Jóhann Jóhannsson

Als Autodidakt erlernt Jóhann Jóhansson bereits im jungen Alter das Handwerk der Komposition. Die flüchtigen Trends der Popmusik faszinieren ihn dabei ebenso sehr wie die traditionsreiche Eleganz der klassischen Musik – ein Gegensatz, der eine prominente Rolle in seinen elegischen Kompositionen einnimmt. Denn die Zusammenführung unterschiedlicher Elemente bildet den ästhetischen Kernpunkt seiner kompositorischen Arbeit. Eine solche Kreuzung verschiedener Materialien manifestiert sich beispielsweise in der Verwendung elektronisch generierter Klänge, die seine zarten Arrangements mit einem schimmernden Glanz verstärken, oder sie durch feine rhythmische Strukturen bestimmen. Trotz der Materialvielfalt und Experimentierfreude bleibt die Musik stets nachvollziehbar – Einfachheit und Klarheit dominieren die Partituren des Isländers.

    In Jóhannssons eindringlichem Sound erkennt man den Einfluss namhafter Komponisten, wie zum Beispiel Zbigniew Preisner oder Arvo Pärt. Letzterer scheint eine starke Wirkung auf ihn auszuüben, die sich diesmal in der Beschäftigung mit der ›Alten Musik‹ offenbart, besonders der mittelalterlichen Mehrstimmigkeit – auf seinem neuesten Werk »Fordlândia« befinden sich drei kurze Klarinettenstücke, »melodia (i)«, »… (ii)« und »…(iv)«, deren eng verwobene Melodieführungen an die vokale Polyphonie jener Zeit erinnern. Elegant ist auch das auf Bach rekurrierende Orgelstück »Chimaerica« oder die Komposition »Fordlândia – Aerial View«, die von der melancholischen Intimität eines zarten Streicherarrangements geprägt ist.

    Wie gewohnt unterlegt Jóhannsson auch diesmal seine musikalische Architektur mit einem narrativen Fundament. Erzählte sein vorhergehendes Album »IBM 1401, A User’s Manual« die Geschichte der ersten IBM-Computer, die 1964 nach Island importiert wurden, so bezieht sich »Fordlândia« zum einen auf Henry Fords gleichnamige Autoreifenfabrik im Amazonas und verweist gleichzeitig auf die Komposition »Finlandia« von Jean Sibelius.  Beide Titel weisen nicht nur lautmalerisch eine enge Verbindung auf – vielmehr kann »Fordlândia« als die ironische Verkehrung des bereits bei Sibelius auftretenden Utopie-Gedankens verstanden werden. »Fordlândia« ist eine Dystopie, ein Experiment, das nicht geglückt ist. Die Dokumentation dieser traurigen Geschichte übernimmt die Musik.

LABEL: 4AD / Beggars Group

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 30.10.2008

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