Momente für die Ewigkeit

Zuletzt ebneten ihm die Beziehungen seines Bruders den Weg in die Machtzentrale des deutschen Literaturbetriebs, nun veröffentlicht Jens Friebe, den manche für nicht weniger als Deutschlands einzig wahren Popstar halten, sein drittes Album. Der vertrashte Elektropop von früher weicht einer glamrockigen Gitarrendominanz, zwischendurch blitzt aber noch immer die alte Hingabe an die Magie des Alltäglichen auf.

JensFriebeJens Friebe löste 2004 mit seinem Debütalbum »Vorher Nachher Bilder« Entzücken aus, weil er der deutschen Sprache im begrenzten Bezugsrahmen ›Popsong‹ selten gehörte Ausdrucksnuancen abtrotzte. Der darauf enthaltene, in ein sehr unterkühltes, programmiertes Beatgerüst gekleidete, mehrfach codierte Internet-Pornografie-Lovesong »Gespenster« sorgte bereits als Spex-CD-Vorabveröffentlichung (Spex-CD 38) für vorbehaltlose Bewunderung oder auch radikale Ablehnung. Die Zeitkluft zwischen dem musikalisch verfeinerten Nachfolger »In Hypnose« (2005) und dem mit Spannung erwarteten, im Herbst erscheinenden dritten Album »Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache dir ist nichts passiert« füllte der von Feuilletonisten gern zu Deutschlands einzigem Popstar hochgeschriebene Wahlprenzlberger ein Jahr lang mit wöchentlich erscheinenden Online-Kolumnen. Sie liegen seit kurzem unter dem Titel »52 Wochenenden. Texte zum Durchmachen« in Buchform vor.

    Der auffallend reflexive und selbstkritische literarische Debütant hat irgendwie ein schlechtes Gewissen, weil der Veröffentlichung seiner 52 Prosa-Miniaturen bei Kiepenheuer & Witsch keine demütigenden Literaturwettbewerbe und trostlosen Lesebühnenauftritte vorausgingen. Vielmehr war es Friebes einflussreicher Bruder Holm, digitalbohemistischer Geschäftsführer der Zentralen Intelligenz Agentur, der Connections in die KiWi-Machtzentrale herstellte, die dem gewöhnlichen Germanistik-Langzeitstudenten mit Ausdrucksbedürfnis meist verwehrt sind. »Ich weiß auch wirklich nicht, ob das Buch meinen Ansprüchen genügt und was überhaupt meine Ansprüche als Autor sind«, trägt Friebe auf seinen zarten Schultern Bedenken umher.

    Ein solches Maß an Zurückhaltung hat die Kolumnensammlung, welche Anekdotenschatz, Kuriositätenkabinett, (Tour-)Tagebuch und subkulturelles Archiv zugleich ist, keineswegs nötig. Dabei ist absehbar, dass man Friebe mit der Elle der ohne Anführungszeichen nicht mehr  auskommenden »Popliteratur« messen wird – ein Begriff, den er als missliche Folge der deutschen Fixierung auf die Trennung von U- und E-Kultur strikt ablehnt. Zwar merkt man Friebes Texten die mit der Postmoderne verbindlich gewordene Unverbindlichkeit an: Stets wird eine – durch metasprachliche Verspieltheiten hergestellte – ironische Distanz zum verwendeten Zeichenmaterial deutlich. Gleichwohl sind die versammelten Prosaskizzen angenehm frei von jener Dauersüffisanz, die einen immer schon überlegenen archimedischen Punkt coolen Bescheidwissens vortäuscht. Obwohl ebenfalls nicht aus ärmlichen Verhältnissen kommend, fehlt Friebe die mitunter unangenehm aus dem genialischen Frühwerk Christian Krachts sickernde großbourgeoise Arroganz. Sein Debüt steht den wie vieles Monströse faszinierenden Enthüllungsromanen eines Joachim Lottmann genauso fern wie dem enzyklopädischen Diskurs-Pop des Vielwissers Dietmar Dath. Zugleich fehlt ihm der besessene intellektuelle Ernst des Augenblicks-Chronisten und begnadeten Hassers Rainald Goetz, der 1998 mit »Abfall für alle« den Prototyp des literarischen Blogs schuf. Es sind vor allem Benjamin von Stuckrad-Barre und Max Goldt, welche Friebe den Weg zu einer von Bewältigungsanstrengungen und Introspektionsdelirien angenehm fernen Jetzt-Literatur wiesen. Vom einst als seismografischer Spion in der Medienwelt agierenden Stuckrad-Barre hat Friebe die Sensibilität fürs sprachliche Idiom, von Goldt die Lust an der Bergung des im Herzen des Alltäglichen schlummernden Absurden geerbt.

Die hervorragend ausgebildeten linguistischen Sensoren Friebes haben dazu geführt, dass es in »52 Wochenenden« von klugen Beobachtungen zum jugendkulturellen Status quo wimmelt: »Unterprivilegierte Jugendliche haben sich, damit sie ihre wertneutrale Einstellung zu allen Dingen des Lebens und des Todes nicht immer neu beschreiben müssen, schon vor langer Zeit das Wort ›krass‹ als Universalurteil ausgesucht, weil es Empfindungen nicht mehr nach ihrer Richtung, sondern nur noch nach ihrer Intensität ordnet.« Wenn sich seine sprachliche Feinnervigkeit mitunter in kühner Metaphorik und der Lust am Bildbruch austobt, gelingt es ihm dennoch, beim Leser »fruchtbaren Boden einzurennen«. Immer wieder blitzt in kostbaren Momenten eine aphoristisch verdichtete Hingabe an die Magie des Alltäglichen auf.

    Als Leser ist Friebe eher Formalist: »Ich interessiere mich nur mäßig für das Bauprinzip eines Buches oder dafür, wie gut eine Geschichte ausgedacht ist. Ich kann praktisch nur Stilisten ertragen, also Proust, Nabokov, Fitzgerald etc. Allerdings habe ich auch gerne den letzten Roman von Ellis gelesen, ein Freund sagt, nur weil ich keine Ahnung von Horror-Literatur habe. Mag sein. Mein liebster deutschsprachiger Autor ist Walser. Natürlich Robert

    Jens Friebe versteht sich indes weniger als Literat denn als Popmusiker. Das Zustandekommen seines musikalischen Debüts ist so legendär wie wahr: Nachdem der gebürtige Lüdenscheider seine Kölner Band Parka aufgelöst hatte und nach Berlin gezogen war, trat er durch die Vermittlung von Almut Klotz (Ex-Lassie-Singers) in Hamburg im Vorprogramm des von ihr geleiteten Berliner Popchors auf, wurde von Blumfelds Jochen Distelmeyer gesehen und Zick-Zack-Labelchef Alfred Hilsberg ans Herz gelegt. Der forderte telefonisch eine Platte innerhalb eines halben Jahres.

    Trifft man ihn zum Interview, kombiniert der recht hoch aufgeschossene Sänger ein rotes »Astro-Camp«-T-Shirt mit einer Hose von leichtem schwarzem Glanz. Immer wieder streicht er sich Strähnen seines von Brisk-Frisiercreme nur unzureichend gebändigten mittelblonden Haars aus dem Gesicht. Friebe, der leibhaftig noch viel hübscher anzuschauen ist als auf seinen beiden bisherigen Plattencovern, ist im Gespräch ungeheuer wach, aufmerksam und neugierig. Er ist einer jener seltenen Menschen, die imstande sind, ihrem Gegenüber das Gefühl zu vermitteln, es sage permanent außerordentlich Bemerkenswertes.

    Weil Friebe ein Liedermacher ist, der sich in Videos und auf Promotionfotos manchmal auch die Lider macht und zum großen Wimperntusch bläst, kommt natürlich oft die Frage, ob er männliche Rollenstereotypen auflösen wolle oder vielleicht sogar progressiverweise in seiner sexuellen Ausrichtung nicht allzu festgelegt sein könnte. So wird er auch mit einer gewissen Erwartbarkeit bei seinen Lesungen auf seine Androgynie angesprochen. Dabei ist Jens überhaupt nicht androgyn, sondern schminkt sich nur manchmal. Das ist etwas anderes. »Auf dem Cover meiner ersten Platte war ich mit Lipgloss zu sehen. Seitdem steht in jedem Artikel, ich würde schwer geschminkt auftreten, was nicht stimmt, und immer wird mein schwules Image thematisiert. Das wirft natürlich ein ziemlich entlarvendes Licht auf die Tristesse der deutschen Popkultur, wenn man sieht, was in England von Bowie über Boy George bis zu Placebo zur guten Tradition gehört. Ich selbst finde es natürlich auch irgendwie praktisch, dass man mit so wenig Aufwand derart aus dem Rahmen fallen kann.«

JensFriebeDie metrisch vollendeten und dennoch leichten Songtexte Friebes suchen in Deutschland ihresgleichen. Mit minimalem semiotischem Aufwand evoziert er ganze Bildfolgen und malt wahre Stimmungsgemälde. Gleichzeitig speist er die großstädtische Welt des Flüchtigen ohne Furcht vor fehlender Überzeitlichkeit ins kulturelle Archiv ein und bedient sich damit einer klassischen Technik der Popmusik. Friebe teilt die bereits von Neil Tennant formulierte Einsicht, dass paradoxerweise die für die Ewigkeit geschriebenen Hymnen dem Vergessen anheim fallen, während es die Momentaufnahmen sind, welche überdauern. Ohnehin ist ihm die Koketterie mit der Hochkultur fern. Er will in keine Reclam-Anthologie, und vielleicht gerät er irgendwann gerade deshalb in eine hinein.

    Die Intelligenz seiner Texte schlägt nie in Uni-Jargon um, er weiß immer genau, wann zu viel Schlauheit das Format des campy Popsongs sprengen würde. Das ist auf seinem dritten, unter maßgeblicher Beteiligung des Schlagzeugers Chris Imler entstandenen und von Berend Intelmann (Ex-Paula) produzierten Album nicht anders. Auf ihm halten Text und Musik so verliebt Händchen wie im deutschen Pop schon lange nicht mehr. Neu sind an Foyer des Arts erinnernde, mehrfach gebrochene Neo-Dadaismen wie in den Stücken »Du freust dich ja gar nicht« und »Erschreckend aktuell«. Bei Ersterem ist es die Exaltiertheit des Gesanges, bei Letzterem der aus einer Persiflage medialen Betroffenheitsjargons sprechende Geist der Bloßstellung, welcher Erinnerungen an das ehemals aus Max Goldt und Gerd Pasemann bestehende Duo wachruft. Allerdings ist es typisch für Friebe, dass es ihm in »Erschreckend aktuell« ohne jede Anmutung von Gewolltheit gelingt, mit dem Bezug auf eine gescheiterte Liebesbeziehung eine zweite Textebene zu etablieren, welche die Parodie auflöst.

Neu ist zudem das Genre der getragenen apokalyptischen Ballade, in dem sich das Titelstück bewegt. Der gelegentliche vertrashte Elektropop à la frühe Pet Shop Boys, der auf dem ersten Album zu hören war und auf »In Hypnose« (ZickZack / Labels, 2005) noch als Spurenelement ausgemacht werden konnte (»Bungeeseil«), ist einer mitunter beinahe ins Glamrockige schillernden, von angenehm unpolierten Vintage-Synths kontrastierten Gitarrendominanz gewichen. Dennoch ist »Das mit dem Auto ist egal…« mit seinen No-Wave-Stakkato-Sounds aus repetitiven Gitarre-Bass-Patterns das bislang dynamischste und tanzbarste Jens-Friebe-Album.

Seine musikalische Sozialisation vollzog sich innerhalb lokaler sauerländischer Begrenzungen: »In meiner Heimatstadt gab es einen Plattenladen, der hieß ›Plattenbörse‹. Ein Verkäufer, Bruce, hatte einen sehr guten Musikgeschmack und richtete ein Independent-Fach ein. Einmal stand dort ein Sampler des obskuren Altenaer Labels ›Beat All The Tambourines‹ drin. Da waren Wedding Present drauf, Beat Happening, die linksradikalen holländischen No Waver Dog Faced Hermans und eine total geile, aber leider völlig untergegangene Band namens McTells. Das hat mich bis in die Neunziger hinein geprägt. Später kamen dann 80s-Revival und Elektropop sowie die Neo-Dandys Stephin Merritt und Neil Hannon und natürlich Rufus Wainwright. Obwohl ich mich nicht erinnern kann, jemals ein wirklich fanatischer Smiths-Hörer gewesen zu sein, höre ich aus meinen eigenen Gesangslinien selbst oft Morrissey heraus.«

Obwohl er von idealistischen Fanzine-Machern gestellte Grundsatzfragen à la »Was bedeutet für dich Independent-Sein heute?« ein wenig anstrengend findet, muss Jens Friebe als Mensch bezeichnet werden, der politisch hochgradig conscious ist. Links, aber nicht blindlings, bringt er das Kunststück fertig, trotz eines hochverfeinerten Sensoriums für  politische Ungerechtigkeiten ein unglaublich lustiger Zeitgenosse zu sein. Wie in jedem großen Humoristen steckt allerdings auch in Friebe ein Melancholiker: In seinem klaren, vokalgedehnten Gesang wird noch in den überzuckertsten, den ekstatischen Augenblick zelebrierenden Passagen ein unausgesprochener Hintergrund aus Sehnsucht greifbar, in dem ein tragisches Wissen um den Tod mitklingt.

Wie war es nach dem schwierigen zweiten Album mit dem dritten? Bist du zufrieden damit?
    Ich bin sehr zufrieden, vor allem weil ich finde, dass es gut ist, mindestens einen anderen Musiker zu haben, der das Bild prägt, und das war in diesem Fall Chris, der Schlagzeuger. Es war eigentlich Berends Idee, von Schlagzeug und Stimme auszugehen und dann immer nur das Nötigste dazuzutun. Das Nötigste ist dann natürlich doch oft mehr, als man denkt, deswegen ist  teilweise doch einiges los. Beim Songschreiben selber war ich kurz vor Aufnahmebeginn schon in Panik, weil ich immer dachte: ›Oh Gott, ich habe gar nichts, wie soll ich das bis dahin schaffen?‹. Ich bin sogar in die Berge gefahren, um Ideen zu bekommen. Das hat zwar nicht geklappt, aber als ich dort war, merkte ich plötzlich, dass ich viel mehr fertiges Material und angefangene Lieder hatte, als ich dachte. Von da ab ging alles sehr einfach.

Das Eröffnungsstück »Frau Baron« ist mit den Zeilen »Sie waschen sich über den kalten See gebeugt / Als hätten meine Spermien Euer Spiegelbild gezeugt« eines der wenigen deutschen Lieder, die als Pendant zum Cum-Shot im Pornofilm verstanden werden können. Was auffällt, ist eine gewisse Ambivalenz. Man weiß nicht, ob das lyrische Ich, der Bauernsohn, der Adligen ins Gesicht spritzt, um sie zu bestrafen – ob er damit also Rache an der unterdrückenden feudalen Schicht übt –, oder ob die beiden nicht vielleicht doch Spaß an der Liaison haben oder die Baronin sich ganz einfach einen Lustsklaven hält. Wie ist das Lied entstanden?
    Bei »Frau Baron« handelt es sich wie auch bei »Neues Gesicht« und »Kennedy« von der letzten Platte um eine Auftragsarbeit für die »Bunny Lectures«, diese Veranstaltungsreihe in Berlin, so eine Mischung aus Talkshow und buntem Abend, bei dem es immer um ein Thema geht. Bei »Frau Baron« lautete das Thema »Adel«. Ich hörte dann vom Jus primae noctis, vom Recht der ersten Nacht, dem Recht des Gutsherren, statt des Bräutigams die Hochzeitsnacht mit einer Leibeigenen zu verbringen. Damit habe ich dann gendermäßig ein bisschen gespielt, also aus dem Großgrundbesitzer eine Großgrundbesitzerin gemacht, allerdings auch weitere Ambivalenzen eingebaut. Wenn ich die Zeile »Das Land, auf dem ich wohn’, gehört Ihnen« singe, dann ist das als schöne, romantische, devote Geste totaler Auslieferung und Liebe zu verstehen. Bei einer wirklichen Liebe ist das ja genauso, dass man sagt: »Es gibt eigentlich nichts, was nicht dem gehört, dem ich in meiner Liebe ausgeliefert bin.« Die Rede von den Rosen und den Bienen ist einerseits eine blöde Sexmetapher, andererseits drückt sie diese ganze herrschaftliche Pracht aus. Das oszilliert natürlich. Durch das Herausstellen des Prunkes wird auch auf den Zusammenhang von Geld, Sexualität und Macht hingewiesen. Aber eigentlich war es eben eine Auftragsarbeit.

Auftragsarbeiten haftet in der öffentlichen Meinung mitunter der Ruch des Fremdbestimmten an, als habe man nicht aus dem Urquell der eigenen Kreativität geschöpft. Dabei kann der Auftrag ja im Sinne einer klar begrenzten Zielvorgabe, als Tritt in den Hintern, ganz hilfreich sein.
    Auf jeden Fall. Die zweite Auftragsarbeit ist »Neues Gesicht«. Der Gegenstand der »Bunny Lectures«, für die es entstand, war »Kriminalität«. Die Idee kam mir, als ich »Sin City« sah. Da gab es den Satz »Ich brauch ein neues Gesicht«. Aber natürlich schillert das Lied und enthält die Erfahrung, die jeder kennt, dass man sich eben selber hasst, die eigene Natur, die einen limitiert. Man will aus dieser Begrenztheit ausbrechen. Das sehr Spezielle changiert in meinen Songs oft ins Politische und dann ins Existenzielle. Ich glaube nicht, dass Auftragsarbeit im Widerspruch zu Originalität und Inspiration steht. Gerade wenn man denkt, dass man nur Handwerker und Erfüllungsgehilfe ist, entsteht oft etwas, von dem sich erst im Nachhinein sagen lässt: »Oh, das hat ja sehr viel mit mir zu tun.« Kunst muss nicht aus dem Nichts kommen. Ein prominentes Beispiel ist Lou Reed, dem Andy Warhol auftrug, einmal etwas über Paranoia zu schreiben, woraus dann »Sunday Morning« entstand.

Das Titelstück baut eine sehr mysteriöse und apokalyptische Atmosphäre auf, die mich an David Lynch erinnert. Der Topos des Autounfalls bei Nacht. Das Opfer und der Hergang selbst werden kaum beschrieben. Wir sehen Momentaufnahmen vom Davor, eine bedrohlich personifizierte Natur, mit »tuschelnden Gräben«, die »gespannt« sind. Nach dem Unfall gibt es ein Close-up auf die kaputte Digitaluhr, gefolgt von einem extremen Wide Shot auf den Sternenhimmel. Alles ist sehr kühl und spooky.
    Ja, das Gruselige und das Kalte ist auf jeden Fall da, allerdings wird es im Refrain aufgelöst, wo das Opfer persönlich angesprochen wird: »Mein Gott wie schnell bist du gefahrn / Und weißt du noch die Geisterbahn / Ein Skelett hat dich damals berührt«. Das ist ja eine sentimentale Erinnerung, die der Erzähler, vermutlich ein Elternteil, mit dem Opfer teilt. Das sollte dann auch nicht mehr als irgendwie gebrochen rüberkommen, sondern als echte Wärme und Anteilnahme. Auch die Musik wird dort süß.

Apropos Lynch, den du ja sehr zu mögen scheinst, wie auch die Hommage an »Wild at Heart« in Gestalt des »Lawinenhund«-Videos zu deinem zweiten Album verdeutlicht. Welche Filme magst du noch?
    Zwei Filme von David Lynch finde ich großartig, von denen nicht nur der Kanon, sondern auch Lynch selbst manchmal sagt, dass er sie ein wenig verunglückt findet: Zum einen »Dune – Der Wüstenplanet«, ein Superfilm, einfach unglaublich. Ich hatte danach tagelange Alpträume. Der zweite ist der ungeheuer gruselige Twin-Peaks-Film »Fire Walk With Me«. Ich reagiere physisch auf diesen Film. Daneben sehe ich sehr viele Filme, habe aber keinen richtigen Geschmack. Am liebsten mag ich Filme, bei denen etwas Fantastisches und etwas Trostloses zusammenkommt, also »Und täglich grüßt das Murmeltier« oder »Welt am Draht«.

In deine Lieder baust du – etwa im Gegensatz zu den späten Tocotronic – flüchtige Partikel des urbanen Lebens wie Markennamen, Bandnamen und Clubs ein. Du versuchst also nicht, dich durch die Verwendung universeller Vokabeln, die bestimmt sind, von den Hörern auch noch in hundert Jahren verstanden zu werden, gegen das Vergessen zu imprägnieren.
    Oder ich mache beides auf einmal, wie in dem Lied »Über den Weg«. Dort geht es um zwei Menschen, die sich dauernd begegnen, und ich zähle eine Reihe Berliner Clubs und Orte auf, Rio, Alcatraz, Golden Gate, Weltzeituhr, Südstern, also alles Namen, die auch etwas anderes, Großes, Allgemeines bedeuten können. Es handelt sich dabei sozusagen um Kippbilder.

Außerhalb des Mainstreams wird auf Deutsch oft mit einem Seht-her-Gestus des Nicht-Selbstverständlichen gesungen – ob nun bei der in Amerika so beliebten drollig-gespensterbahnhaften Nazifolklore Rammsteins oder beim Skandieren des Wortmaterials wie bei den Goldenen Zitronen oder den Einstürzenden Neubauten. Immer wird deutlich, dass das, was da getan wird, keineswegs selbstverständlich ist. Dass die deutsche Sprache nicht das Medium ist, in dem man sich halt einfach bewegt, weil es die Muttersprache ist. Warum ist das bei dir anders?

    Ich glaube, das ist ein bisschen eine Frage des Wollens. In ihrer Funpunk-Phase hatten die Goldenen Zitronen auch einen selbstverständlichen Umgang mit Sprache. Als sich die Band zunehmend politisierte, hat sie sich die Sperrigkeit des Deutschen zunutze gemacht, um größtmögliche Aufmerksamkeit auf die Statements zu legen. Ich arbeite hart an einer Ausgewogenheit von awkwardness und Flüssigkeit. Dass man immer wieder gereizt wird, hinzuhören, und trotzdem alles im Song aufgeht. Interessant ist, dass bei den jungen Indie-Deutschrockern, die man im Berliner Radio jetzt viel hört, auch eine ziemlich organische Symbiose zwischen Musik und Text erreicht worden ist, durch eine kollektive Stilbildung. Nur halt total scheiße.

Kannst du dir vorstellen, öfter einmal auf Englisch zu singen? Dein They-Might-Be-Giants-Cover »Roadmovie to Berlin« steht recht singulär da.
    Ich kann mir gut vorstellen, auf Englisch zu singen, ich singe fast lieber auf Englisch als auf Deutsch. Nur kann ich mir schwer vorstellen, auf Englisch zu schreiben. Ich glaube, wenn man nie auf Deutsch geschrieben hat, ist es einfacher, mit den Limitierungen der fremden Sprache zu arbeiten. Für mich ist es grässlich. Vielleicht forsche ich mal nach alten Gedichten und vertone sie, so wie The Divine Comedy es für das Stück »Lucy« mit Gedichtfragmenten von Wordsworth gemacht haben.


»Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache dir ist nichts passiert«
(Zick Zack / Indigo) sowie »52 Wochenenden. Texte zum Durchmachen« (KiWi) von JensFriebe sind bereits erschienen. Aktuell ist Friebe auf Tour, alle Termine finden sich hier.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here