei Sub Pop zum Beispiel. Für eine Band aus Vancouver ist das fast exotisch, obwohl zwischen Seattle und Vancouver nur zwei Stunden Autofahrt liegen. Natürlich ist da auch eine unsichtbare Linie, an der „Typen mit Knarren“ stehen, sagt der 31-jährige Sänger und Gitarrist von Jo Passed. 2017 aber spielte die Band ein paar Konzerte in Seattle – das hat jemanden bei Sub Pop aufhorchen lassen.

Wenn sie es halbwegs ernst meinen, ist es für Bands aus Kanada wichtig, früh in den USA zu touren. Allerdings dauert es eine Weile, bis man sich durch die Bürokratie gewühlt, Konzerte gebucht, und Visa geklärt hat. „Außerdem wissen viele Leute nicht, was in Vancouver musikalisch passiert“, sagt Hirabayashi. „Die Stadt ist relativ isoliert.“

Die Natur um die Stadt im Südwesten Kanadas ist weit, der Wohnraum begrenzt, die Schere zwischen Arm und Reich ist weit geöffnet und dann gibt es diesen Freiluftslum im Osten Downtowns. Redet man mit Musikern aus Vancouver über ihre Stadt, kommt East Hastings immer wieder zur Sprache. „Slumlords“ nennt man dort Familien, die baufällige Wohnhäuser besitzen, deren Verfall abwarten und auf Gewinne durch hohe Grundstückspreise spekulieren.

„viele Leute wissen nicht, was in Vancouver musikalisch passiert. Die Stadt ist relativ isoliert.“

Ein Hochhaus voller Eigentumswohnungen ziert das Cover von des Jo-Passed-Debütalbums Their Prime sinnbildlich für Downtown Vancouver, wo Investorenarchitektur aus Glas und Beton das Bild dominiert. „Auf dem Album geht es auch darum, was es bedeutet, in einer Stadt zu leben, die einen hin- und herschubst, die bestimmte Zonen immer wieder neu ausschreibt und reguliert“, beschreibt Hirabayashi eine Idee hinter Their Prime. Baustellenlärm gehört dazu und den haben Jo Passed auf dem Album streckenweise vertont. Die Gitarren klingen knorrig, hier und da meint man, als werde schweres Baugerät bewegt. Hirabayashis Stimme kommt manchmal gläsern und die saubere DIY-Produktion aus seinen Händen drückt sich gegen die glatte Oberfläche der Wohnwolkenkratzer.

Hirabayashi ist gelernter Musiker, er hat Piano studiert und sieht, genauso wie Bandkollegin Bella Bébé, die Gitarre als „gutes Zweitinstrument, um was rauszulassen“, wie er sagt. Mit Schlagzeuger Mac Lawrie und Bassistin Megan-Magdalena Bourne produzieren Jo Passed zugänglichen Lärm, der an Sub Pop irgendwo zwischen 1993 und 1996 erinnert, an Sonic Youth der Dirty– und Goo-Ära, ein bisschen Swans hier und da. Der Vergleich aber, bei dem die „meisten Leute ein komisches Gesicht machen“, wie Hirabayashi sagt, kommt über die Beatles. Damit sind aber eher die Momente der Übergänge gemeint, wenn sich minimalistische Quasi-Lo-Fi-Momente mit Gitarre und Stimme in weite Räume ausdehnen.

Jo Passed bieten ungefähr drei konkrete Lesarten für Their Prime an: den konkreten Vancouver-Bezug, die Angst, als Musiker mit 30 den kreativen Zenit überschnitten zu haben, und, pretty telling, den „Millenial Trash Blues“. Am Spannendsten ist, wie Jo Passed das Lebensgefühl ihrer Stadt auf dieses Album bringen. Die Platte hat eine lautmalerische Qualität und ist in dieser Form zumindest momentan relativ einzigartig. Der kanadische Klangforscher und Komponist R. Murray Schaefer habe in Vancouver das Prinzip der Soundwalks entwickelt, sagt Hirabayashi, Spaziergänge also, bei denen man sich ganz auf die Klänge der Umgebung konzentriert. Der Baulärm im Hintergrund erzählt viel über die Gegenwart und die nahe Zukunft der Vancouvers: 3000 neue Arbeitsplätze will das Seattler Unternehmen Amazon in den nächsten Jahren hier schaffen. Die Glas- und Betonfassaden für das neue Bürogebäude sind bestimmt schon gerendert.

Their Prime erscheint am 25. Mai. SPEX streamt das komplette Debütalbum von Jo Passed bereits jetzt in voller Länge.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .