Jens Lekman

Wo andere ein Herz zur Lebenserhaltung sitzen haben, trägt Jens Lekman sein Poesiebuch aus Grundschultagen mit sich herum. Darin stehen Gedanken und Gefühle, die hat unsereins natürlich auch, nur werden sie bei Lekman mit Blumen, Schnörkeln und geschwungener Schönschrift verziert. Wie sonst bringt der Mann diese Musik zustande? Warum hört man dem schwedischen Crooner sonst überhaupt so gerne zu? Lekman, Meister des Schwiegereltern-Poesie-Pops!

    »Nina, I can’t be your boyfriend / so you can stay with your girlfriend / Your father is a sweet old man / but it’s hard for him to understand / that you wanna love a woman«. Eingerahmt von Glockenspiel, vereinzelten Klavieranschlägen und Trompeten eröffnet Lekman sein Klagelied an seine lesbische Berliner Freundin Nina, die Jens als ihren festen Freund bei Papa vorstellig zu machen versucht. Kann natürlich nicht gut gehen mit Lekman, der ehrlichen Haut: »Your father puts on my record / he says: so tell me how you met her / I get a little nervous and change the subject / and put my hand on some metal object / he jokes and tells me it’s a lie detector.«

    Genau diese Art von Witz zieht sich durch »Night Falls Over Kortedala«: Ein schmissiges Piano-Intro und ein schmieriges Harfen-Intermezzo später ist man auch schon mitten drin im Tanzflächenentwurf des bitteren Breakup-Songs »I’m Leaving You Because I Don’t Love You«. Lekman, der Schlussmacher, der sich für seine mangelnde Liebe entschuldigt, der asthmatischen Ex die Luft raubt, gleichzeitig aber den Lippen hinterher weint, die vorerst nur noch der Inhalator berühren darf. Im Anschluss daran die überladene Selbstbemitleidung: »If I Could Cry (It Would Feel Like This)« intoniert Lekman mehrstimmig mit weiblichem Backing-Gesang und schraubt das Trauerspiel zum Chor hoch. Dass er sich dabei aber immer der Schmalzigkeit seiner weit ausholenden Streicherarrangements und des Jammergesangs bewusst ist, zeigen die Stellen, an denen Lekman die Aufnahmen wie eine uralte Kassette eiernd verlangsamt.

    Organisatorische Finesse findet sich an auch an anderen Stellen. Ob das von Kinderstimme gesummte Sandmädchenlied zu Beginn von »It Was A Strange Time In My Life«, das mit Fingerschnipsen, Barbershop-Bluesmotiv und Fanfarensound dekorierte »Kanske Ar Jag Kär I Dig«, die unsäglich schmierig-geile Klarinette in »Sipping On The Sweet Nectar« oder der Ausflug in tribale Rhythmen (»Into Eternity«): Lekman weiß stets die Balance zwischen Teenage-Angst, Pop-H-H-H-H-Hooks (»Kanske Ar Jag Kär I Dig«) und peinlichem Chic zu wahren. Und ganz nebenbei kommen dann solche Saxofon-befeuerten Hits wie »Friday Night At The Drive-In Bingo« heraus, in denen kurz der abenteuerlustige Jens aufflackert. »Riding On My Moped, Looking For Fun«, singt der vom Landleben angeödete Tagträumer, der einfach nur raus will, raus aus dem Kaff, raus aus Schweden, raus aus dem Schwiegersohn-Image. Kein Wunder dass dieser liebenswerte Bursche den Pilotenschein gemacht hat.

LABEL: Secretly Canadian

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 12.10.2007

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