Jede Menge Unannehmlichkeiten: Feature zum Kinostart von Inherent Vice

Reichlich Stoff für Kulturhistoriker, Psychologen und Wehrdienstverweigerer: P.T. Andersons Pynchon-Romanverfilmung Inherent Vice kommt heute in die Kinos.

Oscar Wilde sagte einmal, er liebe einfache Genüsse, weil sie die letzte Zuflucht des Komplizierten seien. Der Einsiedlerschriftsteller Thomas Pynchon macht sich zum selben Thema vermutlich seine eigenen Gedanken – eine Unzahl völlig unterschiedlicher, weit abschweifender Gedanken nämlich. Paul Thomas Anderson, der nun den 2009 erschienenen Pynchon-Roman Inherent Vice für die Kinoleinwand adaptierte, ist seltsam verschachtelten Verschleierungsplots gegenüber ebenfalls nicht abgeneigt, das hat er mit Kniffel-Film-Klassikern wie Magnolia oder The Master bewiesen. Anderson erklärte, man solle seinen neuen Film am besten gleich zweimal ansehen – nicht ohne anzufügen, dass ein Regisseur wohl seinen Job nicht vernünftig erledigt, wenn das nötig wird. Das klingt interessant – und alles andere als beruhigend. Und es deutet bereits an, womit man es bei Inherent Vice zu tun bekommt: mit jeder Menge Unannehmlichkeiten.

Doc Sportello, ein rehäugiger Detektiv und Hippie, der wohl einen isländischen Vulkan wegrauchen könnte, ist der ideale Begleiter auf diesem Trip der Absonderlichkeiten. Doc, mit traumwandlerischer Meisterschaft von Joaquin Phoenix gespielt, verspricht seiner alten Flamme Shasta (Katherine Waterston), einen verschwundenen Immobilienhai wiederaufzuspüren. Im Grunde lässt er sich aber einfach auf einer Peyotewolke durch Los Angeles treiben, von einer wirren Begegnung zur nächsten. Den historischen Kontext für die sich etwas qualvoll windende Story bilden die USA im Jahr 1970. Die Hippies müssen ihren hochtrabenden Idealismus aufgeben, nachdem die Subkultur durch Charles Manson und den Blutrausch seiner Family vergiftet wurde. Zeitgleich versucht das konservative Amerika wieder an seine Vormachtstellung in den Fünfzigerjahren, nach Ende des Zweiten Weltkriegs und vor Vietnam, anzuknüpfen. Dieser Kulturkampf wird in Andersons Film von Bigfoot verkörpert, einem Polizisten mit absurd widersprüchlichem Wesen, den Josh Brolin grandios und mit reichlich Augenzwinkern spielt.

Überhaupt kommt Anderson der aktuelle Hollywoodtrend oder, wie Filmproduzenten es ausdrücken würden: die ökonomische Notwendigkeit entgegen, so viele Stars wie irgendwie möglich für einen Film zu casten. Das passt hervorragend zu Pynchons literarischer Vorlage, und so bekommt Doc es mit einem ganzen Karussell an Charakteren zu tun, etwa mit einem umwerfend schmierigen Zahnarzt (Martin Short), mit einem flüsternden Saxofonisten (Owen Wilson) oder mit einer fantastisch frisierten Staatsanwaltsstellvertreterin (Reese Witherspoon).

Obwohl oder gerade weil Anderson Erfahrung mit langen Einstellungen, skurrilen Wendungen und unorthodoxen Drehmethoden hat, bekommt das Publikum wenig Gelegenheit, sich emotional auf das Setting einzulassen. Andersons Filme rufen unweigerlich ein breites Spektrum unterschiedlichster Reaktionen hervor, und Inherent Vice wird da bestimmt keine Ausnahme machen. Der Film wird zu Recht ausgiebig diskutiert werden. Er bietet reichlich Stoff für Kulturhistoriker, Psychologen und Wehrdienstverweigerer. Trotzdem reichen zweieinhalb Stunden nicht aus, um die komplexen Themen und Charaktere eines Pynchon-Romans auszuleuchten – was Anderson selbst durchaus eingesteht. Doch ohne rechten Spannungsbogen und ohne sinnstiftende Orientierungspunkte fühlt man sich vom Regisseur immer ein wenig im Stich gelassen. Soviel sei noch verraten: Sollte das Sequel Hot Tub – Der Whirlpool ist ’ne verdammte Zeitmaschine II normalerweise eher Ihr Fall sein, dann werden Sie bei Inherent Vice ganz schön im Dunkeln tappen. Falls nicht: Schauen Sie sich den Film zweimal an, oder besser noch: Lesen Sie das Buch.

Inherent Vice
USA 2014
Regie: Paul Thomas Anderson
Mit Joaquin Phoenix, Katherine Waterston, Josh Brolin, Reese Witherspoon u. a.

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