Jane Weaver „Modern Kosmology“ / Review

Versatiles Songwriting und ausgeprägter Pop-Gestus: Jane Weavers Retrofuturismus ist fest im Jetzt verankert.

Vor uns eine weiße Leinwand. Ein Kosmos, der darauf wartet, gefüllt zu werden. Pulsierende Bassanschläge markieren erste Umrisse. Über der Skizze verläuft langsam Jane Weavers silbern reflektierende Stimme: „Disparate lines / Caught into connection“, singt sie. Drum-Kleckse schlagen aus, Moog-Synthie-Spiralen wirbeln herum, und nach wenigen Sekunden explodiert das psychedelische Bild in alle Richtungen, in alle Farben und alle geometrisch denkbare Formen. Es ist kein Zufall, dass der Opener „HAK“ von Jane Weavers sechstem Soloalbum einer der Pionierinnen abstrakter Malerei, Hilma af Klint, gewidmet ist. Überhaupt klingt Modern Kosmology wie die sonische Übertragung der von der patriarchalen Geschichtsschreibung an den Rand gedrängten Künstlerin. Und ihrer in Okkultismus und Kosmologie vertieftem Versuch der Sichtbarmachung des Unsichtbaren.

Weavers Klangutopien flehen danach, sich in ihnen niederzulassen.

Seit ihre erste, 1995 aufgelöste Band Kill Laura in der männlich dominierten Musikindustrie auf Granit biss, versucht Weaver mit ihrer Musik die Erwartungen an weibliche Künstlerinnen zu durchbrechen. Ob mit Bands wie Misty Dixon oder seit 2002 auf Solopfaden: Es geht der Musikerin aus Liverpool darum, Gerechtigkeit zu schaffen – und nebenbei übergroße, mystische Psych-Folksongs zu schreiben. Ihrer Liebe zu Space Rock und experimenteller elektronischer Musik ging Weaver bereits mit dem Vorgänger nach, ihrem hochgelobten Konzeptalbum The Silver Globe.

Modern Kosmology knüpft nun genau dort an. Einflüsse wie Amon Düül, Broadcast und Can sind offensichtlich. Deren erster Sänger Malcolm Mooney steuert gar ein Space-Age-Spoken-Word-Versatzstück in „Ravenspoint“ bei. Umrahmt wird Weavers versatiles Songwriting allerdings von einem ausgeprägten Pop-Gestus, der ihren Retrofuturismus im Jetzt verankert. Ihre Klangutopien flehen danach, sich in ihnen niederzulassen, so schön muten sie an, so verlockend rufen Weavers überwältigende Stimme und ihr opulenter, analoger Synthesizer-Chor. Und mit dem Outro, das dem Intro gleicht, einem kosmologischen Zirkelschluss, verschwinden die Bilder so schnell wie sie kamen. Vor uns steht wieder eine weiße Leinwand. Doch wir blicken ihr verändert entgegen.

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