Jens Balzer »Pop – Ein Panorama der Gegenwart« / Review

Beim Thema Poptheorie gerät unser Autor Uwe Schütte ins Schwärmen. Jens Balzers Pop-Buch ist bei Rowohlt erschienen.

»Ein Panorama der Gegenwart« kündigt Jens Balzer auf dem Buchcover an. Der schlicht Pop betitelte Band hält dieses Versprechen bravourös ein. Wenn Musikkritiker Bücher veröffentlichen, wollen sie ja zumeist alte Kritiken für die Nachwelt konservieren. Nicht so Balzer; allenfalls auf seine Interviews rekurriert er angelegentlich. Und im Gegensatz zu seinen aufgrund der forcierten Ironie nahezu unlesbaren Essays in Die Tocotronic Chroniken (2015) ist das neue Buch stilistisch hervorragend geschrieben. Pop erzählt die Geschichte der guten wie schlechten Gegenwartsmusik, wie sie sich während der letzten 15 Jahre von Freiwild und Justin Bieber bis zu Kelela und Kode9 entwickelt hat.

Balzer entwickelt eine veritable
Theorie der Genese von Pop-Musik im 21. Jahrhundert.

Wer davon wenig Ahnung hat, wird über den Stand der Dinge in Sachen Pop expertenhaft informiert. Aber selbst jene, die sich gut auskennen, können viel von Balzer lernen. Er vermag nicht nur erstaunliche Verbindungen aufzuzeigen zwischen völlig entgegengesetzten Künstlern (wie Unheilig und Lana del Rey oder Rammstein und Helene Fischer), er entwickelt ebenso eine veritable Theorie der Genese von Pop-Musik im 21. Jahrhundert. Diese führt vom Niedergang des männlichen Gitarrenrocks (Strokes, Libertines) zur zunehmenden Dominanz von Musikerinnen (von Amy Winehouse und Adele bis zu Holly Herndon und FKA Twigs). Anhand der Lärmartisten Sunn O))), der vollbärtigen Neo-Folker oder der postheroischen Protestmusik von Kendrick Lamar zeigt Balzer, wie diese Entwicklung nicht zuletzt die Geschlechtermatrix der heutigen Poplandschaft prägt, in der nihilistische Feministinnen auf männliche Ingenieure des Selbst treffen, irgendwo im weiten kulturellen Feld, das sich von Hauntology bis Retromania, und von der Mercedes-Benz-Arena bis zum Berghain erstreckt. Das beste Pop-Buch des Jahres (bisher).

Diese und weitere Literaturkritiken erscheinen in der Printausgabe SPEX N° 370 – ab dem 11.8. hier versandkostenfrei bestellbar, ab dem 18.8. auch am Kiosk.

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