Jesu Lifeline

Als vor drei Jahren Jesus erste Veröffentlichung, die EP »Heartache«, Justin Broadricks Rückkehr in das Musikgeschäft einleitete, hatte das wieder erstarkte Interesse an den extremen Spielarten des Heavy Metals bereits seinen Höhepunkt erreicht. Im Sound noch sehr an der Verquickung maschineller Rhythmik und metallischer Unerbittlichkeit im Sinne seiner vorhergehenden Band »Godflesh« interessiert, offenbarte »Heartache« allerdings auch eine emotionale Seite, die sich nicht ausschließlich in einer Potenzierung musikalischer Kriegserklärungen erschöpfte, sondern eine träumerische Melancholie zelebrierte, die bis dato den Kernpunkt von Jesus Œuvre ausmacht.

    Den Bandnamen wortwörtlich zu interpretieren hieße in Justin Broadricks Musik ein Gemisch aus christlicher Heilslehre und moderner Romantik zu erkennen, die sich mit den emotionalen Wehen zwischenmenschlicher Beziehungen auseinandersetzt, als sie mit einsamen Burgverliesen und heidnischen Ritualen in Verbindung zu bringen, wie es so oft bei anderen Vertretern des Doom-Metal Genres geschieht. Allerdings haben Broadricks pathetische Kompositionen, die nirgends den Bruch mit sich selbst suchen, sondern stets aller Gefühlsregung in prächtigen Moll-Akkorden gerecht werden, heutzutage nur noch wenig mit dem Tiefenrausch des Doom-Metals gemein. Bereits auf seinem offiziellen Debüt »Jesu« wagte Broadrick die Koketterie mit genrefremden Stilelementen, die am ehesten unter dem Begriff Shoegaze zusammengefasst werden können und schließlich auf der EP »Silver« und dem darauf folgenden Album »Conqueror« zur vollen Entfaltung gelangten. Träumerische Rockepen, fundiert von einer drückenden Heavyness, gezeichnet von elektronischen Klangexperimenten – einer Vorliebe, der Broadrick in seinem Projekt »Final« nachzugehen pflegt – und durchdrungen von einem ätherischen Gesang, bilden von nun an den Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens.

    »Lifeline«, die neueste und mittlerweile fünfte Veröffentlichung in diesem Jahr, hält unbeirrt an jener ästhetischen Programmatik fest. Die im Durchschnitt fünf Minuten dauernden Kompositionen bezeugen zudem noch Broadricks Absicht, seine Musik immer vehementer den Formatbedingungen des Pop zu unterwerfen. Somit könnte »Storm Comin’ On«, das mit einer Gesangsperformance von Jarboe (Ex-Swans) aufwartet, durchaus einen Platz im Abendprogramm von MTV finden. Tauschte man bei »End Of The Road« die verzerrten, tiefergestimmten E-Gitarren mit herkömmlich klingenden Sechssaitern aus, so wäre es problemlos möglich, jenes Stück als Ausklang für eine sentimentale Hollywoodkomödie zu nutzen. Der interessanteste Track auf »Lifeline« ist allerdings »You Wear Their Masks«, in dem Broadrick sägende Subbässe – wie sie auch im Drum&Bass und diversen anderen elektronischen Musiken eingesetzt werden – dazu benutzt, seinem Sound einen räumlichen Charakter zu vermitteln dessen Architektur aus schwermütigen Akkordprogressionen und schimmernden Synthesizerflächen konstruiert wird.

    »Lifline« ist nicht Jesus stärkste Veröffentlichung, dennoch macht sie Lust auf mehr. Spannend bleibt in welche Richtung Broadrick seine bittersüßen Songs weiterentwickeln wird. Um seine Kreativität nicht allzu sehr zu strapazieren, sollte er allerdings erstmal für kurze Zeit pausieren.

LABEL: Hydra Head

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 05.10.2007

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