»Na, wollt ihr einsteigen?«

Als am vergangenen Freitag die Nachricht des »Luna Land Berlin«-Open-Airs die Runde im Internet machte, glaubte man kurz an einen guten Witz: Ein schlagkräftiges Techno-, House- und Disco-Line-Up mit u.a. Tiefschwarz, Matthew Jonson, Sammy Dee, Jamie Jones und Sis, vergleichsweise günstiger Eintritt in einen seit acht Jahren geschlossenen Vergnügungspark in Berlin gleich am nächsten Wochenende – das konnte nur ein Scherz sein. Es war kein Scherz.


Foto: CC | Sebastian Kippe / Flickr

    Im Spreepark Berlin, dem spätestens mit dem Dokumentarfilm »Achterbahn« bekannt gewordenen, vor sich hin rottenden Vergnügungspark im Berliner Plänterwald, findet am kommenden Samstag bis Sonntag das »Luna Land Berlin«-Open-Air statt. Im Interview erklärt Jenny Tan, Kreativdirektorin der Booking- und Event-Agentur Minimoo, wie es zu dem »Luna Land Berlin« kam, was man vor Ort erwarten kann und vor allem, warum das nichts mit Duisburg zu tun hat.

 

Wer sind Minimoo und was brachte euch letztlich nach Berlin?
    Wir haben im Jahr 2006 in New York begonnen, Parties zu organisieren. Damals war Minimal Techno zwar sehr beliebt, aber entsprechende Parties fanden äußerst sporadisch statt. Dazu kamen die schwierigen Situationen in den New Yorker Clubs, die alle nur Ausschankgenehmigungen bis vier Uhr hatten und dementsprechend früh schlossen. Wir merkten auch relativ schnell, dass sich Wochenends keine Parties aufdrängten. Und an einem bestimmten Punkt meinten wir dann: Wir sind zwanzig Leute, jeder kennt fünf andere, dann organisieren wir jetzt eben was. So ging alles an: Die Parties sind organisch gewachsen, wir haben nie Promotion gemacht, hatten eine Mailing-Liste – mehr nicht. In New York organisierten wir dann rund zwei Jahre lang regelmäßig die Minimoo-Parties, bis schließlich auch viele andere Party-Reihen etablierten. Die gesamte New Yorker Szene hatte damals ein gewisses Momentum, weshalb wir uns dann dazu entschlossen, zunächst ein großes Festival und schließlich Veranstaltungen in One-Off-Locations in anderen Städten zu veranstalten: Neben New York veranstalteten wir in Miami, Los Angeles, London, Paris und Rom, außerdem in der Sinai-Wüste und einer Lagune am roten Meer. Dadurch, dass sich die Orte immer änderten, sind wir was Event-Produktion angeht viel erfahrener als es vielleicht ein Club-Promoter wäre.

Wie kam es schließlich zu der Entscheidung, ein Open Air im Spreepark Berlin auszurichten?
    Seit April letzten Jahres habe ich wieder viel Zeit in Berlin verbracht – allerdings nicht mit dem Wunsch, hier etwas zu organisieren. Berlin ist wohl die einzige Stadt auf der Welt, in der man das Gefühl haben kann, einfach nur Konsument sein zu können. Die Stadt ist schließlich – was Clubs angeht – sehr gesättigt. Im Laufe des letzten Jahres kam ich schließlich bei einem Spaziergang mit meiner Mutter am Spreepark vorbei, der Ort erinnerte mich sofort an eine unserer früheren Locations aus den USA. Ich kannte die Geschichte des Spreeparks zwar nicht, aber dieser verlassene Ort mit dem Riesenrad und den alten Fahrgeschäften hat mich doch sehr interessiert. Wir überlegten uns also dort, spontan durch ein Loch im Zaun einzusteigen, entschieden uns dann aber glücklicherweise dagegen: Einige Meter später kam uns ein Auto entgegen, wurde langsamer, hielt an und aus dem offenen Fenster kam die Frage: »Na, wollt ihr einsteigen?«

»Nein, nein, Sie sehen ja: meine Mutter …«
    Sie war völlig empört! Auf meine Frage an den Fahrer des Wagens, an wen man sich denn wegen Veranstaltungen auf dem Gelände richten müsse, antwortete dieser: »An mich.« Letztlich war das ein Glücksfall, auf diese Art mit dem richtigen Ansprechpartner in Kontakt zu stehen. Der Spreepark faszinierte mich seitdem noch mehr: Ich habe mich viel umgehört, mir Fotos angesehen und mich mit der Geschichte des Parks beschäftigt. So geht es sicherlich vielen Berlinern.


Foto: CC | CBS_Fan / Flickr

Im Jahr 2002 wurde der Spreepark nach der Flucht des damaligen Betreibers Norbert Witte geschlossen, bis November 2009 gab es dort zwar noch öffentliche Führungen – aber die Fahrgeschäfte werden natürlich nicht mehr genutzt, das Gelände rottet vor sich hin, ist verwachsen. Wie ist der generelle Zustand des Spreeparks?
    Es ist ja nicht so, als sei dort seit 2002 gar nichts geschehen. Seitdem sind dort immer wieder Arbeiten verrichtet worden, sonst wäre dort in acht Jahren wirklich alles zugewuchert. Über die Zeit hat dort auch viel Vandalismus stattgefunden, selbst in den letzten Wochen wurden noch Fensterscheiben eingeworfen. Unter regulären Bedingungen ist das Gelände wegen der enormen Größe ja auch nur schwer per Wachdienst zu sichern – darüber müssen wir uns keine Sorgen machen, wir werden ausreichend Personal vor Ort haben. Aber wir müssen sehr viel sichern und vor allem davon ausgehen, dass die Gäste sind wie sie sind – gerade jetzt, wo man soviel davon hört und das Gelände natürlich auch erkunden will.

Was auch an dem Umstand einer Feier-Veranstaltung liegt …
    Darauf sind wir eingestellt. Natürlich dachte man auch an Duisburg, aber hier sind die Bedingungen ganz andere: Es geht hier nicht um die Menschenmasse oder Tunnels, sondern das Menschen irgendwo draufklettern und fallen könnten. Das haben wir abgesichert. Zudem benutzen wir nicht den ganzen Park, der fasst ja 25.000 Leute. Die Achterbahn und ähnliche große Fahrgeschäfte sieht man zwar, aber man kommt nicht ran. Alles andere wäre uns zu gefährlich. Die Aufräum- und Herrichtungsarbeiten laufen nun seit einer guten Woche, aber den Charakter des runtergekommenen werden wir natürlich nicht völlig abstellen.

Es gibt in Berlin schon eine große Sättigung an Veranstaltungen abseits der Clubs, sprich über Open-Airs, Festivals und andere Veranstaltungen mit elektronischer Musik. Wie schätzt ihr das »Luna Land Berlin« gerade im Hinblick auf die kurzfristige Ankündigung ein? Mit wievielen Leuten rechnet ihr auf dem Gelände?
    Nun gut: Was Clubs angeht ist Berlin tatsächlich nahezu gesättigt. Aber Veranstaltungen, die besonders auch außerhalb der Nacht stattfinden, gibt es nun nicht so viele. In Sachen Eventproduktion außerhalb der Clubs sehe ich noch viel Bewegungsfreiraum. Wenn jetzt in Berlin jedes Wochenende Open Airs mit knapp 4000 Besuchern wären, hätten wir uns das noch einmal überlegt. Dazu kommt, dass die größeren Veranstaltungen abseits der kleinen Open Airs für Außenstehende nicht so aussehen, als stecke viel Wert im Detail. Das werden wir natürlich anders angehen. Was die Besucherzahlen betrifft: Musik ist natürlich das Eine. Natürlich ist Berlin sehr programmverwöhnt, aber wir haben ein sehr gutes Line-Up zu bieten. Auf der anderen Seite wird für viele ausschlaggebend sein, dass die Veranstaltung im Spreepark stattfindet. Wenn das Wetter gut ist, rechnen wir mit einigen tausend Besuchern. Wir haben auf jeden Fall genügend Platz, sagen wir’s so. Und um es noch deutlich zu sagen: Wir haben alle Genehmigungen so beantragt und ausgestellt bekommen, dass es Spielraum nach oben gibt.


Foto: CC | Till Krech / Flickr

Nun gab es in den letzten Tagen neben aller Begeisterung für das »Luna Land Berlin« auch Kritik, dass nach dem Tiergarten zur Loveparade nun auch der Spreepark vollgerockt wird. Gab es bestimmte ökologische Auflagen zur Veranstaltung oder spielten diese für euch eine besondere Rolle?
    Mich wundert diese Kritik natürlich schon: Das Gelände war einmal ein Vergnügungspark, jahrzehntelang. Kein Park, kein Naturschutzgebiet, da waren pro Jahr 1,5 Millionen Besucher. Heute hat sich daran wenig geändert. Wir arbeiten innerhalb der Struktur der Natur, denn sie macht den Charme des Geländes aus. Unsere Bühnen stellen wir nicht auf Rasenflächen, sondern auf gepflasterte bzw. asphaltierte Flächen. Natürlich sprachen wir mit dem Umweltamt, die auch zur Besichtigung erschienen und alles genehmigten. Die haben keine Biotope, geschützte Bäume oder ähnliches erkennen können, sondern uns im Gegenteil Baumpflege aufgetragen. Zudem muss man sagen, dass es auch niemandem nützt, wenn man dort nicht veranstalten würde: Alle haben Interesse, den Spreepark zu sehen – nur können sie es nicht. Zum anderen soll mit dem Gelände ja auch etwas passieren. Ich möchte mich da nicht in die interne Politik der Stadt einmischen, aber natürlich soll dort mittelfristig etwas geschehen. Dafür muss man aber zunächst auch zeigen, was dort gemacht werden kann. Ich glaube, dass wir mit dem »Luna Land Berlin« dann auch einen Impuls geben können, um zu zeigen, wie der Spreepark als Kulturgut genutzt werden kann. Umzäunt nützt es niemandem …

Das klingt, als liege der Veranstaltung auch ein entsprechender philosophischer Aspekt zu Grunde …
    Hätten wir dieses Gelände nicht bekommen, hätten wir gar nichts veranstaltet. Der Ort war ausschlaggebend, so war das bei allen unserer bisherigen Veranstaltungen. Zuerst kommt der Ort, dann die Veranstaltung.

Wie wird das »Luna Land Berlin« denn nun tatsächlich ablaufen?
    Wir möchten versuchen, den Lunapark als Wunderlandschaft zu reanimieren. Es wird hier und da Tänzer geben, außerdem werden wir auf dem Gelände thematisch unterschiedlich gestaltete Bereiche haben. Dazu kommen die drei unterschiedlichen Floors: Die große Bühne steht vor der Kulisse des Riesenrads, an der freigeräumten Stelle des im Winter eingestürzten Zirkuszelts steht eine große runde Manege vor einer Häuserkulisse. Dann gibt es noch den Disco-Floor, eine vom Wald eingerahmte alte Zugstation. Außerdem wollen wir das Ganze nostalgisch dekorieren, die Idee ist schließlich, den Besuchern viel zum entdecken zu geben: Jongleure, Dosenwerfen, Ringwurf, Zuckerwatte, Paradiesäpfel, geröstete Mandeln … Wir haben zwar Würstchen und anderes Junk-Food, daneben aber auch gutes, frisch zubereitetes Essen. In der Nacht nutzen wir die große Requisitenhalle – die natürlich von Statikern geprüft wurde. Es wird ein Feuerwerk geben, das wir von einem Hügel aus auch weit nach oben ziehen können. Das sollte über dem Spreepark ziemlich gut aussehen.

 

Tickets für das »Luna Land Berlin«-Open-Air sind noch bis Freitag per Vorbestellung für 16€ erhältlich, an der Abendkasse kostet der Eintritt 20€, Tickets berechtigen zum Wiedereintritt. Wir verlosen 2 mal 2 Tickets, schickt uns dazu bis Freitag, den 27.08., 17 Uhr eine E-Mail mit dem Betreff »Luna Land Berlin« sowie eurem vollen Namen an gewinnen@spex.de, die Gewinner werden anschließend von uns benachrichtigt.

Luna Land Berlin:
28./29.08. Berlin – Spreepark im Plänterwald (Eintritt 16€ VVK / 20€ AK)
mit Tiefschwarz, Jamie Jones, Matthew Jonson (Live), M.A.N.D.Y., Âme, Pan-Pot, Sis, Samy Dee, Barem, Lee Curtiss, Ryan Crosson, Sasse, Laps (Digitaline) (Live), Exercise One (Live), Luna City Express, Afrilounge, Rebekah Aff, Andrea Fiorito, Marc Schneider, Kabuto & Koji, Jorge Savoretti, Andrea Ferlin, Beaner, Memek, Jonny Cruz, DJ Red, Karol, Brett Johnson, DJ Kaos, Hugo Capablanca, Dima, Malice & Jessicat, Crystalmafia

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