Jay-Z „4:44“ / keine Review

Jay-Z veröffentlicht mit 4:44 sein 13. Album – exklusiv auf seinem eigenen Streamingdienst. Gehört haben wir es (noch) nicht. Denn auch so ist klar: Der Rap-Mogul ist aus der Zeit gefallen. Wir bringen keine Album-, sondern eine Manöverkritik.

4:44 ist ein Umbruch, ein Meisterwerk, das wichtigste Album seit Jahren, kein Weg führt daran vorbei. Zehn brandneue Tracks des besten Rappers aller Zeiten, die seinen Status mehr als untermauern. Beats, Texte, Haltung – alles vom Feinsten und mehr!

So oder so ähnlich dürfte Shawn Carter alias Jay-Z sein 13. Album vor ein paar Monaten beim amerikanischen Mobilfunkanbieter Sprint beworben haben. 200 Millionen Dollar hat das Unternehmen jüngst in Carters Streamingdienst Tidal investiert – und ihn damit auf einen geschätzten Wert von 600 Millionen gehievt. Es liegt nahe, dass Carter bei diesem Deal ein neues Album als Verhandlungsmasse mit auf den Konferenztisch gepackt hat. Immerhin ist 4:44, nimmt man kleine und große Skandale einmal aus, seine erste musikalische Wortmeldung seit dem 2013 erschienenen Album Magna Carta … Holy Grail. Und damit ein guter Grund für einen Anbieterwechsel zu Sprint. Sagt zumindest Carter. Dann bekommt man nämlich nicht nur sechs Monate Tidal umsonst, sondern auch noch 4:44 obendrauf.

Ob 4:44 nun Wort hält und entsprechend liefert? Wir haben keinen Schimmer. Denn wir haben keinen Tidal-Account. Dort ist das Album aktuell exklusiv zu hören, wie lange es dauert, bis es auch bei Konkurrenanbietern verfügbar ist, ist noch nicht klar. Bis dahin gibt es mundgerechte 30-Sekunden-Snippets von jedem Song, in ziemlich zweifelhafter Qualität allerdings, wie frisch vom 56k-Modem gezogen. Auf dem Eröffnungsstück „Kill Jay-Z“ geht es um die Hater und eine vermeintliche Hexenjagd gegen Carter, aber auch Momente des Zweifels lassen sich erahnen. Frank Ocean ist dabei. Der Titeltrack „4:44“ scheint eine Art Entschuldigung für Carters buntes Treiben gegenüber Ehefrau Beyoncé Knowles zu sein, die auch persönlich ihren Teil beiträgt, auf „Family Feud“, das pflichtschuldig schwelgt: Alles nix wert, wenn die Familie kaputt ist. 4:44 als Antwort auf Beyoncés bahnbrechendes Abrechnungsalbum Lemonade? Gut möglich, wenn auch eine auf den ersten Blick eher schwachbrüstige Antwort.

Musik als gutes argument für einen fetten vertrag

Aber mehr braucht es nicht. Auch mit nur 300 Sekunden Musik wird die wichtigste Botschaft klar: Für Jay-Z ist Musik hauptsächlich ein Mittel, um seine anderen Geschäfte anzuschieben. Der Deal mit Sprint folgt einem klaren Muster. Schon das 2009 erschienene The Blueprint 3 war im Grunde nur ein gutes Argument für ein Paket, das Carter mit Live Nation geschnürt hatte. 150 Millionen US-Dollar zahlte das Medienunternehmen damals für exklusive Live- und Musikrechte. Magna Carta … Holy Grail? Kam für fünf Millionen Dollar gratis mit einer Wagenladung Samsung-Telefone auf die Ohren der Hörer. Musikalisch waren diese Alben Ausschussware. Sein letztes relevantes Album veröffentlichte Carter mit The Black Album 2003. Gelohnt haben dürfte es sich trotzdem.

Das Problem: Exklusivität als vermeintliche Retterin der Musikbranche ist längst überholt. Einer der größten Popstars unserer Zeit, Drake, fiel damit vor zwei Jahren fast auf die Nase. Sein viertes Album Views gab es zunächst nur bei Apple Music – wo es einen schweren Start hatte. Erst als es eine Woche später bei sämtlichen Diensten zu haben war, ging es durch die Decke. Konsequenterweise veröffentlichte Drake in diesem Jahr mit More Life ein gänzlich an den Streamingmarkt angepasstes „Mixtape“, von vermeintlicher Exklusivität keine Spur mehr.

Das hat handfeste Gründe. Denn gerade die flächendeckende Verbreitung von Streamingdiensten kommt der Industrie und damit auch den Künstlern zugute. Sie schiebt dem größten Problem der Branche einen Riegel vor: den illegalen Downloads, die in den vergangenen 15 Jahren rund 40 Prozent ihres Gewinns auffraßen. Zwar wurde Streaming zu Beginn als finaler Nagel im Sarg des Musikmarkts gesehen. Doch mittlerweile erweist es sich als ungeahnter Segen. 112 Millionen zahlende Hörer verzeichnen die einschlägigen Anbieter derzeit – bei einem Preis von meist rund 10 Dollar pro Abonnement. Das führt dazu, dass der Dachverband der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) heute von einem „historischen Wendepunkt“ spricht: Erstmals seit einem guten Jahrzehnt sei der Gewinn der Branche im Jahr 2016 wieder gestiegen – um satte 5,9 Prozent, so die IFPI. Das entspricht laut dem britischen Guardian einem Gesamtumsatz von 15,9 Milliarden US-Dollar.

Jay-Z setzt mit seiner Vermarktungstaktik hingegen ein anderes Zeichen. Dass er seine Musik und am Ende auch seinen Streamingdienst bestmöglich vermarkten möchte, mag aus unternehmerischer Sicht nur logisch sein. Doch indem er sie hinter einem Abo-Riegel versteckt, schadet er letztendlich der Branche – und damit sich selbst. Die meisten Hörer haben sich längst für einen Dienst entschieden und werden sich kaum ein zweites Abonnement zulegen. Jay-Z dürfte das trotzdem nicht besonders jucken. Ihm geht es nicht um seine Branche und auch nicht um die Musik – sondern um die eigene Tasche. Übel nehmen kann man ihm das nicht. Aber 4:44 steht tatsächlich für einen Zeitenwandel: Es könnte das endgültige Ende dieser Art der Vermarktung markieren.

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