Jessica Pratt On Your Own Love Again

Absonderliches zersetzt mit Wiegenliedästhetik: Jessica Pratts Debütalbum On Your Own Love Again. Plus: SPEX präsentiert die Tour im März.

Um den Spalt zwischen Traumwelt und Wachheit zu beschallen, bedarf es einer besonderen Stimme. Die Kalifornierin Jessica Pratt ist mit einer solchen gesegnet. Vor über zwei Jahren erschien sie aus dem Nichts mit einem fremdartigen, unbetitelten Debüt, dessen verschneite Folkkompositionen so zurückhaltend und doch eindringlich waren, dass die erste Pressung binnen kürzester Zeit vergriffen war. Was die Platte hervorstechen ließ, war vor allem diese naiv-verschrobene Kinderstimme, die unter anderem die Aufmerksamkeit von Psychrocker White Fence alias Tim Presley auf sich zog, der der Legende nach eigens für Pratt das Label Birth Records gründete. 2012 waren es noch Songskizzen, die in der Schublade auf Halde lagen und zum ersten Mal zusammengetragen wurden. Nun erscheint das erste als solches konzipierte und komponierte Album.

Im Einklang mit ihren Vorbildern Joni Mitchell oder Gram Parsons bedient sich Pratt traditioneller Tontechnik und nimmt mit einem Vierspurgerät auf, dessen intimer Charme zusätzlich dadurch unterstrichen wird, dass On Your Own Love Again in diversen Schlafzimmern aufgenommen wurde, abgemischt mit Hilfe von Cate Le Bons Will Canzoneri. Es rauscht und knistert an allen Ecken und Enden. An der simplen Instrumentation hat sich im Vergleich zum Vorgänger nicht viel geändert. Versiert gepickte Akustikgitarre mit hie und da einem Blechbläser als Akzent tragen das Herz der Platte: Jessica Pratts Stimme. Vergleiche mit Joanna Newsom sind schnell zur Hand, das Absonderliche wird mit einer Wiegenliedästhetik zersetzt, wie Vashti Bunyan sie pflegt, zugleich ist man überrascht von der Palette, die Pratts Timbre aufweist.

Ein Stück heißt »Strange Melody« – es wäre fast der passendere Titel des Albums, denn neben der Stimme sind das Bemerkenswerte an dieser Platte die Melodien, in denen sie sich entfaltet. Stark in den Sechzigerjahren verwurzelt, konstruiert Pratt Harmonien, die in den wagemutigsten Momenten Tendenzen zum orientalisch-semitischen Gesang aufweisen. Der Ort, an dem die Stücke enden, ist meist weit von dem entfernt, an dem sie begonnen haben, Pratt geht auf Songwanderung. Falls ein Stück zunächst klassisch anmutet, beispielsweise die erste Single »Back, Baby«, wird es schnell durch Abzweigungen gebrochen. Mal lässt Pratt Melodien mittendrin fallen, Imperfektion wird zum Stilmittel. Da fällt es auch nicht besonders ins Gewicht, dass Pratt, die angibt, sich an Cohen, Dylan oder Rimbaud zu orientieren, keine große Lyrikerin ist. Sie hält Worte und Stimme so eng bei sich, dass man schon in sie hineinschlüpfen müsste, um ihr näher zu kommen. Gerade deswegen wirkt ihre Aura auf eigenartige Weise magnetisch.

SPEX präsentiert Jessica Pratt live
19.03. München – Hauskonzerte
21.03. Erfurt – Franz Mehlhose
27.03. Hamburg – Aalhaus
31.03. Berlin – Grüner Salon
01.04. Heidelberg – Karlstorbahnhof

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