Jamie T.

»A one man Arctic Monkeys« hat der so bekackte wie gleichermaßen beknackte NME Jamie T mal gescholten (was natürlich keineswegs als Schelte, sondern perverserweise als Lob/Ritterschlag/väterliches Wangengetätschel/Naschwerk in den Allerwertesten pusten gemeint war). Und damit zwar einerseits gründlich danebengelegen, aber derart andererseits ratzfatz auf das Eindrücklichste demonstriert, wie reibungslos doof der Aufbau für diesen gigantischen Genre-Schubladen-Domino-Day auf der Insel (und nicht nur dort) inzwischen funktioniert.
    In der Folge ließ sich niemand lumpen, und the boy Jamie wurde in kürzester Zeit von »Equal parts Joe Strummer and Dizzee Rascal« bis zu vermutlich »the storytelling lovechield of a Mike Skinner assf**d and impregnated by that ingenous ugly twat Doherty (attention: the name >Doherty< in this sentence is a free variable parameter for every storytelling songwriter in a – let’s say – Ray Davies tradition, and in this case is used to avoid the recital of too many bloody wankers like Paul Weller [the early one], Billy Bragg etc.)« durchgelabelt.
Gott sei Dank hatte der so »trefflich« Etikettierte derartigem Geschwätz die einzig richtigen Worte entgegenzusetzen: »Dah dee doo dahdah dee dah doo dah dah dah domdom dada domdom dom dadeeh dah doh dahdah dom (so move outta the way man)« (»If You Got The Money«).
Überhaupt, Worte. Lassen Sie sich die folgenden aus »Salvador« mal auf der Zunge zergehen: »From here to Salvador the ladies dance/to fill us reckless sons with passions from the heart« (für die, die Mädchen lieben), »… when I’m on the floor, all the boys they feel me, and old dear diary’s never been a friend of mine« (für die, die Jungs lieben), »A heart of gold/and a face so pale/with a second hand dress/and lips of temtress/bar stool banshee/howled out at me« (für uns alle). Na, schmeckt das salzig?
All die eingangs genannten Beispiele greifen vor allem deshalb zu kurz, weil sie Jamie T mehr (Arctic Monkeys) oder weniger (a bastard, mash-up, whatever, made up from A [attention: the A in this sentence is a free variable parameter for every storytelling songwriter in a – let’s say – Ray Davies tradition, and in this case is used to avoid the recital of too many bloody wankers like Paul Weller (the early one), Billy Bragg etc.] and B [attention: the B in this sentence is a free variable parameter for every guy who’s bastardizing different, especially black and white musical genres in a – let’s say – The Clash tradition, and in this case is used to avoid the recital of too many disrespectful bastards like The Specials, Mike Skinner etc.]) auf einen NextGen-Kitchensink-Poeten reduzieren, der so ganz nebenbei längst vom Pop via Punk kolonialisierte Versatzstücke ehemals schwarzer Musik über das Vehikel Storytelling endgültig dem Indie-Pop zuführt, wo sie dann auf ewig aus der Rezeption ausgeklammert werden.
Das wirklich Irre an Jamie T ist aber, dass es ihm (im Gegensatz zur SPEX, Friede ihrer Seele) gut und gerne an seinem schmalen weißen Mittelklasse-Arsch vorbeigehen kann, ob der nun von der grande nation der Indie-Schnösel annektiert wurde oder nicht (sollte es ihn irgendwann zu jucken beginnen, rupft er sich das alberne Fähnchen eben aus), denn erstens ist er Bass-Gitarrist (und die Bass-Gitarre ist und bleibt das schwärzeste elektronische Instrument), zweitens vertont er die salzigsten Gedichte der Welt (hier noch ein Beispiel, wenn auch eine dezent andere Geschmacksrichtung: »I said gibbitybiggityupah just another day / Another sad story this tragedy / paramedic anounced death at 10.30 / Rip it up, kick it / spit up the views« (»Sheila«)), und drittens ist er ein Gott, denn er hat Sheila, Georgina, Billy Jay Jones und viele andere erschaffen – denen es zwar niemals an Unglück, Pech, Gewalt und Alkohol mangelt, die aber von ihrem Schöpfer genug Witz, Wissen und Sehnsucht mit auf den Weg bekamen, um wirkliche Geschichten zu erzählen, statt gelegentlich poetische, aber triste Postkarten aus der lethargischen Welt eines Alex Turner zu verschicken.

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VERTRIEB: EMI

VÖ: 02.02.2007

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