Jamie xx In Colour

Jamie xx‘ Projekt heißt Empfindsamkeit: auf In Colour betrauert der Produzent nostalgisch die Verfallserscheinungen von Pop, während ihm dennoch ein zeitgenössischer Entwurf gelingt.

In Federico Fellinis Filmklassiker E la nave va von 1983 zählt eine blinde Prinzessin die Farben auf, die sie sieht, während das Orchester auf dem Luxusdampfer den Donauwalzer von Johann Strauss spielt. La Principessa ist mit einer besonderen Form der Synästhesie begabt, Töne und Klänge triggern eine farbliche Entsprechung. Auch Stimmen können das auslösen. Der Film spielt während des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs, der das Ende von Österreich-Ungarn und dem Deutschen Kaiserreich bedeuten sollte. Aber auch die Wiener Klassik und die europäische Kultur des empfindsamen 19. Jahrhunderts wurden Geschichte. Die feinsinnige Schiffsgesellschaft ahnt das bei Fellini. Die Dirigenten, die Sängerinnen und Sänger, die Adligen hören es in der Musik. Sie sehen es auch. Synästhesie wird zum Bild intensiver, prophetischer Wahrnehmungskraft. Die Prinzessin, gespielt von Pina Bausch, dem deutschen Weltstar des Tanztheaters, hat den letzten Walzer des alten Europa in eine RAL-Farbtabelle übersetzt.

Das Debütalbum von Jamie xx heißt nun In Colour. Fellini ist tot, auch Pina Bausch weilt nicht mehr unter uns. Aber Jamie Smith, wie der Produzent von The xx, DJ und Abgänger einer guten Schule bürgerlich heißt, ist ein Echo auf die Kunst der Ahnung. Der Albumtitel und das Cover fächern die RAL-Farbpalette auf. Phil Lee, der Designer der xx-Gestaltung, wird spektral. Die bisherigen Videoclips zum Album wie »Sleep Sound« oder »Loud Places« sind Übungen in Reizentzug, Achtsamkeit und Intensivierung – mal fehlt der Ton, dann das Licht, meistens die Farbe, um dann alles umso voller reinzudrehen wie den Bass in ein Club-Brett. Und die Musik schließt die feinen Nerven an die Maschine der britischen dance culture an, die melancholischen Stimmen, Harmonien und Samples erklingen in einem Raum der Geschichte. Denn soviel wissen wir von diesem Wizard, der 2011 ein famoses Remixalbum von Gil Scott-Herons Spätwerk I’m New Here produziert hatte und es We’re New Here nannte: Der junge Künstler ist ein eifriger Student der Populärmusik.

Wenn dieses Album etwas vorausfühlt oder bereits betrauert wie Fellinis Sänger, dann ist es das Verschwinden seines Gegenstandes: Popmusik als herkunftsüberschreitende Praxis jenseits gefühlsoptimierender Playlisten und überregulierter Großanlässe. Jamie xx betrauert mit In Colour nostalgisch die Verfallserscheinungen von Pop, während ihm dennoch ein zeitgenössischer Entwurf gelingt. Dasselbe könnte man auch über die Geistermusik der vergangenen Jahre sagen, die allerdings nur in Nischen zu hören war (Hauntology, Post-Dubstep oder Witch House). Aber Jamie xx spannt den Bogen zwischen Verfeinerung und Pop-Appeal weiter – im Vergleich dazu ist James Blake Avantgarde, sind Disclosure Retrokirmes (beide nebenbei bemerkt von mir sehr geliebt). Und die Verheißungen von Sam Smith oder Jessie Ware, diese Sounds in die Hitparaden zu posaunen, klangen mit der Zeit doch nur wie Whitney Houston. In Colour schwebt woanders und verhält sich vergleichsweise leise.

Der Track, der das Trauerprogramm laut anspricht, fehlt bezeichnenderweise. »All Under One Roof Raving« erschien im Sommer 2014 als Single und beschwört das britische Hardcore-Kontinuum – Jungle und Hardhouse tauchen in gesampelten Dialogen explizit auf. Vielleicht hat diese Ode an die Vergangenheit den Kern des Projekts zu direkt benannt und das Rumpelstilzchen zur Raserei gebracht. Die anderen Single-Songs vom letzten Jahr wie »Girl« und »Sleep Sound« sind jedenfalls auf dem Album zu hören.

Man findet die Nostalgie natürlich auch so, in der Musik. Unter »Girl« pluckert etwas, das wie ein Rickenbacker-Bass aus den Sechzigerjahren klingt, während Posaunen, Tuben und Trompeten den Glamour eines Bond-Soundtracks zitieren. Doch es geht um ein Girl aus Hackney, einem Viertel Londons, in dem die Armut karibischer Migranten auf den relativen Reichtum der Hipster trifft. »I want your love«, verkündet ein Stimmsample, Höhenfilter und Tonhöhenregler übernehmen in diesem runtergepitchten house of love, alle sind willkommen. Sogar Papi, mit dem man Pillen teilt, wie Popcaan und Young Thug im raggafizierten Soul von »I Know There’s Gonna Be (Good Times)« rappen. Immer wieder hört man auf diesem Album Gelächter, Dialoge, Party, den Sound eines Stadtviertels.

Unverfroren und darin auch laut wirkt In Colour in seinen Samples. »Loud Places« reproduziert im Refrain direkt »Could Heaven Ever Be Like This« von Idris Muhammad (1977). Aber so hart Jamie xx an die Samples ransegelt, so elegant kriegt er die Kurve zurück zum Projekt der Empfindsamkeit. Nie will die Musik mit toughness allein renommieren, nie verliert sie sich deswegen im narzisstischen College-Boy-Spiegel. Es geht darum, mehr im Blick zu behalten. Die Wahrnehmung zu schärfen. Wie die Gehörlosen aus Manchester, die im fantastischen Video zu »Sleep Sound« zur Musik von Jamie xx tanzen. Pop handelt von mehr als dem Gehörgang. Das Muhammad-Sample in »Loud Places« weiß das bereits: »I feel music in your eyes.«

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