»Jesus ist eine Frau!« – Wahlverwandtschaften Courtney Barnett vs. Laura Marling

Fotos: Mark Pillai

Treffen sich zwei Mädchen, die Gitarre spielen … Laura Marling (24) und Courtney Barnett (27) sind allerdings weit mehr als das. Beide sind Ausnahmeerscheinungen im Dschungel der Singer-Songwriterinnen und haben den anspruchsvollen Folk in die Gegenwart getragen. Am selben Tag veröffentlichen Marling und Barnett nun ihre neuen Platten. Höchste Zeit für ein Treffen und ein Gespräch über Gleichberechtigung, Roald Dahl und Rührei.

Laura Marling und Courtney Barnett, Sie sind beide im weitesten Sinne im Folk-Rock verwurzelt, trotzdem scheinen Sie, wenn es ans Texten geht, ganz unterschiedliche Ansätze zu verfolgen. Bei Courtney Barnett gewinnt man den Eindruck, dass die Texte spontan aus Ihnen herausfließen. Bei Laura Marling klingen die Texte mehr nach harter Arbeit.
Laura Marling: Ja, ich fürchte, da ist etwas dran. Ich brauche viel Zeit zum Schreiben, aber danach verbessere und ändere ich dafür nichts mehr. Wenn ich mir deine Songs so anhöre, habe ich fast das Gefühl, dass du auch nicht viel überarbeitest, oder?
Courtney Barnett: Oh doch, das tue ich.
LM: Verdammt!
CB: Ich erwecke wohl die Illusion, dass ich so eine Art Genie sei, aus dem die Ideen nur so raussprudeln. (lacht) In Wirklichkeit investiere ich aber echt viel Zeit. In den seltensten Fällen kommt etwas Geniales einfach so vom Himmel gefallen. Aber wenn, dann denke ich immer: »Krass, das ist wirklich von mir!«
LM: Ich schreibe auf der Gitarre, nehme dann auf und höre es mir erst Monate später wieder an – so eine Art präventive Therapie.

Verwenden Sie auch die »Scrambled-Eggs-Methode«?
CB: Sie meinen, wie Paul McCartney bei »Yesterday«?
LM: Ja, er sang, bevor er den echten Text hatte, so etwas wie »Scrambled eggs / Oh my baby how I love your legs«, nicht? Ich komme tatsächlich immer mehr zu diesem Scrambled-Eggs-Ding. Außerdem lese ich Bücher und dann unterstreiche ich Worte oder Zeilen und verarbeite sie. Du?
CB: Ich schreibe ganz viele Texte und erst dann nehme ich die Gitarre und schaue wie sich Musik und Text zusammenfügen können. Aber den Büchertrick benutze ich auch!

Letztens sagte ein deutscher Poptheoretiker: »Fuck Lyrics – wenn mich die Musik nicht berührt, kann mich auch ein Text nicht überzeugen«. Ein interessanter Ansatz oder Quatsch?
LM: Oh, das finde ich schwierig, für mich sind Musik und Text eine untrennbare Einheit. Aber Menschen werden natürlich von den unterschiedlichsten Dingen berührt. Texte sind für mich persönlich essenziell. Klassische Musik hingegen kann mich trotzdem tief berühren.
CB: Yeah, der Typ hat vielleicht den Text nicht gecheckt. Aber das heißt trotzdem nicht, dass die Musik zweitrangig ist. Um aus meiner manchmal verkopften Welt herauszukommen, jamme ich ganz viel mit meiner Band. Wir betrinken uns fürchterlich und spielen rum. Man könnte denken, dass da richtig viel Spontanes bei rumkommt, aber leider höre ich mir das Zeug dann morgens an und denke, »Oh Mann, das ist schrecklich, wir sind ein Idiotenpack!«
LM: Aber gut, mal alles rauszulassen!
CB: Ja, und manchmal lohnt es sich auch. Manchmal hat man eine echt clevere Phrase – so nach sechs Stunden! (lacht)

Überraschen Sie sich selbst auch und improvisieren auf der Bühne, Dylan-Style?
LM: Meinen Sie, während man performt? Hat er das getan?
CB: Oh ja, das macht er ständig. Man erkennt ja die Songs gar nicht mehr.
LM: Das könnte ich nie!
CB: Ich auch nicht, ich hätte keinen Plan mehr. Aber wir können ja in fünfzig Jahren noch mal sprechen.
LM: Ist ja eigentlich auch legitim, das muss doch todlangweilig sein immer die gleichen Nummern zu spielen. Ich habe mich entschieden, auf der neuen Tour keine ganz alten Songs zu spielen. Was vorbei ist, ist vorbei.

Laura Marling, Sie beklagten in der Vergangenheit häufig zu verkopft zu sein. Konnten Sie sich mittlerweile davon lösen?
LM: Nein, das ist leider immer noch so, fürchte ich. Ich freue mich ja, dass ich denken kann (lacht), aber manchmal wünsche ich mir doch, es abstellen zu können. Aber hey, offensichtlich ist das die Art Mensch, die ich für immer sein werde. (verdreht die Augen)
CB: Ich tue das auch, Laura, auch wenn die Leute es vielleicht nicht von mir denken. Mein Album heißt übrigens Sometimes I Just Sit And Think, Sometimes I Just Sit – aber meistens eben doch ersteres.

Wie wichtig ist Ihnen Sarkasmus als Stilmittel, Courtney Barnett?
CB: Ich benutze Sarkasmus sehr häufig. Aber ich glaube, vieles davon ist einfach Faulheit. Faulheit oder Angst, die Dinge beim Namen zu nennen und die Eier zu haben, auszusprechen, was man wirklich denkt. Macht das Sinn? (Marling nickt ermunternd) Ich liebe Roald-Dahl-Bücher! Früher war ich richtig besessen von Dahl, und ich glaube, sein dunkler Humor hat mich stark geprägt. Aber manchmal geht mir mein Sarkasmus echt auf den Wecker. Ich benutze ihn, damit es so rüberkommt, als ob ich mich selbst nicht zu ernst nehme. Oh Mann, ich mache das echt viel. Roald Dahl ist an allem schuld! Verdammt. Schon wieder.
LM: Ich glaube, ich setze Sarkasmus praktisch gar nicht als Stilmittel ein. Mein Problem ist eher, dass ich so übertrieben ehrlich bin, dass es anderen Leuten manchmal unangenehm ist. Ich brauche mehr Sarkasmus, Courtney!(beide lachen) Übrigens liebe ich Roald Dahl auch. Er war ja total besessen von dem Gedanken der Sterblichkeit und sagte mal: »Menschen sind so lächerlich, sie leben diese kurze Zeit auf Erden und nehmen sich trotzdem so furchtbar ernst!« Ich glaube, nur mit so einer Einstellung kommt man unbeschadet durchs Leben.
CB: Yeah, wir sollten uns nur an Kinderbüchern orientieren!

Ungewöhnlich fand ich, Laura Marling, dass Sie plötzlich in Ihren Songs fluchen.
LM: Nun, ich bin ja nach Los Angeles gezogen und wurde da offenbar sprachlich beeinflusst.
CB: Welches Schimpfwort benutzt du?
LM: Ich habe die F-Bombe gezündet!
CB: Kriegst Du dann so einen Parental-Advisory-Sticker?
LM: Ja, wer hätte das gedacht!
CB: Cool! Ich fluche gar nicht auf meinem Album. Aber ich singe über Masturbation und so. Demnächst spiele ich in Singapur. Die wollten im Vorhinein meine Setlist haben, damit die Texte kontrolliert werden können. Du kannst in Singapur nicht »Fuck« sagen! Sonst wirst du verhaftet.
LM: Echt? Kannst du »Masturbation« sagen?
CB: Nein! Man kann auch nicht »Cigarettes and Alcohol« sagen. Oh Gott, ich muss noch ein anderes Wort für masturbate finden.
LM: Masticate?
CB: Ich vergesse es bestimmt und dann werde ich eingelocht! Ach nein, in Singapur wird man sogar gepeitscht!
LM: Fuck! Sag mal Courtney, schreibst du eigentlich mit deiner Band?
CB: Nein, ich schreibe das Grundgerüst der Songs alleine. Und du?
LM: Ich bin ganz alleine. Immer. Und ich liebe es, nachts mit einem guten Glas Wein zu schreiben. Am liebsten habe ich es, wenn ich alleine in einem Raum bin und neben mir ein Raum voller Leute ist.
CB: Müssen die Leute richtig laut sein?
LM: Das ist egal, Hauptsache da sind Menschen. Das hat so einen komischen voyeuristischen Aspekt, so als ob man mich jederzeit erwischen könnte. Ich brauche die Zeit alleine, ich bin sehr schnell benebelt, wenn ich mit vielen Leuten zusammen bin.

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Laura Marling, Sie haben bewusst ein Jahr Pause gemacht, hat es Ihnen gereicht?
LM: Ich konnte einfach nicht mehr. Ich war in den USA ganz alleine auf Tour, ohne Tourmanager. Ich wollte das so. Ich habe sogar meine eigenen Gagen kassiert und dann zur Bank gebracht. Eines Tages musste ich zu einem Radio-Interview und hatte vorher nicht mal Zeit mein Haar zu kämmen, ich sah wirklich aus wie eine Verrückte. Die Leute hatten Angst vor mir. Da wusste ich, ich brauche eine Pause.
CB: Wie lange warst du alleine auf Tour?
LM: Acht Monate! Das war eine tolle Erfahrung, aber definitiv zu lange, das war echt verrückt teilweise.

Dann sind Sie nach L.A. gezogen, um »die Glückseligkeit zu finden«. Es wirkt beinahe selbstzerstörerisch, das ausgerechnet in L.A. zu tun, oder?
LM: Ja, ich weiß.(lacht) Das Selbstzerstörerische kriege ich wohl nie aus mir raus. In diesem Fall war es aber eher Zufall, ich hatte mich in einen Kanadier verliebt und bin dort gelandet. Von dem Typen habe ich mich dann getrennt, aber in L.A. bin ich geblieben. Ja, ja – sehr destruktiv, ich weiß.
CB: Warte, ich verwechsle immer San Francisco und L.A. Ist L.A. das mit diesem silbernen …
LM: Silver Lake! Ja, da habe ich gelebt.

Laura Marling, Sie waren in Los Angeles sozusagen undercover unterwegs und haben niemandem gesagt, welchen Bekanntheitsgrad Sie in Europa haben. Gar nicht einfach, in einem Land, in dem die erste Frage eines Gesprächs eigentlich immer lautet: »What do you do for a living?«
LM: Ja, das ist so unverschämt.
CB: Die Frage ist gar nicht »Was machst du?« sondern eigentlich »Was kannst du für mich tun?«
LM: Oh ja! Nun, ich musste zum Glück gar nicht lügen, denn ich habe mich in L.A. wirklich auf Dinge konzentriert, die nichts mit Musik zu tun haben. Ich habe sehr hart an der Aufnahmeprüfung für eine Universität gearbeitet und wollte unbedingt Kreatives Schreiben studieren. Ich habe mich extra unter einem Pseudonym beworben, ich glaube, ich wollte mal herausfinden, wie das echte Leben so ist. Aber dann wurde ich nicht angenommen, also offensichtlich bin ich im echten Leben keine Poetin. (lacht) Manchmal habe ich dann doch erzählt, dass ich Musikerin bin, dann haben die Amerikaner immer Dinge gesagt wie »Oh, that’s cute! Another singer!« (verstellt ihre Stimme) Aber die Musikszene in Los Angeles ist unfassbar vielseitig und auf gar keinen Fall zu unterschätzen.
CB: Ich könnte nie dort leben. Ich liebe Melbourne. Warum wollen die Leute eigentlich immer da sein, wo sie gerade nicht sind?

Laura Marling, Sie werden sehr gerne als »alte Seele« bezeichnet, Sie, Courtney Barnett, als »tomboy«. Geht Ihnen dieses »Etikettieren« auf die Nerven?
CB: Man hat mich schon als kleines Kind tomboy genant, ich bin mittlerweile daran gewöhnt. Aber Journalisten sind faul, sie kopieren das, was andere schon geschrieben haben und dann landet man in einer Schublade. Ich bin auch eine »Slacker-Popperin« und der »weibliche Kurt Cobain«. (lacht)
LM: Cool, der weibliche Cobain!
CB: Offensichtlich brauchen Menschen immer eine Schublade, ich versuche, mich davon nicht beeindrucken zu lassen.
LM: Solange der Stempel, der einem aufgedrückt wird, nicht trivialisierend ist, ist es okay. Ich frage mich, ob diese Schubladisierung eher bei Frauen stattfindet? Jedenfalls werde ich immer sehr schnell hellhörig, wenn eine Frau beurteilt wird – ich bin da extrem sensibel. Vielleicht ist das einfach mein Komplex, vielleicht bin ich da zu sensibel und mache damit alles schlimmer. Ich wurde auch schon Opfer dieser seltsamen Grenzen. Als ich alleine gereist bin, musste ich mir anhören, dass sich das doch für eine Frau nicht gehört. Ich denke, wenn Männer eine Frau nicht gleich einordnen können oder von ihr überfordert sind, unterstellen sie ihr, dass sie psychotisch sei. Man trivialisiert Frauen, indem man ihnen unterstellt, sie seien leicht verrückt. Damit hält man sie klein und ungefährlich. Mir wird auch gerne Außenseitertum oder ein »Alte-Jungfer-Syndrom« unterstellt. »Laura Marling ist die moderne Miss Havisham!«

Eine Ihrer Zeilen auf dem neuen Album lautet »Who do you think you are / Just a girl who can play guitar«.
CB: Mich ärgert das total, wenn Leute sagen »Wow, du spielst Gitarre, toll für ein Mädchen!«
LM: Bei so einem Satz, solltest du sie mit deiner Gitarre verhauen. Es ist noch immer eine männerdominierte Welt, nicht nur die Musikszene ist so. Die player sind Männer, die alte Geschichte.

Das klingt sehr desillusioniert. Es ist ja auch eine vermeintlich alte Thematik, aber die Fakten sprechen eine andere Sprache. Nachdem die Schauspielerin Charlize Theron durch den Sony-Leak erfahren hatte, dass ihr männlicher Co-Star eine bedeutend höhere Gage kassiert, verhandelte sie neu.
LM: Richtig so! Lustigerweise ist das aber ein Bereich, in dem die Amerikaner sehr viel richtig machen. Feminismus ist dort gerade ein sehr heißes Thema. Hier in Europa haben wir immer das Gefühl, dass es irgendwie antiquiert ist, über so etwas zu reden, aber wir handeln trotzdem nicht. Gerade in Amerika gibt es viel mehr Frauen in Führungspositionen. Meine Presseagentur in L.A. besteht beispielsweise ausschließlich aus Frauen.
CB: Aber es ist doch nicht wichtig, ob das jetzt Männer oder Frauen sind. Es sind Menschen.
LM: Ich finde es einfach interessant. Meiner Meinung nach sollte man überall eine natürliche Balance herstellen. Nicht, dass man jetzt überall eine Quote braucht oder so was, aber es ist doch so: Man kann an einer Zwiebel riechen und eine Rose essen – aber damit nutzt man diese Dinge sicher nicht auf die beste Weise. Für mich bedeutet Gleichberechtigung nicht, Frau und Mann zu einer Kreatur zu verschmelzen, sondern jedem die gleichen Möglichkeiten zu geben, ihre Einzigartigkeit auszudrücken.
CB: Ich wünschte, ich könnte eloquent sein, wenn es um das Thema geht. Aber obwohl ich sehr viel dabei fühle, ist das irgendwie so verworren in meinem Kopf.
LM: Ich weiß, was du meinst. Ich habe immer das Gefühl, es ist so banal wenn ich etwas zu diesem Thema sage. Aber so dürfen wir nicht denken. Nur weil wir keine definitiven Antworten haben, dürfen wir nicht aufhören Fragen zu stellen.

Haben Sie manchmal das Gefühl, nicht ernstgenommen zu werden, eben weil Sie »just a girl who can play guitar« sind?
LM: Ich denke, das hat viel mit Erziehung zu tun. Manchen Menschen wurde halt beigebracht, dass es sich für eine Frau nicht schickt, eine starke Meinung zu haben. Die Leute sind manchmal überrascht, wenn ich ganz klar Stellung beziehe. Sie denken dann, dass ich doch besser einfach singen soll, statt irgendwelche Statements abzugeben. So nach dem Motto: »Eigentlich bist du doch eine kleine, schüchterne Maus, warum hast du plötzlich eine Meinung?«
CB: Ich finde es aber manchmal auch gut, dass die Leute meine eigene Meinung nicht unbedingt kennen.

Die Songschreiberin soll eher eine Art Medium sein und keine Wortführerin? »Take what you want from me / I’m a reflection of what you want me to be«, singen Sie auf Ihrer Platte. Weil Sie Angst davor haben, zu meinungsstark zu sein oder weil es nichts zur Sache tut, was Sie persönlich denken?
CB: Die Musik muss einfach die erste Instanz sein und ist das Wichtigste. Die Leute nehmen meinen Song und werden immer ihren Scheiß in mich reinprojizieren und das finde ich okay. Ich will niemandem meine Meinung aufdrücken. Ein Song ist ein Song und der ist offen zur freien Interpretation.

Gab es einen Moment, in dem Sie es nicht nur akzeptiert, sondern zelebriert haben eine Frau zu sein, statt es zu bekämpfen? Laura Marling, Sie singen »I’m a woman now / Can you believe?«
LM: Das ist so eine Sache, die ich bei mir und vielen meiner Freunde beobachte. Wir fühlen uns weder alt noch jung, wissen nie, ob wir jetzt eigentlich erwachsen sind oder nicht. Ich bin mir auch nicht sicher. Jedes Jahr denke ich, »Oh Mann, ich bin heute viel jünger, als ich damals war!« Ich war nie so alt, wie ich war. Ergibt das Sinn? (Barnett nickt zögernd)
CB: Also ich fühle mich immer jung, aber das liegt an meiner Beziehung. Ich habe mir eine Freundin geangelt, die 40 ist. Ich werde für immer »die junge Freundin« sein, yeah! (lacht)
LM: Ich weiß jedenfalls nicht, ob ich das Frausein überhaupt bekämpft habe. Ich war einfach ein Mädchen und plötzlich hatte ich Brüste und Arsch und musste in diesen neuen Körper auch mental hineinwachsen.

Mussten Sie manchmal beweisen, dass Sie eine Künstlerin sind, »obwohl« Sie eine Frau sind?
LM: Ja, ich glaube, bei vielen jungen Künstlerinnen ist die Reaktion auf Unsicherheit, sich zu maskulinisieren, um als Künstlerin ernst genommen zu werden. Undefinierbar zu sein, damit man weniger angreifbar ist. Das passiert aber nicht nur in der Musikbranche, glaube ich.
CB: Ich hasse Kleider, deswegen bin ich aber nicht weniger Frau und maskulinisiere mich auch nicht. Ich hatte das Problem nie. Ich denke darüber nicht nach und bin einfach wie ich bin.
LM: Also es gibt auf jeden Fall tolle Beispiele, dafür, wie man sich mit der Kombination aus Weiblichkeit, Sexyness und unglaublichem Talent Respekt verschaffen kann. Ich denke da an Stevie Nicks – die ist wahnsinnig feminin und trotzdem hat sie eine gewisse Strenge. Sie ist einfach nur sie selbst. Ich weiß ja nicht, wie es bei ihr am Anfang war, aber ich kann mir schlecht vorstellen, dass Stevie Nicks jemals ohne Make-Up herumlief.

Bei Ihnen, Courtney Barnett, ist Jesus eine Frau!
CB: Oh Mann, das ist echt deep hier! (lacht) Ja, dem Song, in dem ich singe, dass Jesus eine Frau sei, ging ein Gespräch mit meiner Mutter voraus. Ich habe mich über die total beschissene Regierung in Australien beschwert und da gab es diesen Moment, in dem ich gemerkt habe, dass meine Eltern doch konservativer sind, als ich dachte. Meine Mutter sagte mir, dass ich nicht über Politik oder Religion in meinen Songs schreiben soll. What the fuck? Ich meine, was ist denn das für ein Kommentar? Angeblich wollen die Leute das nicht hören, sagte sie. Dann habe ich einen Song über Jesus geschrieben.

Sind Sie denn religiös?
CB: Nein, es ist mehr so ein Song über religiöse Visionen, wissen Sie, über diese Leute, denen Gott in einer Scheibe Toast erscheint. Am Anfang des Songs, bin ich sehr desillusioniert und da erscheint mir Jesus, und er ist ein angriffslustiger Mann. Der Song entwickelt sich jedoch dahin, dass ich merke, dass ich dankbar sein muss, für das, was ich habe. Irgendwie fühlten sich diese Einsicht und Dankbarkeit sehr weiblich, sehr sinnlich an. Also habe ich mich entschieden: »Ja, Jesus ist eine Frau!« Meine Güte, das war aber jetzt echt eine Therapiestunde, Laura!

Dieses Interview ist in der Printausgabe SPEX N° 359 erschienen, die weiterhin versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden kann.

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