Jenny Hval – Die Dekonstruktion der Banane

Foto: Dustin Aksland

Apokalypse, fertig, aus. Oder? Aber nicht doch, sagt Jenny Hval auf ihrem neuen Album Apocalypse, Girl. Die Norwegerin ist zwar direkt, ihrem Elektro-Pop muss man aber schon zuhören und hinterherdenken. Letzteres natürlich kingsize – das Feature aus SPEX N° 361.

Einer der faszinierendsten Aspekte der Videotelefonie ist, dass sie eine nicht vorhandene Intimität suggeriert. Nicht allein, weil sie weit entfernte Menschen auf den Bildschirm und in die Lautsprecher holt. Sondern weil es unmöglich ist, einander in die Augen zu schauen. Skype ist zum Medium aller Fernbeziehungen geworden, seinen entfremdenden Charakter kann es jedoch nicht ablegen. Jenny Hval ist allerdings gut darin, Intimität zu simulieren. In ihrer Literatur, ihrer Performance- und Multimedia-Kunst und vor allem in ihrer Musik geht es oft um Sehen und Gesehenwerden. Um Voyeurismus und Verlangen, um den male gaze und Einschreibungsmechanismen. Auf dem 2013 erschienenen Album Innocence Is Kinky thematisierte Hval detailliert und schlagkräftig das Panoptikum der Internetpornografie und der pornografischen (Selbst-)Inszenierung von Frauen. Von no-bodies spricht die Norwegerin angesichts der glatten, kommodifizierten Körper, die uns im Netz ständig begegnen. Die gesehen werden, ohne dass ihnen in die Augen geschaut wird.

Momentan sitzt Hval in einem New Yorker Hotelzimmer, hinter ihr steht die Tür einen Spalt offen. Als wolle sie sagen: Ich bin gleich weg, der nächste Fototermin steht an und anschließend das nächste Interview. Trotzdem fixiert sie intensiv den Bildschirm. Sie fragt nach dem Wetter in Berlin (grau), erzählt von dem in New York (grau) und gibt im Verlauf des Interviews überlegte, präzise formulierte Antworten. Die ehemalige Journalistin Hval weiß, wie Interviews funktionieren. Aber: »Ich will keiner dieser Menschen sein, deren Interviews besser sind als ihre Musik«, sagt sie zwischendurch mit australisch geprägtem Akzent, den sie sich aus ihrer Studienzeit dort bewahrt hat. Hval möchte anders gesagt kein palavernder no-body werden, ihre eigene Person und Kunst abgepackt und zitierbar verkaufen. Weil sie einerseits unbequem bleiben möchte, und andererseits Roland Barthes, dem sie auf Innocence Is Kinky einen Song gewidmet hat, zu gut gelesen hat. Es geht ihr weniger um den Tod des Autors, als vielmehr um die Geburt des Lesers.

»Verwirrung zu stiften, ist immer gut«, sagt sie und schaut eindringlich auf den Screen. Das ergibt hinsichtlich ihrer Musik so viel Sinn, weil es so widersprüchlich wirkt. Kaum eine Review, ein Artikel oder ein Interview in den letzten Jahren kam darum herum, sich an den ersten Zeilen der beiden Alben aufzuhängen, die Hval veröffentlichte, nachdem sie ihr Pseudonym Rockettothesky zugunsten ihres bürgerlichen Namens abgelegt hatte. Viscera eröffnete mit einer Masturbationsszene, Innocence Is Kinky mit dem Blick auf Paris Hiltons Sextape. Jenny Hval ist sehr gut darin, Intimität zu simulieren. Zu gut, um nicht missverstanden zu werden. »Wenn ich sage, dass ich mit meiner Musik auf Verletzlichkeit abziele, dann meine ich nicht meine eigene. Ich will dich als Hörer verletzlich fühlen lassen. Klar erzeugt meine Arbeitsweise viel Intimität. Aber ich bin überhaupt nicht daran interessiert, mich intim zu präsentieren.«

Apocalypse, Girl ist Hvals drittes und radikalstes Album. Einerseits in musikalischer Hinsicht. Zwar macht die Norwegerin immer noch Popmusik und schreibt umwerfend großartige Melodien, sie hat aber selten mehr Noise-Elemente verwendet. Produziert hat das Album Lasse Marhaug – ein Noisenik, der zwischen Free Jazz und Death Metal keinen großen Unterschied sieht. »Es ist mit Sicherheit das poppigste Album, an dem er je beteiligt war«, sagt Hval lachend. Nicht, dass die zehn Stücke auf Apocalypse, Girl poppig im gängigen Sinne wären. Als sie noch als Rockttothesky veröffentlichte, war die Hauptreferenz süßliche, abgründige Folk-Musik, im Laufe der Zeit erweiterte sich die Palette jedoch. Es wurde rockiger, es wurde elektronischer, es gab mehr Cut-up-Vocals und Geschrei zu hören. Bei Hval dröhnt und kracht, knistert und rauscht es seit Jahren, Apocalypse, Girl ist der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung.

Hval spielt heute das letzte Konzert ihrer USA-Tour, die sie zuerst als Opening Act für St. Vincent und dann für Perfume Genius absolviert hat. Konzert ist jedoch ein unzureichender Begriff. »Es ist unmöglich, das Album live zu spielen«, erklärt sie. »Deshalb bringen wir nur die Backing Tracks mit und lassen sie von einem DJ auflegen, der damit spielt und sie manipuliert.« Das steht im Gegensatz zur Performativität einer St. Vincent, die für alle nachvollziehbar ihre Gitarre bearbeitet. »Klar würde eine Indie-Band das nie machen. So eine Herangehensweise kennt man eher von jemandem wie Beyoncé. Aber wer Musik macht, muss alles ausprobieren – warum sollte ich Beyoncé das Monopol auf Playback überlassen?« Das limitierte Setup erlaubt Hval viele Freiheiten. »Ich interessiere mich eben mehr für die Performance als dafür, ein Instrument zu spielen. Instrumente sind beim Singen immer im Weg.« Mit Zia Anger hat Hval zudem eine Performerin an ihrer Seite, und die Videokünstlerin Annie Bielski trägt Visuals zur Show bei. Die mäandert nach Stimmung zwischen Humor und Brutalität, Konzert und Performance.

Was Apocalypse, Girl noch radikaler macht, ist die Tatsache, dass es Hvals bislang lyrisch subtil-direktestes Album ist. »Think big, girl, like a king / Think kingsize!«, skandiert sie im Opener Verse, die an ein Gedicht der dänischen Dichterin Mette Moestrup angelehnt sind. Wenige Minuten später singt sie emphatisch: »I’m free now / The battle is over / And feminism’s over / And socialism’s over«. Wer hier nicht richtig hinhört, verpasst vielleicht das »You say«, das davor zu hören ist. »So viele Menschen behaupten, dass der Feminismus seinen Zweck erfüllt hätte und jetzt over sei. Die Medien erzählen uns ständig, dieses oder jenes sei over. Das wird so oft über so viele Ideen gesagt, die es darauf anlegen, Menschen zusammenzubringen, um gegen Unterdrückung anzukämpfen. Ich wollte all diese Leute nehmen und sie mit Noise killen.« So endet »The Battle Is Over« mit dem krachendem Gedröhn eines Harmoniums, das Hvals dissoziatives Stimmengewirr zum Schweigen bringt.

Wer kingsize denkt, muss gerade auf die kleinen Dinge achten, sagt Hval. »Als Feministin habe ich mich immer mit den kleinen Dingen identifiziert und das als Strategie genutzt, mich vom Mainstream abzugrenzen. Diese Strategie ermöglicht es auch zugleich, sich mit bestimmten Dingen nicht auseinanderzusetzen.« Auch dass sich plötzlich eine offensichtlich christliche Symbolik durch ihr neues Album zieht, ist ein Novum und diesem Gedanken entsprungen. Zwar ist Hval, wie sie selbst sagt, im norwegischen bible belt aufgewachsen, explizite Erwähnung fand Religion in ihrer Arbeit jedoch nur selten. »Es war mir immer wichtig – aber ich habe es bewusst aus meiner Arbeit rausgehalten«, sagt sie. »Doch dann begann ich darüber nachzudenken: Ich wollte mit großen Gedanken arbeiten, warum also nicht große Worte verwenden?« Eines der größten Wörter, die Hval auf dem Album verwendet, steckt bereits im Titel. »Es geht nicht um eine tatsächliche Apokalypse, eher um eine kulturelle«, erklärt sie. »Kulturell betrachtet, ist die Apokalypse ein Macho-Ding. Anders in Lars von Triers Melancholia: Da geht es nicht darum, wie Bruce Willis die Welt rettet. Die Art, wie die Apokalypse jedoch sonst erzählt wird, ist stereotyp, lässt sie cool erscheinen.«

Hval selbst begegnet Machismen und Coolness mit einer Direktheit, die oft als Selbstaussage missverstanden wird. Ihr Humor wird darüber bisweilen verkannt. Zur Tour mit St. Vincent und Perfume Genius hat sie T-Shirts mit der Aufschrift »Soft Dick Rock« drucken lassen, sie und ihre Mitperformerinnen tragen Hüte aus Bananen. Die Banane ist eine leitmotivische Metapher auf Apocalypse, Girl. Ihr Auftauchen ist komisch, aber rätselhaft. Also, what’s with the bananas? Wieder wirft Hval einen durchdringenden Blick auf den Bildschirm. »That’s up to you!«, sagt sie entschieden. Schweigen, kurz, auf beiden Seiten. Die Autorin stirbt, der Leser kommt zur Welt. Dass es doch interessant sei, so ein offensichtliches Phallussymbol zu verwenden und damit Komik zu erzeugen, sage ich. Dass es viel über unsere Gesellschaft aussagt, wenn wir über einen plumpen dick joke lachen und keine Witze über Vaginas machen können. »Ja«, sagt sie. »Aber wenn du eine Banane schälst, hast du die Schale. Ist das keine Vagina?«, fragt sie. Schweigen, kurz, auf beiden Seiten. Okay, sage ich dann, das war jetzt eine Art von Apokalypse, also: eine Offenbarung. Dann lachen wir beide laut und lange. Wie Jenny Hval die Banane dekonstruiert, steht stellvertretend für das, was Apocalypse, Girl ausbreitet.

Auch Félix Guattari und Gilles Deleuze, dem sie ebenfalls einen Song widmete, hat sie nämlich gelesen, diese Fans des Komplexen und Kleinen. Und wer kingsize denken will, muss auf die kleinen Dinge achten, sich durch die Bedeutungsebenen schälen wie durch die Krachschichten von Apocalypse, girl. Plötzlich ertönt aus dem Off eine mahnende Stimme, die daran erinnert, dass wir nicht mal allein sind mit diesem vermeintlich intimen Gespräch. Jenny hebt zwei Finger, sie ist gleich weg. Der nächste Fototermin steht an und danach das nächste Interview. Wir sagen einander auf Wiedersehen, ohne uns dabei in die Augen zu schauen.

Dieser Text und viele weitere Features aus dem Popkultur-Kosmos sind in der Printausgabe von SPEX N° 361 erschienen, die wie alle Back Issues versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden kann.

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