Jay-Jay Johanson Opium

Wenn Jay-Jay Johanson singt »Be Yourself«, fragt man sich: wer oder was könnte ich zu sein vorgeben? Du? Superheld? Abschussrampe? Der Pastiche-Pop auf Opium ist für den Hörer schwer zu fühlen, gerade weil sein Interpret es im Übermaß tut.

»So Tell The Girls That I Am Back In Town« von Jay-Jay Johansons Debütalbum Whiskey aus dem Jahr 1996 war, wir erinnern uns, eine tolle Sache: In bemüht übertriebenem Schmalz-Timbre croonte der Künstler seine Herzschmerz-Machoballade zu einer Instrumentalbegleitung, deren sorgsame Portishead-Pastichisierung nur scherzhaft gemeint sein konnte. Alles an diesem Lied schien bewusst völlig verlogen und billig und wirkte ein wenig wie eine Musikeinlage aus einem Almodóvar-Film: in lustiger, schöner, trauriger Manier grotesk.

Bei Johansons weiteren Veröffentlichungen wurde allerdings klar, dass dieser Mann das alles richtig ernst meinte, dass er also im direkten, den Weg über melancholische Ironie aussparenden Sinne Herzensdinge auszudrücken gedachte, dass er alles wirklich fühlte und so weiter. Au weia! Das aktuelle Album Opium ist keine Ausnahme. Selbst wenn Johansons Scott-Walker-light-Bariton immer noch einwandfrei resoniert und das ausnahmslos generische Songwriting durchaus passabel ist, selbst wenn die TripHop-Pastiches noch genauso detailgenau vor sich hintrippen und -wummern und die Easy-Listening-Akkordfolgen professionell arrangiert sind, fällt es schwer, diesem Album viel abzugewinnen. Wie so oft im Pastiche-Pop – und welcher Pop ist noch etwas anderes? – fällt es als Hörer schwer, ihn wirklich zu fühlen, gerade weil es der Interpret tut.

Was nicht zuletzt an den Texten liegt. »Be Yourself«, rät etwa ein Liedtitel – wer oder was sollte ich sonst zu sein versuchen? Du? Silberschmied? Paraguay? Johansons ehrlich bewegter Vortrag des Liedes lässt uns spüren, dass er die uralte Popweisheit, derzufolge nur auf die Weisung »Don’t be yourself!« emotional aufregende Momente entstehen – wer oder was könnte ich zu sein vorgeben? Du? Superheld? Abschussrampe? –, entweder nicht verinnerlicht hat oder provokant in Frage stellen möchte – was, gelinde gesagt, nicht gelingt.

Natürlich lässt sich mit Banalität auch provozieren. Hier aber, mit oder trotz Textzeilen wie »You and I we’re very different / Very indivual«, bleibt sie vor allem: banal. Trotz oder aufgrund geschmackssicherer Spät-Neunziger-Coffee-Table-Gastproduktion der langjährigen Johanson-Kumpels Funkstörung. Trotz der ebenso geschmackssicheren Referenzen an Filmsoundtracks der Sechzigerjahre. Es wird sich gelangweilt, ohne dass sich darüber geärgert wird und ohne dass mit der Akzeptanz der Langeweile kokettiert würde. Der Künstler fühlt es, und wir nicht. Oder, wie es Johanson im Eröffnungsstück »Drowsy / Too Young To Say Good Night« Mundharmonika-unterstützt intoniert: »We’re not hungry anymore.«

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