Jersey Itinerary

Jersey ist eine Insel. Jersey ist »ein Ort, wo du alles hinter lassen kannst«, behauptet die Homepage. »Entspanne und genieße die viel gelobte Freundlichkeit der Menschen von Jersey.« Jersey ist eine der Inseln im Ärmelkanal. Wer über die Band Jersey spricht, wird sie nicht zwischen England und Frankreich verorten, sondern zwischen dem oberbayerischen Kreativzentrum Weilheim und dem Zentrum, das viel Kreativität anzieht, Berlin. Die fünf Bandmitglieder sind da oder dort musikalisch sozialisiert: Marion Gerth bei Fred Is Dead, Andreas Haberl bei The Notwist und Andromeda Mega Express Orchestra, Max Punktezahl bei The Notwist und Contriva, Noël Rademacher bei Mina und als Noël, Florian Zimmer bei Saroos und Iso68.

    Nicht bloß bandbiographisch, auch musikalisch lässt sich »Itinerary«, das zweite Album von Jersey, zwischen Weilheim und Berlin verorten: Arg vereinfacht ließe sich sagen, dass es wie The Notwist beginnt und wie The Whitest Boy Alive endet. Gerade beim mit einem Housebeat unterlegten Stück »Icebound« muss man anfangs doch mal nachschauen, ob hier nicht Erlend Øye mitsingt. Es ist aber weiterhin Noël Rademacher, dessen Stimme ähnlich weich, warm und welcoming ist wie die des Norwegers.

    Rademachers Gesang trägt wesentlich bei zur insgesamt warmherzigen und offenen Stimmung des Albums. Ganz unaufgeregt verweben Jersey prägnant angeschlagene Gitarren mit elektronischen Sounds aus dem Synthesizer und Sampler. Weite Teile des Albums sind instrumental, auch die Lieder haben oft lange, einleitende Passagen. Daher entsteht der Eindruck, hier singe einer, der mehr oder minder erratisch ins Wohnzimmer kommt, wo die Band spielt, und zwischendrin geht er auf Toilette, kocht in der Küche Kaffee für alle, holt sogar Stückchen von der Bäckerei unten im Haus. Und, hoppla, nach vierzig Minuten hat man ein ganzes Album eingespielt.

    Der Produktionsprozess wird natürlich viel komplexer und angefüllt mit Tüfteleien gewesen sein. Dafür sprechen allein die Sozialisationen der Musiker (siehe oben). Die Kunst von Jersey besteht natürlich in erster Linie darin, die dicht gewobenen Kompositionen leicht klingen zu lassen. Als wäre es ganz ohne Anstrengung eingespielt worden. Die Texte drehen sich mal um das Kreuz mit der Lohnarbeit (»Shoeshine«), Tagträumereien (»Talking To Myself«) oder die Stunden zwischen Tag und Nacht (»Noir A.M.«).

    Im Grunde ist »Itinerary« eine einzige Tagträumerei. Das Titelstück etwa, nicht von ungefähr in der Mitte des Albums platziert, braucht nicht mehr als eine kleine Gitarrenkaskade, einen sanften Bass, ein bisschen Pluckern aus dem Sampler, eine simple Gitarrenmelodie und einen anhebenden Ton aus dem Synthesizer für einen Score, der in einem Sog einen Gedankenfluss provoziert, der nicht zwingend irgendwohin führen muss. Und dann, als sollte der Hörer wieder auf den Boden zurückgebracht werden, kommt »Icebound« mit seinem tanzbaren Beat. Es ist ein bittersüßes Liebeslied, doch die Kunst von Jersey bringt es mit sich, auch das zunächst zu verschleiern hinter einer Wand aus Wonne.

LABEL: Pony Records

VERTRIEB: Indigo / Morr Music

VÖ: 10.10.2008

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