Jens Lekman I Know What Love Isn’t

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Secretly Canadian / Cargo Records — 31.08.2012

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Es mag unschicklich sein, doch zunächst ein Aufenthalt bei Äußerlichkeiten: Von einem Tourposter anno 2005 grüßt Jens Lekman noch als manierlich-bescheidene Inkarnation eines Schriftstellers. Zwei Jahre später, auf dem Cover von Night Falls Over Kortedala schneiden göttliche Hände sein dunkles Haar. Mittlerweile bedeckt eine Wollmütze sein Haupt. Im Video zur Vorabsingle von I Know What Love Isn’t (Stream), »Erica America«, erkennt man warum: Den spärlichen Rest trägt er mittlerweile millimeterkurz. Es ist ein ungewohntes, natürliches, wenngleich entzauberndes Bild, das zur Platte passt: Dem ehemaligen Mr. Charming ist auf seinem neuen Album der Witz abhanden gekommen.

   »Schreibt mir über alles, was ihr wollt, außer über Liebe«, lautete im April dieses Jahres seine monatliche Anweisung für den regelmäßigen Austausch mit seinen Fans. Ferndiagnostisch kann man darin eine Fortführung des Werkthemas erkennen: Es ist eine Trennungsplatte, an der Lekman fünf Jahren arbeitete. Ursprünglich wollte er sich der Auseinandersetzung mit dem Bruch durch das Schreiben entziehen, aber genau das zog ihn schließlich immer dahin. Mit deutlich reduzierter Instrumentation, dafür viel Klavier (Natürlich, das Herzschmerzinstrument schlechthin!), laufen Lekmans sonst amüsant-berührende Alltagsbeobachtungen nun oft ins Leere. Gerade die prägnantesten Lieder, eben »Erica America« und das Titelstück, bleiben ungewöhnlich flach und blass.

   In Letzterem tauchen Typ-Fragen (Blond oder brünett?) auf, und jener Sänger, der einst der lesbischen Nina eine Scheinfreundschaft zur Beruhigung ihres Vater anbot, schlägt nun die Heirat zwecks Staatsbürgerschaft vor. »I Want A Pair of Cowboy Boots« lässt ein KingsOfConvenience-Cover von »Total Eclipse Of The Heart« assozieren, und rundherum findet sich allerhand, pardon, Kaffeehausmusik. Aber in Zeiten, in denen selbst Sonic Youth oder Antony Hegarty Musik bei einer bekannten Kette dieses Gewerbes veröffentlichen, könnte man das auch als Kompliment missverstehen.

   Erste Hinweise auf den Vorzeichenwandel zum Negativen lieferte im Vorjahr die an sich gute EP An Argument With Myself (Rezension in SPEX N°335). Da hing der Schwede plötzlich in Melbourne, seiner Wahlheimat, mit Touristen ab, obwohl der jüngste Hipsterdiskurs doch lehrt: Der Urlauber steht am untersten Ende der Coolnesspyramide. Die Befürchtung, dass Lekman, ohnehin desinteressiert an solchen Fragen, diese Pyramide dauerhaft hinabgereicht werden könnte, besänftigt zwischendurch das empfängliche »The World Moves On«. Denn sie dreht sich doch, und so bleibt Hoffnung.

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Jens Lekman live
26.09. Berlin — Postbahnhof 

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