Jeremy Jay

Jeremy Jay Splash Tonträger Pop-Briefing Spex #327Thomas Hübener: Auf die Frage »Mann oder Maus?« würde Jeremy Jay wohl mit einem deutlichen »Maus« antworten. Denn als Wimp und coole Sau in Personalunion schätzt der Kalifornier mit frankoprovenzalischen Wurzeln das großspurige Understatement. Der Junge, der aussieht wie der Teenager, auf dessen Opferrolle sich alle einigen können, veröffentlicht jetzt sein drittes, unverschämt kurzes und unverschämt gutes Album.

    Nicht nur, dass sein Sprechgesang so herrlich ungefestigt und unsicher in den wenigen Höhen und zahlreichen Tiefen ist, macht ihn zu einem der charmantesten zeitgenössischen Sänger aus den Reihen der garagigen Gitarrenpopfraktion. Nein, den Kern des Faszinosums Jay bildet vielmehr der Umstand, dass man ihm anhören kann, wie absolut schnuppe ihm seine Performance-Defizite sind. Und zwar wirklich schnuppe: Anders als die Lo-Fi-Ideologen der Neunziger ruft er mit seinem Billig-Sound nämlich keine neue Religion des unverfälschten Ausdrucks aus.

    Stimmlich und atmosphärisch erinnert Jay mal an David Byrne und mal an einen fröhlichen Ian Curtis, der mit seiner Schulband beim Abschlussball spielt. Vor allem aber lässt er an die suburbane Campness und den verzweiflungsgeborenen Witz des frühen Jarvis Cocker denken. Wie dieser weiß auch Jay, dass der Inbegriff von Coolness im Überkultivieren des Uncoolen liegt: Wenn dich die Mitschüler auslachen, weil du keine Muskeln hast, dann mach dich noch dünner und zieh dir knallenge Jeans an. Ab und an setzt der blonde Jay zu einem pseudo-eunuchalen Background-Falsett an, das an die abenteuerlichen Stimmeskapaden Mor risseys aus den Anfangstagen der Smiths erinnert. Weil seine Songs so unendlich leicht daherkommen, konnte es in der Vergangenheit passieren, dass man das songwriterische Talent des daseinsfrohen Melancholikers unterschätzte. Mit »Splash«, auf dem die wavigen Synthies des Vorgängers »Slow Dance« weitgehend zugunsten dominanterer, nie ungezähmter Gitarren verschwunden sind, dürfte dieser Fehler nicht mehr passieren.

    Dubro: Trotzdem sind die sympathischsten Momente auf dem neuen Album immer noch die, in denen Jeremy Jay, von elektronischen Sounds begleitet, cool im Sinne von kühl seine melancholischen Melodien ins Mikrofon haucht.

    Hübener: Und wenn Jay, dieser Strich in der Landschaft, einmal eine breitbeinige Vollmännerpose einnimmt, dann ist das ungefähr so, als würde sich Holden Caulfield – dieser Anfänger im Rocken (um es mit Kristof Schreuf zu sagen) – eine nietenbesetzte Lederjacke anziehen. Es kann auf den Betrachter gar nicht anders wirken denn als Zitat und gebrochene Pose. Jeremy Jay ›gniedelt‹ und ›rockt‹ mit Anführungszeichen.

 


STREAM: Jeremy Jay – Splash

LABEL: Differ-ant / K | VERTRIEB: Cargo | : 04.06.2010

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