Jenny Lee »Right On!« / Review

Zweifellos ist das Musik zu der man sich bewegen kann, im Sinne von hin und her pendeln zum Beispiel, Gymnastik machen, ausgiebig laufen. Musik zum Tanzen ist das trotzdem eher nicht, höchstens für die Before-Work-Party oder die Engtanzrunde danach.

Wer die Musik von Warpaint mag, wird das Solodebüt ihrer Bassistin Jenny Lee Lindberg sicher auch gerne hören. Ähnliche Atmosphären, verträumte, hypnotische Songs, die mit den Mitteln von Rock einen entrückenden Sog entfalten. Und doch ist es eine ganz andere Instrumentierungswelt, die sich auf Right On! offenbart, eine andere Energie, die sich beinahe im Geheimen breit macht. Lindberg hat das Album in zweieinhalb Monaten gemeinsam mit ihrem langjährigen Weggefährten Norm Block produziert; Warpaint-Schlagzeugerin Stella Mozgawa ist dabei, ebenso Dan Elkan von Them Hills und Broken Bells.

Die Legende besagt, dass Jenny Lee Lindberg sich im Alter von 19 Jahren für den Bass entschied, weil sie Musik machen wollte, zu der man sich bewegen kann. Ihre Liebe zum Viersaiter treibt hier neue Blüten: Der Bass ist nicht nur das alles dominierende Instrument, man merkt den Songs vor allem an, dass sie sozusagen von unten her gedacht und geschrieben wurden. Wobei Lindberg beim Songschreiben den Bass wie eine Gitarre benutzt. So entsteht eine flächenhafte Musik. Man würde annehmen, dass es bei einem derartigen Disco-Ansatz – es soll tanzbar sein, alles soll sich um den Bass drehen – vor allem um rhythmische Spielereien und Dynamik ginge. Aber nein! Die Mitglieder von Warpaint wussten schon immer zu verblüffen. Sie müssen irgendwann in einen psychedelischen Brunnen gefallen und auf der anderen Seite als erleuchtet-erfahrene und schwebende Zeitenwandlerinnen wieder herausgekommen sein. Die Basslinien auf Right On! wirken wie lange, urbane Spaziergänge. Sie bilden die Grundierung für die anderen Instrumente – hier eine Sonic-Youth-Gitarre, da ein sprödes Schlagzeug –, die aber immer nach kurzer Zeit wieder abbrechen und wie Farbkleckse auf diesem Teppich aus Basswärme und Gesang auftauchen. Die verschwörerische Stimme Lindbergs, hell und dunkel zugleich, fügt sich wunderbar in den düsteren Dream-Pop, den sie hier aufführt.

Zweifellos ist das Musik zu der man sich bewegen kann, im Sinne von hin und her pendeln zum Beispiel, Gymnastik machen, ausgiebig laufen. Das Coverfoto spricht Bände: Es zeigt, wie die Bassistin und Sängerin den Kopf nach unten hängen lässt, sodass alles loslässt und die eingeatmete Luft den Rücken weitet. Eine rosa Perücke wirbelt mit. Musik zum Tanzen ist das trotzdem eher nicht, höchstens für die Before-Work-Party oder die Engtanzrunde danach. Mehr Dynamik, mehr von dem spannenden Instrumenten-Pingpong Warpaints, mehr Hooklines und Höhepunkte hätten den Liedern sicher gut gestanden. Ein Stakkatobass wie auf »Boom Boom« macht noch keine Disco-Hymne. Geschmackssache sind auch die introspektiven, im Moment verhafteten Lyrics, die kaum Wahrheiten in sich tragen, die mehr als einen Menschen ansprechen, und daher wie introspektive Worthülsen daherkommen. Schade. Bergen lange urbane Spaziergänge denn nicht die Chance für besondere Beobachtungen, für Begegnungen und Katharsis? Trotzdem: schöne Platte.

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